bedeckt München 19°

Türkei:"In der Putsch-Nacht habe ich gedacht: Das war's"

Aftermath of an attempted coup d'etat in Turkey

Obwohl der Putsch-Versuch Mitte Juli gescheitert ist, bestimmen die Ereignisse in der Türkei nach wie vor die Schlagzeilen.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet jetzt für ein Semester in die Türkei? Vier deutsche Erasmus-Studenten erzählen, warum sie trotz Unruhen und Anschlägen an ihren Plänen festhalten.

Erasmus gilt an der Uni als Synonym für ein Partysemester, das sich auch noch gut im Lebenslauf macht. Aber was tut man als Student, wenn aus dem Wunsch-Land plötzlich nur noch schlechte Nachrichten kommen?

Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei bestimmen die mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe und die "politischen Säuberungen" an den Hochschulen die Schlagzeilen in deutschen Medien. Vergangene Woche gingen die Bilder von einem Terroranschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft im Südosten des Landes um die Welt. Vier Studenten erzählen, warum sie sich trotzdem für ein Auslandssemester in der Türkei entschieden und wie sie den Putsch erlebt haben.

"Ich habe in der Türkei viel über Demokratie gelernt"

Simon studiert in Bochum "European Culture and Economy" und macht gerade ein Praktikum bei einer politischen Stiftung in Istanbul.

"Zwei Wochen vor dem Putschversuch waren die Terroranschläge am Istanbuler Flughafen. Damit hatte ich gerechnet, als ich in die Türkei gekommen bin. Aber mit einem Putsch? Damit kann man im 21. Jahrhundert doch nicht rechnen. Ich war an dem Abend mit Freunden im Restaurant, als wir die Nachricht bekommen haben, dass die Brücken abgesperrt sind. Da wusste noch niemand, was los ist. Mit der Zeit machte sich in unserem Restaurant eine seltsam aufgeregte Gelassenheit breit und das Wort "Putsch" kam auf.

Draußen auf der İstiklal, der Prachtstraße von Istanbul, ist schnell eine Massenpanik ausgebrochen. Wir haben uns in einem Hauseingang versteckt und sind anschließend zu mir nach Hause gegangen. Dort haben wir zu fünfzehnt in unserer Wohnung gesessen und uns mit unseren Handys auf dem Laufenden gehalten. In unserem Stadtteil wurde ziemlich oft geschossen und die Flugzeuge, die mit Überschall über die Stadt flogen, hörten sich wie eine Bombardierung an.

Irgendwann kam dann Präsident Erdoğan per Facetime im Fernsehen und hat sein Volk zum Widerstand aufgerufen. Man konnte hören, wie sich in meinem Stadtteil jede Menge Männer auf den Weg gemacht haben. Die ganze Nacht geisterten Gerüchte durch die sozialen Medien. Das eindeutig Schwachsinnigste war, dass Erdoğan geflohen sei, um in Deutschland Asyl zu beantragen.

In der Putsch-Nacht selbst habe ich schon überlegt, meinen Aufenthalt abzubrechen. Zur Not wäre ich in zwanzig Minuten an der deutschen Botschaft gewesen. Aber als klar war, dass der Putsch gescheitert ist, ist der Alltag bizarr schnell wieder eingekehrt. Die Geschäfte waren geöffnet, es gab wieder Geld an den Automaten und die Zeitungen waren voll mit Heldengeschichten. Abends haben die Menschen ihre Fahnen geschwungen, um sich und ihren Präsidenten zu feiern. Es war seltsam, dass die Stimmung sich so schnell zum Positiven geändert hat. Ich habe hier viel mehr über Demokratie gelernt als in meinem Politik-Studium.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite