Berliner Start-Up Taptalk:Kopiert, nicht gekauft

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Berliner Start-Up Taptalk: Tippen, filmen, senden: Mit "Taptalk" lassen sich Bild- und Videobotschaften an Freunde verschicken - und einmal anschauen. Dann werden sie gelöscht.

Tippen, filmen, senden: Mit "Taptalk" lassen sich Bild- und Videobotschaften an Freunde verschicken - und einmal anschauen. Dann werden sie gelöscht.

(Foto: PR)

Taptalk ist die wohl schlichteste App fürs Smartphone. Wer Foto- und Video-Nachrichten verschicken will, kann das in Sekundenschnelle. Als Facebook und Instagram neue Apps präsentieren, sind die Ähnlichkeiten verblüffend. Das ist zwar ein Kompliment - bringt Taptalk aber geschäftlich wenig.

Von Hakan Tanriverdi, Berlin

Onno Fabers Botschaft ist kurz - und sie ist gut zu lesen auf seinem selbst bedruckten T-Shirt. "F . . . retakes", steht dort auf Englisch. Sehr frei übersetzt heißt das: "Vergiss den zweiten Versuch". Einmal reicht. Übertragen auf die Welt digitaler Videos: Ein zweites Mal gedreht wird nicht.

Genau darum geht es in der App, die Faber mitentwickelt hat und die als Schnappschuss ebenfalls auf dem T-Shirt zu sehen ist. Sie heißt Taptalk, ist entstanden in Berlin und erregt im Silicon Valley seit Monaten große Aufmerksamkeit. Über die App lassen sich mit einer einzigen Berührung kurze Bild- und Video-Nachrichten aufnehmen und verschicken, die sich nach wenigen Sekunden selbst zerstören.

Fabers App ist nicht die erste, die Nachrichten mit Selbstzerstörungsmechanismus versendet. Die Dienste von Snapchat beispielsweise nutzen inzwischen etwa 400 Millionen Menschen. Aber so schlicht wie Taptalk ist wohl keine andere App: Alle Funktionen finden sich im Start-Bildschirm. Oben der Bildausschnitt der Smartphone-Kamera, unten die Profilbilder der potenziellen Empfänger. Eine einzige Berührung genügt, um ein Bild oder Video zu verschicken - an einen einzelnen Freund, nicht an eine größere Gruppe. Und der kann die Nachricht nur einmal anschauen, dann wird sie gelöscht. "Du redest mit einer Person, mit einem Freund, eins zu eins. Das ist natürlicher", sagt Faber. "Diese Fotos und Videos sind persönlich. Sie sind an diese eine Person gerichtet und nicht an die gesamte Öffentlichkeit."

Einige US-Blogs schreiben, dass ausgerechnet Facebook-Mitarbeiter große Fans von Taptalk seien. Nur haben mittlerweile Facebook und Instagram, zwei Riesen der App-Ökonomie, eigene Programme mit vergleichbaren Funktionen auf den Markt gebracht.

Berlin Mitte statt Silicon Valley

Und da liegt Fabers Problem: Facebooks App Slingshot weist auffällige Ähnlichkeiten zu Taptalk im Design und in der Aufteilung des Bildschirms auf. Das Slingshot-Logo sieht fast genauso aus wie das von Taptalk. Die Instagram-App Bolt wiederum übernimmt von Taptalk die einfachen und schnellen Abläufe beim Versenden der Nachrichten.

Facebook und Instagram haben sich von Fabers Idee also mindestens inspirieren lassen. Es sieht so aus, als hätten sie das Programm einfach nachgebaut. Nicht getan haben sie hingegen das, was man von ihnen am ehesten erwartet hätte: Fabers Team, und damit die App, einfach zu kaufen. So, wie Facebook in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe junger Technologiefirmen gekauft hat.

Also sitzt Onno Faber, 32, blonde, zerzauste Haare, weiterhin in Berlin und nicht im Silicon Valley. U-Bahn-Haltestelle Bernauer Straße, das Klingelschild von Taptalk hängt neben dem von Soundcloud, einem der wenigen Vorzeige-Start-ups aus Deutschland. Direkt um die Ecke hat vor wenigen Monaten die "Factory" eröffnet, eine Art Gründerzentrum für junge Internetunternehmer, die vor allem Apps entwickeln.

Dass andere die Technik kopieren, schmeichelt ihm

Taptalk-Gründer Faber ärgert es, kopiert zu werden. Auch wenn er sich um eine konkrete Antwort drückt und sagt, dass er das als Kompliment sieht. "Aber ein Kompliment allein ist nicht gut für das Geschäft", ergänzt er. Immerhin: Faber ist nur kurz in der Stadt. Sein Terminkalender ist voll. Alle wollen mit ihm reden. In Berlin macht er mittlerweile nur noch kurze Ruhepausen, bevor er zu den nächsten Treffen in die USA fliegt. Faber trifft sich nach eigener Aussage mit allen Größen des Geschäfts - mit Investoren ebenso wie mit Managern der Konzerne: Facebook, Twitter, Whatsapp. Ob auch Personen aus der ersten Reihe darunter sind, also zum Beispiel Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, will er nicht verraten.

Dass die Menschen es gerne sehen, wenn ihre Kommunikation auch in Zeiten von Smartphones und praktisch unendlichem Speicherplatz vergänglich ist, dafür spricht der Erfolg von Snapchat. Facebook, so wurde berichtet, bot dem Snapchat-Gründer, Evan Spiegel, drei Milliarden Dollar für seine Firma. Doch Spiegel lehnte ab.

Für Taptalk hat Facebook nicht geboten. Die App ist seit ein paar Monaten auf dem Markt. Die Firma ist klein, das Team besteht aus vier Personen. Wie viele Menschen die App nutzen, verrät Gründer Faber nicht. Nur dass sie um so kontinuierlicher genutzt werde, je mehr Freunde dabei seien. Pro Tag verschickt ein durchschnittlicher Nutzer nach Fabers Angaben zehn Foto- und Video-Nachrichten.

Wie wird man erfolgreich?

"Wir wollten eine App bauen, die speziell für das Smartphone entwickelt wurde", sagt er. Eine App also, die innerhalb eines einzigen Bildschirms funktioniert. Genau dafür wird Taptalk in vielen Blogs immer wieder gelobt: für die Geschwindigkeit, mit der sich das Programm bedienen lässt.

Fabers Firma steht nun vor der Frage, wie sie die Nutzerzahlen der App steigern kann. Die Berliner Gründer waren zwar die ersten, die den Ansatz gewählt haben, alle Funktionen der App auf einen Blick anzuzeigen. Was aber nicht zwangsläufig heißt, dass sie auch diejenigen sein werden, die das Modell erfolgreich etablieren. Die App-Ökonomie ist geprägt von der Angst, das nächste große Ding zu verpassen. Das ist der Grund, warum Facebook und Instagram längst ihre eigenen Versionen für Bilder mit Verfallsdatum entwickelt haben. Sie hätten auch Taptalk kaufen können.

Faber hat Erfahrung in der Gründerszene: Taptalk ist die zweite App, die er entwickelt hat. Die erste wurde mittlerweile eingestellt - erfolgreich war sie nicht. Diesmal soll es anders laufen. Er wolle die Firma dort haben, wo sie sein müsse, sagt Faber, und dass "Berlin ein guter Ort für Start-ups" sei. Doch sein nächster Flug über den Atlantik ist bereits gebucht. Schon bald wird er eine Nachricht per Taptalk verschicken: "Schöne Grüße aus den USA". Das Silicon Valley ist eben auch ein guter Ort für Start-ups.

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