Apple Watch im Langzeit-Test:Nervig oder witzig?

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"Und wozu brauchst du die jetzt?", lautet eine der skeptischen Standardfragen watch-loser Freunde an den Watch-Besitzer. Mal abgesehen davon, dass "brauchen" keine passende Kategorie für den Besitz von E-Spielzeug ist: Die Apple-Uhr ist schon nützlich, weil sie in prägnante Worte fasst, was man sonst nur diffus spürt. Neulich im Büro, zwei Konferenzen am Stück, die zweite ist noch nicht beendet, da surrt die Uhr und meldet auf dem Bildschirm: "Zeit aufzustehen! Stehen Sie auf und bewegen Sie sich eine Minute." Ein derart striktes Zeitmanagement würde man sich von manchem Konferenzleiter wünschen.

Auffällig daran ist auch, dass die Uhr einen durchaus fordernden Tonfall anschlagen kann. "Zeit aufzustehen": Das ist eine Ansage, die keinen Aufschub duldet. Sie kontrastiert mit dem süßlichen Sound, in den die Watch ansonsten ihre Mitteilungen kleidet: Wie toll es doch sei, dass man schon einen Großteil seines Stehziels erreicht habe, obwohl der Tag noch so jung sei. "Stehziel", das muss man wissen, ist, dass man in jeder von zwölf Stunden pro Tag einmal aufgestanden sein sollte.

Die Ansprache durch die Watch kann man nervig oder witzig finden - Tatsache ist in jedem Fall, dass sie funktioniert. Das leichte Anstacheln über den ganzen Tag führt eindeutig dazu, dass sich der Besitzer mehr bewegt. Und sich freut über die kleinen virtuellen Fleißbildchen, die man für besonders gute Leistungen in Form von animierten Plaketten auf sein iPhone geschickt bekommt. Bei alledem liegt die Frage an die Uhr nahe, ob sie eigentlich auch Sport betreibt. Per Spracherkennung Siri gefragt, antwortet die Uhr schriftlich sofort: "Ich trainiere gerade meinen Core-Prozessor." Frank Müller

Ab in die Schublade

Es sollte die Sport-Edition sein. Die ist zwar die am wenigsten teure, für eine Sportuhr aber alles andere als günstig - zumal eine Sportuhr ohne GPS so sinnvoll ist wie ein MP3-Player ohne Kopfhöreranschluss - auch den hat sich Apple gespart bei dieser Uhr, die sich nicht wirklich abkoppeln lässt vom iPhone. Doch genau das möchte ich ja beim Laufen nicht mit mir rumschleppen. Muss man aber mit der Watch, auf der die gängigen Sport-Apps wie Runtastic oder Strava zwar mit speziellen Apps vertreten sind, die aber während eines Laufs nicht wirklich übersichtlich zu handhaben sind. Die Apple-eigene Aktivitäten-App dagegen läuft eher in der Kategorie unnützes Wissen: Mir muss kein Programm dreimal am Tag verklickern, dass ich mein Bewegungsziel erreicht hätte, ich brauche nach einer Stunde am Schreibtisch keine aufdringliche Aufforderung, nun endlich mal aufzustehen, und wenn ich mitten in der Nacht im Bett liegend einen Hinweis bekomme, dass ich mein "Stehziel erreicht" hätte, finde ich das eher befremdlich. Taugt das teure Männer-Spielzeug, das nicht mal richtig Spaß macht, also gar nichts?

Doch: Push-Nachrichten sowie eingehende Mails und Kurznachrichten auf der Uhr zu checken, ist durchaus praktisch - zumindest während längerer Meetings, bei denen das Hervorholen des iPhones als unaufmerksam und unhöflich gilt. Ehrlich gesagt, nutze ich die Apple Watch nur noch an Tagen mit vielen Konferenzen - oder während eines schlechten Kinofilms. Und manchmal auf dem Fahrrad, um auf eine Whats App mit Siris Hilfe zu antworten: Die Diktierfunktion klappt erstaunlich gut. Ansonsten warte ich aufs neue Betriebssystem Watch OS2, das bessere Apps verspricht und im Herbst erscheinen soll. Bis dahin darf die Apple Watch in der Schublade mit dem ausrangierten Elektroschrott schlummern. Gunnar Jans

Aufstehen auf der Autobahn

Wer nicht irgendwann lernt, den Nachrichtenfluss zu steuern, wird zu dessen Gefangenen. Mit einem Gerät am Handgelenk, das auch noch taktil auf sich aufmerksam macht, lässt sich bewusst gesteuerte News-Askese kaum verwirklichen. Etwas Bewegung, das kann aber doch nicht schaden. Eigentlich nicht, aber warum müssen Algorithmen so dumm sein? Wie kann einen das Ding drei Stunden lang Auto fahren lassen, um zwei Minuten nach einer Pause zum Aufstehen aufzufordern? Bei 150 auf der Autobahn? In der S-Bahn misst es schließlich auch, wenn die 120 fährt und man vergessen hat, beim Radl-Training auf Stop zu drücken. Andererseits ist das aber gut für den Schnitt. Der wird schließlich manchmal versaut, wenn die Uhr nicht exakt am Handgelenk pappt. Dann ist die Herzfrequenz ganz schnell im mortalen Bereich. Und die Apps? Eigentlich kommt nur der Musikplayer öfters zum Einsatz und die für Sport. Helmut Martin-Jung

© SZ vom 08.07.2015/mri
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