Big Brother Awards 2016:Der Große Bruder sieht dich

Die Versicherung zählt Schritte, Mitarbeiter werden per Software unter Druck gesetzt, Agenten schreddern NSU-Akten: Preisträger der Big Brother Awards für besonders schlechten Datenschutz in Bildern.

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Bundesamt für Verfassungsschutz

Quelle: dpa

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Seit 2000 vergibt der Verein Digitalcourage e.V. aus Bielefeld jährlich Negativ-Preise für besonders mangelhaften Datenschutz. Seine Jury wählt Unternehmen, Behörden oder Personen aus, die den Schutz persönlicher Informationen schwächen oder besonders eifrig Daten sammeln. Ziel ist dem Verein zufolge, das abstrakte Thema Datenschutz in die Mitte der Gesellschaft zu holen. In verschiedenen Kategorien prangert er deshalb öffentlich an, wie man es nicht machen sollte.

Kategorie: Lebenswerk

Preisträger: Bundesamt für Verfassungsschutz

Preiswürdige Leistung: "Historisch beispielloses Staats- und Behördenversagen," so zitiert die Jury das Urteil des NSU-Untersuchungsausschusses über den Bundesverfassungsschutz. Dieser überwacht und stigmatisiere der Jury zufolge staatskritische Personen zu stark. Das V-Leute-System sei unkontrollierbar, der Dienst zu stark mit der rechten Szene verflochten: Das Bundesamt für Verfassungsschutz habe dabei geholfen, die Neonazi-Szene aufzubauen und zu vernetzen, es schütze V-Leute vor Strafverfolgung. Das gehe bis zur Vertuschung illegaler Praktiken, heißt es mit Verweis auf den Fall, in dem ein Mitarbeiter des Amtes Dokumente zum NSU-Fall schredderte.

Screenshot der deutschen Website von Change.org

Quelle: SZ.de, Screenshot

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Kategorie: Wirtschaft

Preisträger: Change.org

Preiswürdige Leistung: Non-Profit? Von wegen. Change.org ist zwar dafür bekannt eine Kampagnenplattform zu sein. Die Firma verheimliche aber, dass sie personenbezogene Daten der Nutzer mit Daten über deren politische Meinung bündele und vermarkte, urteilt die Jury. Den Nutzern sei das nicht bewusst, weil es nicht ausreichend kommuniziert werde. Datenschutzrechtlich sei diese Form der Vermarktung in Europa sogar unzulässig, weil die gesammelten Informationen sensibel seien. Gleiches gelte für die Datenübertragung in die USA, weil sich die Datenschutzbestimmungen noch auf das mittlerweile unwirksame Safe-Harbor-Abkommen berufen.

Webseite von Change.org

Quelle: SZ

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Kategorie: Technik

Preisträger: Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)

Preiswürdige Leistung: Die elektronische Chipkarte, die VBB Fahrcard, speichert bei jedem Einsteigen Datum, Uhrzeit, Buslinie und Haltestelle. Die Bewegungsprofile, die sich daraus erstellen lassen, können per Smartphone ausgelesen werden. Besonders dreist der Jury zufolge: Nutzer der Karte seien lange Zeit ahnungslos geblieben. Die BVG habe wider besseren Wissens behauptet, dass es technisch gar nicht möglich sei, solche Informationen auf den Karten zu speichern. Das Beispiel zeige, wie wichtig es für Verkehrsbetriebe sei, sich bei Neuerungen von Anfang an um Datenschutz zu kümmern.

Generali Köln

Quelle: Marius Becker/dpa

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Kategorie: Verbraucherschutz

Preisträger: Generali-Versicherung

Preiswürdige Leistung: Generali verspricht seinen Versicherten Vorteile, wenn sie sich überwachen lassen: Wer Fitnessdaten oder sein Einkaufsverhalten per App an die Versicherung meldet, bekommt Bonuspunkte. Die Versicherung leite die Daten nach Südafrika weiter. Die Jury bezweifelt, dass diese Ausleitung legal ist. Das Konzept verstoße gegen den Grundgedanken des Sozialsystems und sei unsolidarisch gegenüber denjenigen, die weniger sportlich oder weniger gesund seien.

Update, 23. April 2016: Die Versicherung wehrt sich gegen die Vorwürfe. Am Tag nach Veröffentlichung der "Preisträger" schreibt sie in einer Mitteilung, die Darstellung der Jury sei falsch: "Es werden keinerlei Daten nach Südafrika übermittelt. Wir haben das Konzept lediglich in Kooperation mit Discovery, einem südafrikanischen Unternehmen, entwickelt."

Social Dashboard Software IBM

Quelle: www.ibm.com, Screenshot

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Kategorie: Kommunikation

Preisträger: IBM

Preiswürdige Leistung: IBMs Software "Social Dashboard" versuche das Sozialverhalten von Angestellten zu kontrollieren und auszuwerten, schreibt die Jury. Die Software bilde aus den Metadaten des firmeneigenen sozialen Netzwerks eine Punktzahl für jeden Mitarbeiter. Je nachdem, wie aktiv dieser Nachrichten beantworte oder wie gut seine Arbeit bewertet werde, steige oder sinke er im Ranking. Das führe zu falschen Anreizen und steigere den Arbeitsdruck, urteilt Digitalcourage. Arbeitsrechtlich sei die Auswertung von Kommunikationsdaten und sozialen Netzwerken heikel. Bisher wurde die Software allerdings nur von Freiwilligen getestet.

© SZ.de/mor/jab
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