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Corona-Hackathon:Ein virtuelles Fußballstadion gegen das Virus

Das Organisationsteam des Hackathons #WirvsVirus bedankt sich über einen Livestream auf Youtube bei den Teilnehmern.

  • Am Wochenende fand der wohl weltweit größte virtuelle Hackathon unter dem Namen #WirvsVirus statt.
  • 27 000 Freiwillige arbeiteten in fast 1500 Projekten, die gegen die gesellschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus helfen sollen.
  • Die Bundesregierung hatte in der vergangenen Woche kurzfristig die Schirmherrschaft für die Initative übernommen. Die besten Ideen sollen über den Hackathon hinaus staatlich gefördert werden und möglichst schnell umgesetzt werden.

Statt sich von der ersten Woche im Home-Office zu erholen und die Laptops endlich mal zuzuklappen, haben 27 000 Freiwillige auch das Wochenende zu Hause vor ihren Bildschirmen verbracht. Beim Hackathon #WirvsVirus suchten Designer, Projektentwickler, Programmierer und viele weitere Spezialisten gemeinsam nach Lösungen für Probleme in der Corona-Krise.

Beauftragt wurden sie quasi von den Bürgern selbst. Die und verschiedene Bundesministerien hatten in der vergangenen Woche Vorschläge gemacht, was im bundesweiten Hackathon bearbeitet werden sollte. Um die Masse an Freiwilligen sinnvoll auf Projekte zu verteilen, hatten die Organisatoren eine Reihe von Problemen herausgegriffen, die sich durch das neuartige Coronavirus stellen: Wie lässt sich das Abstandhalten im Alltag -"Social Distancing" - in den nächsten Wochen besser realisieren? Wie können Menschen aus der Risikogruppe beim Einkaufen unterstützt werden? Und wie können die bundesweiten Kapazitäten an Krankenhausbetten auf einer Plattform gebündelt werden?

In einem der Projekte haben sich Ana Tibubos, 35, und Jasper Synowski, 25, an diesem Wochenende kennengelernt. Nur virtuell natürlich - kommuniziert haben Tibubos, Synowski und die 23 anderen Teammitglieder per Videochat und Slack, einem Messenger-Dienst für Unternehmen. "Mich hat vor allem beeindruckt, wie produktiv alle waren, es gab keine Alleingänge, jeder hat überlegt, wo er am besten helfen kann", sagt der Student Synowski im Videochat. Er teilt sich das Chatfenster mit seiner Teamkollegin Tibubos, einer Psychologin aus Mainz.

Zuerst dachten beide, der Hackathon würde sich nur an Programmierer richten. Trotzdem meldeten sie sich an und waren überrascht, wie viel sie beitragen konnten: "Wir haben in einem total interdisziplinären Team zusammengearbeitet, aber es gab keine Hierarchien, jeder hat sich mit seiner Position zurechtgefunden", sagt Tibubos. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen ihrer Gruppe war es ihr Ziel, eine Plattform zu entwickeln, die Menschen hilft, mit den psychischen Herausforderungen der Krise besser umgehen zu können.

Herausgekommen ist eine neu aufgesetzte Website namens "Mental Mentor" mit Anregungen wie einem Dankbarkeitstagebuch, das positive Aspekte in Zeiten von Isolation in den Vordergrund rücken soll. Aber auch einem wissenschaflichen Fragebogen auf dessen Grundlage Empfehlungen zur Therapieplatzsuche oder virtuellen Therapieangeboten angeboten werden.

Die Idee für den gigantischen Corona-Hackathon kommt aus Estland. Das digitale Vorzeigeland hatte ein ähnliches Projekt schon eine Woche zuvor organisiert. Viele deutsche Digitalarbeiter verfolgten das Geschehen in Estland via Twitter, unter ihnen Christina Lang. Sie arbeitet für das gemeinnützige Start-up "Tech4Germany", das die Bundesregierung seit 2018 dabei unterstützt, ihren Bürgerservice zu digitalisieren. "Ich habe mir gedacht: Das brauchen wir unbedingt hier auch", sagt Lang. In ihrem beruflichen und privaten Netzwerk nahm die Idee schnell Fahrt auf, immer mehr Menschen wollten bei der Organisation des Hackathons helfen. Um das Kernteam von neun Leuten aus sieben Digitalinitiativen scharte sich bis Samstag ein 100-köpfiges Organisationsteam.

Bereits am Mittwoch konnten Christina Lang und ihre Mitstreiter auch die Bundesregierung von ihrer Idee überzeugen. "Einstimmig", wie Digitalstaatssekretärin Dorothee Bär (CSU) am Freitag beim Eröffnungslivestream auf Youtube den mehr als zehntausend Zuschauern sagte, habe man im Bundeskabinett beschlossen, die Initiative zu unterstützen. Bundeskanzleramtschef Helge Braun (CDU) übernahm die Schirmherrschaft für den Hackathon.

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Am Freitagabend gab es den Auftakt auf Youtube, bei dem sich die Organisatoren via Livestream an die Teilnehmer richteten. Dann konnten die aus einer langen Liste eingereichter Probleme das Projekt aussuchen, bei dem sie mitarbeiten wollten. Die Kommunikation innerhalb der Teams lief über Slack. Doch dort 42 000 Leute gleichzeitig anzumelden, war zu viel. So viele hatten sich ursprünglich für den Hackathon angemeldet. Das Programm stockte, manche Teilnehmer mussten zehn Stunden auf ihre Einladung bei Slack warten. Immerhin 27 000 blieben dabei.

Samstagmorgen hatten sich fast 1500 Projektteams in eigenen Kommunikationskanälen auf Slack zusammengefunden. Von da an wurden in Videokonferenzen Ideen gesammelt, diskutiert und Aufgaben verteilt. Die Programmierer tüftelten gemeinsam an Codes, Grafiker entwarfen Logos. Andere Freiwillige kümmerten sich um die ersten Inhalte und Social-Media-Posts. Das Team "Ernte retten" nahm sich zum Beispiel das Problem vor, dass im Frühjahr 300 000 Saisonarbeitskräfte auf den Feldern fehlen könnten. Gemeinsam setzten sie bis Sonntag eine Website auf, die verschiedene existierende Angebote bündelt, bei denen Erntehelfer und Landwirte zusammenkommen sollen.

Bei der Projektidee "Happy Home" ging es darum, Schülern und Lehrern über eine App ein virtuelles Klassenzimmer mit Videokonferenzfunktion zur Verfügung zu stellen, über die der Unterrichtsstoff weiter erarbeitet werden kann. Außerdem können die Schüler während des Unterrichts Punkte sammeln, die sie dann im "Freizeitbereich" gegen Spiele oder Sportanleitungen eintauschen können. Auch nach dem Unterricht können die Schüler so in Zeiten der Isolation virtuell Klassenkameraden treffen, gegeneinander spielen und sich im Chat austauschen.

Wie kann man hilfsbereite Studenten und Menschen aus der Risikogruppe zusammenbringen?

Nicht alles beim Hackathon drehte sich um die digitale Welt. Eine zentrale Herausforderung war die Frage, wie auch Senioren erreicht werden können, für die das Internet tatsächlich noch Neuland ist. So könnten zum Beispiel Studenten, die die verlängerte vorlesungsfreien Zeit sinnvoll nutzen wollen, für Ältere oder Menschen aus Risikogruppen einkaufen oder mit deren Hunden spazieren gehen. Dabei wurden analoge Lösungen mitgedacht, etwa, dass Hilfsbedürftige sich einen Zettel an die Briefkästen kleben oder sich bei einer Telefonzentrale melden können, um dann mit einem Helfer vor Ort zusammengebracht zu werden.

Innerhalb weniger Wochen hat die Ausbreitung des Coronavirus vor allem dafür gesorgt, dass sich das Gesundheitssystem für den Ernstfall wappnen muss. Auch mehrere Hackathon-Teams arbeiteten an Ideen, wie man die Kapazität von Krankenhausbetten auf einer Plattform bündeln oder zusätzliches Pflegepersonal rekrutieren und organisieren kann. Der Prototyp "pflege-leicht", der beim Hackathon entstand, ist eine App, die künftig auch Laien mit Basiswissen über Pflege versorgen könnte, um sie bei Engpässen als Hilfskräfte einsetzen zu können.

Am Sonntagnachmittag waren schließlich alle Teams damit beschäftigt, ein kurzes Erklärvideo zu ihrem Projekt zu produzieren. Im großen Gesamtchat wurden online Schnittwerkzeuge und freie Software für Schriftarten ausgetauscht. Gegen 18 Uhr luden die Teilnehmer ihre mehr als 1400 Vorstellungsvideos auf die Arbeitsplattform des Hackathons.

Viele Projekte sollen mit Hilfe der Regierung umgesetzt werden können

In dieser Woche sollen alle Videos auf Youtube landen, wo jeder sich die vorläufigen Ergebnisse der Teams ansehen kann. Später soll eine Jury aus Mentoren, Mitgliedern des Organisationsteams und des Kanzleramts die Projekte nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen und schneller Umsetzbarkeit auswerten. Die Bundesregierung hat zugesagt, die besten Ideen und Lösungsansätze aus dem Hackathon möglichst zügig umzusetzen und weiter fördern zu wollen.

Bei der "Abschlussparty" auf Youtube, einem letzten Livestream des Hackathons, flogen dann viele bunte Herzen durch den Chatkanal für das Organisationsteam. Viele Freiwillige waren dankbar, am Wochenende aktiv etwas gegen die Corona-Krise zu tun, statt nur gebannt die steigenden Infektionszahlen zu verfolgen. Christina Lang und ihre Mitstreiter sagen, dass sie jetzt darauf angewiesen seien, dass die Teilnehmer sich weiter für ihre Ideen engagieren, "um sie auch zügig auf die Straße zu bringen".

Kanzleramtschef und Schirmherr Helge Braun zeigte sich in einer Videobotschaft beeindruckt: "Das war offenbar der größte Hackathon, der weltweit bisher durchgeführt wurde." Der bisherige Teilnehmerrekord eines Hackathons lag bei 3245 Menschen in Russland. Der fand allerdings ganz analog statt, die Hacker saßen einander gegenüber. Braun sagte, er sehe sich verpflichtet zu helfen, dass möglichst viele Ideen auch "in der Wirklichkeit landen", wo sie den Menschen nutzen können.

© SZ.de/mxm/vd/jab
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