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Hype-Computerspiel "Among us":Labern und lügen im Weltraum

Wer ist hier verdächtig? Eine Szene aus "Among Us".

(Foto: IGDB)

17,7 Milliarden Tiktok-Aufrufe - warum ist das zwei Jahre alte Computer-Rollenspiel "Among Us" plötzlich so populär geworden?

Von Philipp Bovermann

Alexandria Ocasio-Cortez muss lügen und betrügen und Astronauten ermorden, wenn sie gewinnen will - die US-Wahl steht bevor. Deshalb hat sich die Demokraten-Politikerin am Dienstag in die Welt des Computerspiels "Among Us" begeben. Sie hat ein paar Partien gespielt und sich dabei selbst gefilmt, zwischendurch hat sie die Aufmerksamkeit genutzt, um die Zuschauer aufzufordern, wählen zu gehen. Eine Wahlkampfveranstaltung im Internet also, im Zentrum eines ungeheuren Hypes. "Among Us" ist das Boom-Game der Stunde.

Die amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez hat bei „Among Us“ mitgespielt und ihren Auftritt für den Wahlkampf genutzt.

(Foto: AFP)

Auf der Plattform Steam sind fast durchgehend mehr als 100 000 Spieler gleichzeitig in "Among Us" eingeloggt, der Hashtag #amongus hat rund 17,7 Milliarden Aufrufe auf Tiktok. Ein immenser Erfolg für ein Spiel, das auf einem simplen Prinzip beruht: reden.

Die Spieler schlüpfen in die Rollen einer Astronautenmannschaft. Zwei von ihnen wird zu Beginn der Partie die Rolle als "Hochstapler" zugewiesen, also von Aliens, die nur so tun, als seien sie Menschen. Weil alle Spielfiguren bunte Raumanzüge tragen, kann man nicht sehen, wer zu welcher Gruppe gehört. Nur die "Hochstapler" kennen sich untereinander. Sie versuchen, die anderen Crewmitglieder zu meucheln, wenn gerade keiner guckt. Sobald eine Leiche auftaucht, hält die Crew Kriegsrat: Wer wurde zuletzt mit dem Opfer gesehen? Wer soll aus der Raumschleuse befördert werden? Dann wird abgestimmt - wie bei dem analogen Rollenspiel "Die Werwölfe von Düsterwald". Trotzdem steht "Among Us" für einen wichtigen Onlinegaming-Trend.

Werden die Spiele sozialer? Jedenfalls eignen sie sich hervorragend für Influencer

Es fällt in eine Kategorie, die man in Anlehnung an die "sozialen" Digitalplattformen "soziale Games" nennen könnte - wobei natürlich alle Onlinespiele mehr oder weniger "sozial" sind. Titel wie "Fortnite" oder "Minecraft" leben gerade nicht von der totalen Immersion in der Spielwelt, von der Virtual-Reality-Enthusiasten träumen, sondern davon, dass man sich stets von ihr lösen und darüber ins Gespräch kommen kann. "Among Us" verlagert nun das eigentliche Spiel in diese Gespräche. Es ist als Computerspiel so effektiv, weil es nur zum Teil ein Computerspiel ist.

Dass sich über einige Spiele besser, über andere schlechter sprechen lässt, wird auch ein immer bedeutenderer Faktor in dem Prozess, in dem Gaming-Trends entstehen. Influencer, die sich selbst beim Spielen filmen, dabei locker das Geschehen kommentieren und aus ihrem Leben erzählen, haben diesen Sommer den 2018 erschienenen, bis dato völlig unbekannten Titel entdeckt und ihn dann schlagartig populär gemacht. Zu "Among Us" lässt sich nämlich hervorragend "influencen" - oder eben Wahlwerbung machen. Es macht die Persönlichkeit der Spieler zum eigentlichen Spielfeld - im Kriegsrat der Astronauten wird sie Runde für Runde wechselseitig analysiert. Wer verhält sich verdächtig? Wer ist "sus", also "suspekt", in der Sprache der Fans?

Zu fragen wäre in diesem Zusammenhang auch, ob nicht nur die Games "sozialer" werden - sondern umgekehrt auch die sozialen Plattformen zunehmend wie Games funktionieren. Zwischen Highscores und Likezahlen besteht eine offensichtliche Ähnlichkeit, aber die Belohnungsmechaniken werden immer differenzierter. Wenn man die Plattformen als verkappte Computerspiele betrachtet, fehlt ihnen nur eine Handlungsebene. Bei "Among Us" geht sie so: Eine Gruppe wird in zwei Lager unterteilt, die gegeneinander arbeiten. Verdächtigungen entstehen, ob jemand zur feindlichen Fraktion gehört. Am Ende wird einer hingerichtet.

© SZ vom 24.10.2020
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