Türkei:"In der Putsch-Nacht habe ich gedacht: Das war's"

Aftermath of an attempted coup d'etat in Turkey

Obwohl der Putsch-Versuch Mitte Juli gescheitert ist, bestimmen die Ereignisse in der Türkei nach wie vor die Schlagzeilen.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet jetzt für ein Semester in die Türkei? Vier deutsche Erasmus-Studenten erzählen, warum sie trotz Unruhen und Anschlägen an ihren Plänen festhalten.

Von Nadja Lissok

Erasmus gilt an der Uni als Synonym für ein Partysemester, das sich auch noch gut im Lebenslauf macht. Aber was tut man als Student, wenn aus dem Wunsch-Land plötzlich nur noch schlechte Nachrichten kommen?

Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei bestimmen die mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe und die "politischen Säuberungen" an den Hochschulen die Schlagzeilen in deutschen Medien. Vergangene Woche gingen die Bilder von einem Terroranschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft im Südosten des Landes um die Welt. Vier Studenten erzählen, warum sie sich trotzdem für ein Auslandssemester in der Türkei entschieden und wie sie den Putsch erlebt haben.

"Ich habe in der Türkei viel über Demokratie gelernt"

Simon studiert in Bochum "European Culture and Economy" und macht gerade ein Praktikum bei einer politischen Stiftung in Istanbul.

"Zwei Wochen vor dem Putschversuch waren die Terroranschläge am Istanbuler Flughafen. Damit hatte ich gerechnet, als ich in die Türkei gekommen bin. Aber mit einem Putsch? Damit kann man im 21. Jahrhundert doch nicht rechnen. Ich war an dem Abend mit Freunden im Restaurant, als wir die Nachricht bekommen haben, dass die Brücken abgesperrt sind. Da wusste noch niemand, was los ist. Mit der Zeit machte sich in unserem Restaurant eine seltsam aufgeregte Gelassenheit breit und das Wort "Putsch" kam auf.

Draußen auf der İstiklal, der Prachtstraße von Istanbul, ist schnell eine Massenpanik ausgebrochen. Wir haben uns in einem Hauseingang versteckt und sind anschließend zu mir nach Hause gegangen. Dort haben wir zu fünfzehnt in unserer Wohnung gesessen und uns mit unseren Handys auf dem Laufenden gehalten. In unserem Stadtteil wurde ziemlich oft geschossen und die Flugzeuge, die mit Überschall über die Stadt flogen, hörten sich wie eine Bombardierung an.

Irgendwann kam dann Präsident Erdoğan per Facetime im Fernsehen und hat sein Volk zum Widerstand aufgerufen. Man konnte hören, wie sich in meinem Stadtteil jede Menge Männer auf den Weg gemacht haben. Die ganze Nacht geisterten Gerüchte durch die sozialen Medien. Das eindeutig Schwachsinnigste war, dass Erdoğan geflohen sei, um in Deutschland Asyl zu beantragen.

In der Putsch-Nacht selbst habe ich schon überlegt, meinen Aufenthalt abzubrechen. Zur Not wäre ich in zwanzig Minuten an der deutschen Botschaft gewesen. Aber als klar war, dass der Putsch gescheitert ist, ist der Alltag bizarr schnell wieder eingekehrt. Die Geschäfte waren geöffnet, es gab wieder Geld an den Automaten und die Zeitungen waren voll mit Heldengeschichten. Abends haben die Menschen ihre Fahnen geschwungen, um sich und ihren Präsidenten zu feiern. Es war seltsam, dass die Stimmung sich so schnell zum Positiven geändert hat. Ich habe hier viel mehr über Demokratie gelernt als in meinem Politik-Studium.

"Wir lesen von den Anschlägen nur in der Zeitung"

Julian, 22, studiert in Bonn "Politik und Gesellschaft". Er geht nach seinem Sprachkurs für ein Semester nach Ankara.

"Ich bin das erste Mal in der Türkei und mache gerade noch einen Sprachkurs in Izmir. In der Stadt selbst sind generell wenige Touristen. Trotzdem ist Izmir sehr westlich und liberal, im Ausgehviertel Alsancak fühle ich mich wie in Kreuzberg. Überall wird sogar auf der Straße Alkohol getrunken.

In Deutschland gibt es im Moment ein verzerrtes Bild vom Leben in der Türkei. Es ist irgendwie surreal: Obwohl es in den eineinhalb Wochen, die ich hier bin, schon mindestens ein Dutzend Anschläge gab, leben wir als Sprachschüler sehr sorglos. Von den Konflikten im Osten des Landes erfahren wir aus der Zeitung. Es fällt nur auf, dass man deutlich mehr Polizisten als zu Hause sieht und es gibt offiziell eine Ausgangssperre ab 24 Uhr.

Als der Putsch begann, war ich noch in Deutschland und saß in der Uni-Bibliothek. Da hatte ich natürlich ein mulmiges Gefühl. Da aber kein Bürgerkrieg ausbrach, habe ich mich wieder beruhigt. Die Entwicklungen betreffen mich persönlich nicht, ich gehöre nicht zur Zielgruppe der Säuberungen. Ich werde mich von Demonstrationen fernhalten und es vermeiden, über Politik zu reden, erst recht in der Öffentlichkeit.

Die Stimmung bei mir zu Hause ist gespalten. Mein Vater ist selbst 1965 mit 15 Jahren allein in die Türkei getrampt und traut mir zu, dass ich weiß, wie ich mich verhalten muss. Meine Mutter macht sich schon Sorgen. Viele Bekannte kommen zu ihr und wollen, dass sie mich davon abbringt oder mir sogar verbietet, in die Türkei zu gehen. Die Uni hat uns nicht auf die veränderte Situation vorbereitet. Das muss, glaube ich, jeder für sich erledigen. Das Auslandssemester nicht zu machen - das würde ich nur überlegen, wenn auf meine Uni ein Anschlag verübt werden würde oder es Massenproteste gäbe. Aber eigentlich steht fest, dass ich nach Ankara gehen werde."

"In der Putsch-Nacht habe ich gedacht: Das war's."

Anne, 23, studiert Politikwissenschaft in Bonn und geht für ein Auslandssemester nach Istanbul.

"Als in der Putsch-Nacht die Nachrichten kamen, hatte ich Herzklopfen und war die ganze Nacht wach. In dem Moment habe ich gedacht: Das war's. Unter einem Militärregime hätte ich nicht leben wollen und das Programm wäre wahrscheinlich abgesagt worden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst orientiert sich dabei am Auswärtigen Amt, bei einer Reisewarnung findet auch das Erasmus-Programm nicht statt.

Nachdem sich die Lage aber wieder beruhigt hat, will ich unbedingt gehen. Ich interessiere mich sehr für die Türkei, hatte in der Schule viele türkische Mitschüler und habe mich während meines Studiums mit der türkischen Außenpolitik beschäftigt. Außerdem will ich die Sprache lernen und habe mir in Istanbul extra eine WG mit einer Türkin gesucht. Ich weiß noch nicht, wie ich mir den Uni-Alltag in der Türkei vorstellen soll. Es könnte gut sein, dass die Diskussionskultur in den Politik-Veranstaltungen ganz anders ist als in Deutschland.

Meine Eltern stehen absolut hinter mir und meiner Entscheidung, in die Türkei zu gehen, sind aber trotzdem beunruhigt. Sie vertrauen einerseits auf mein Urteilsvermögen. Andererseits merke ich, dass speziell meine Mutter und meine Oma Angst um mich haben und das setzt mir zu. Ich verstehe ihre Sorgen, trotzdem gehe ich mit einem positiven Gefühl nach Istanbul. Das Sicherheitsempfinden ist immer individuell und sollte ich mich nicht wohlfühlen, werde ich auch nicht dort bleiben. Ich glaube, wir vergessen in Deutschland oft, dass es auch in Ländern mit politischen Unruhen und Krisen einen Alltag gibt.

"Um mit Kommilitonen über Politik zu reden, muss man erst Vertrauen aufbauen"

Lisa macht ein duales Studium im Bereich BWL & Logistik und war bis Januar 2016 für ein Semester an einer privaten Universität in Istanbul.

"Ich finde, die Türkei ist ein faszinierendes Land, sie ist vielmehr als nur ein Urlaubsziel. Ich habe in Deutschland viele türkische Freunde und wollte ihre Kultur besser verstehen. Deshalb habe ich mich entschlossen, vergangenes Jahr in die Türkei zu gehen.

Während meiner Zeit in Istanbul fanden Wahlen statt. Es war insgesamt unruhig in der Stadt und alle waren - anders als in Deutschland - ziemlich angespannt. Ich habe viel mit Kommilitonen gesprochen, die politisch interessiert waren und sich kritisch gegenüber der Regierung geäußert haben. Das geht aber erst, wenn man Vertrauen aufgebaut hat. Man sollte auf keinen Fall mit Personen, die man kaum kennt, über Politik sprechen.

Ich glaube, ich habe meine Zeit dort ganz anders empfunden als meine Freunde und Familie in Deutschland. Sie hatten viel mehr Angst um mich als ich selbst. Ich war eigentlich nicht um meine Sicherheit besorgt, habe bei Anschlägen aber sofort Nachrichten an meine Familie geschickt, dass es mir gut geht. Ansonsten habe ich diesbezüglich viel von meinen türkischen Freunden gelernt: Man darf gar nicht anfangen, Angst zu haben und sich die Freiheit wegnehmen zu lassen.

Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, ist jeder Anschlag ein großer Schock für mich. Es ist schrecklich, weil ich nicht vor Ort bin und sofort weiß, wie es meinen Freunden geht. Ich rufe sie dann direkt an. Besonders der Putschversuch hat mich aus der Bahn geworfen. Wir kriegen hier leider kaum mit, wie die Türken mit den Konsequenzen leben. Ich fahre meine Freunde auf jeden Fall bald besuchen."

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