Cybersicherheit beim Gaming:Beschuss von der Seitenlinie

BESTPIX: DreamHack Leipzig 2019 Gamers Convention

Wo sitzt der Angreifer? Computerspieler beim Gaming-Festival Dreamhack im Februar 2019 in Leipzig.

(Foto: Jens Schlueter/Getty Images)

Gamer sind mittlerweile das Lieblingsziel sogenannter DDoS-Attacken. Das liegt auch daran, dass heute selbst Laien die Angriffe steuern können.

Von Philipp Bovermann

"Irgendwas ist da passiert, die versuchen es jetzt zu viert gegen fünf", sagt der Kommentator. Zwischen den Containern läuft ein erbittertes Feuergefecht. Explosionen sind zu hören, Maschinengewehrfeuer und die Stimmen der beiden Kommentatoren. "Ich habe nichts gesehen", wirft der Kollege aufgeregt ein, "wann ist er rausgeflogen?"

Einer der Spieler hatte die Partie verlassen. Unfreiwillig natürlich, schließlich ging es bei den Playoffs der "Call of Duty League", einem E-Sports-Turnier, das im August stattfand, um Preisgelder in Höhe von insgesamt 4,6 Millionen US-Dollar. Der Profi-Gamer war Ziel eines Angriffs geworden, gegen den er sich trotz seines Geschicks, seiner Schnelligkeit, seines jahrelangen Trainings nicht hatte wehren können. Ein gewaltiges Netzwerk aus mit Schadsoftware befallenen Computern und anderen internetfähigen Geräten - Fernsehern und Überwachungskameras zum Beispiel - hatte seine Internetleitung gleichzeitig mit großen Datenmengen verstopft. So lange, bis er die Verbindung zu dem Online-Match verlor.

Die Besitzer der angreifenden Geräte wissen vermutlich bis heute nichts davon, dass sie eine Rolle in einem E-Sports-Turnier gespielt haben. Und möglicherweise war es nicht der einzige Wettkampf, in den sie sich unfreiwillig eingemischt haben. Laut den IT-Sicherheitsexperten von Netscout sind Gamer inzwischen das beliebteste Ziel solcher digitaler Angriffe geworden, die man "Distributed Denial of Service" nennt, kurz: DDoS.

Früher trafen diese Attacken hauptsächlich Konzerne oder etwa Banken, deren Internetdienste die Angreifer lahmlegten, wenn ihr Opfer nicht zahlte. Obwohl es unterdessen gute Möglichkeiten gibt, sich technisch dagegen zu verteidigen, finden DDoS-Angriffe auch gegen geschützte Ziele immer noch statt - heute aber eher als ein Teil größerer Attacken. Oder als Ablenkungsmanöver, während gleichzeitig Hacker Schadsoftware in das Unternehmensnetz einschleusen.

Viele Gamer hingegen schützten sich gar nicht oder nur unzureichend, trotzdem seien auch sie finanziell lohnende Ziele, sagt Thorsten Mohr, dessen niedersächsisches E-Sports-Team "Playing Ducks" in internationalen und nationalen Wettkämpfen spielt. Mit den wachsenden Fangemeinden würden immer höhere Beträge bei Sportwettportalen gesetzt. "Sobald es um Geld geht, wirst du angegriffen."

In Miami legt ein 16-Jähriger seine Schule per DDoS lahm

Bei den eingangs erwähnten Playoffs der "Call of Duty League" hatte der Veranstalter einen Preis von 100 000 US-Dollar für den Fan ausgelobt, der alle Ergebnisse der Playoffs korrekt tippt - offenbar ohne für ausreichende Sicherheit gesorgt zu haben. Während man also mit der Manipulation von E-Sport-Matches teilweise viel Geld gewinnen kann, ist es auf der anderen Seite so leicht und günstig wie nie geworden, auch als normaler Internetnutzer Netzwerke aus gekaperten Geräten von Internetkriminellen zu mieten. Nur eine kurze Internetrecherche ist nötig, schon findet man schlüsselfertige Zugänge zu Netzwerken, mit denen man für ein paar Euro - zahlbar in Bitcoin - Hunderte Gigabyte pro Sekunde auf die Internetadresse eines beliebigen Ziels abfeuern kann.

Wer häufiger jemandem die Internetverbindung kaputtschießen will, kann solche DDoS-Services auch bequem als monatliches Abo buchen. In Miami legte damit kürzlich ein 16-Jähriger den Online-Unterricht seiner Schule lahm. Gelegentlich "botten" sich Hobby-Gamer auch gegenseitig. Einfach aus Jux, weil es so gut wie nichts kostet.

Wer hinter DDoS-Attacken steckt, ist nur schwer zu ermitteln. Das liegt in ihrer Natur, da das Opfer gleichzeitig von Tausenden, Zehntausenden oder gar Millionen Geräten mit Daten bombardiert wird. Vorstellbar wäre auch, sagt "Playing Ducks"-Chef Thorsten Mohr, dass hinter einigen der Attacken Fans stecken, die ihr Team mit unfairen Methoden von der Seitenlinie aus unterstützen wollen. Zugeben würden sie es anschließend wohl kaum. Die Antwort des unterstützten Spielers kann Mohr sich lebhaft vorstellen: "Bist du denn bescheuert, warum hast du das gemacht? Wir hätten auch auf normalem Weg gewonnen!"

© SZ
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