Süddeutsche Zeitung

Digitale Gesellschaft:Finnland testet Führerscheine als Smartphone-App

App statt Plastik: In Finnland können derzeit 1000 Autofahrer ihre Fahrerlaubnis auf dem Smartphone vorzeigen. Knöllchen bekommen sie dann auch direkt auf den Bildschirm.

Von Silke Bigalke

Finnland ist App-Land, vielleicht gerade deswegen, weil das Smartphone viele Finnen einst sehr unglücklich gemacht hat. Damals war ihr Nokia-Handy nicht smart genug, verpasste den Anschluss ans iPhone. In Finnland ist danach eine ganze Gründerszene um die Frage herum gewachsen, was man mit einem Handy sonst noch anstellen kann. Sie erfanden Angry Birds und Clash of Clans, der Erfolg finnischer Spiele-Apps war nach der Nokia-Pleite ein kleiner Trost.

Inzwischen gibt es Apps für fast alle Lebenslagen, nicht nur in Finnland sollen ganze Städte smart werden. Dort schalten die kleinen Handy-Programme dann Kaffeemaschinen aus der Ferne aus und überwachen den Energieverbrauch der Sauna. Man kann mit ihnen Taxis rufen, Autos ausleihen und Reisen planen. Trafi, die finnische Verkehrsagentur, möchte nun die erste in Europa sein, die auch den Führerschein als App ausgibt. Seit Mitte Dezember testen etwa 1000 finnische Autofahrer dieses digitale Dokument.

Knöllchen kann die Behörde direkt aufs Handy schicken

Die analoge Version sieht in Finnland fast aus wie in Deutschland: eine Plastikkarte in Kreditkartengröße, blass rosafarben, mit Foto, Name, Geburtsdatum und Angaben darüber, welche Fahrzeuge man fahren darf. Der digitale Führerschein zeigt all diese Informationen auf dem Handy-Display, inklusive einer Art Wasserzeichen, das man sehen kann, wenn man das Gerät etwas kippt. Zur Sicherheit ist zudem der Hintergrund animiert und verändert sich dort, wo man mit dem Finger über den Bildschirm streicht. Das soll Fälschungen verhindern.

Es gibt noch Extras: Knöllchen für Raser kann die Behörde dank App direkt auf deren Handy schicken. Außerdem kann man Informationen über sein Fahrzeug abfragen, etwa, wie viel Steuern es kostet. Das alles macht natürlich nicht so viel Spaß wie Angry Birds, ist aber praktisch. Viele Finnen nutzen den Führerschein, um sich auszuweisen, etwa wenn sie Alkohol kaufen oder Pakete abholen. Die Post hat erklärt, dass ihr die digitale Version dafür reicht. Trafi hat bei Autoverleihern und Autohäusern Werbung für die neue App gemacht. Ziel ist auch, das Portemonnaie mit all dem Plastik darin überflüssig zu machen. Apps zum Bezahlen gibt es in den nordischen Länder schließlich schon.

Andere Länder haben ähnliche Pläne

Muss nur noch die Polizei mitspielen, wenn sie einen Autofahrer auf den Seitenstreifen winkt. Doch damit der digitale Führerschein vor den Gesetzeshütern gilt, müssen die Finnen erst Gesetze anpassen. Der Pilotgruppe hätten sie daher gesagt, dass sie ihren physischen Führerschein dabeihaben sollten, wenn sie Auto fahren, sagt Simo Karppinen, der bei Trafi die Abteilung für Führerscheine leitet. Es werde wohl einige Jahre dauern, bis die App die Plastikkarte völlig ersetze.

Um das Problem auch auf europäischer Ebene zu lösen, gibt es längst eine Arbeitsgruppe, angesiedelt im Verband europäischer Kfz-Zulassungsstellen. Simo Karppinen sitzt in dieser Arbeitsgruppe. Er weiß daher, dass andere ebenfalls schon ziemlich weit sein sollen mit ihren Führerschein-Apps, Großbritannien und die Niederlande beispielsweise. Wer das Rennen macht, kann er daher nicht sagen. Die finnische App "Autoilija" jedenfalls soll im Sommer für alle Finnen verfügbar sein, die ein Smartphone haben. Und eine Fahrerlaubnis.

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SZ vom 13.02.2018/mahu
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