Bildungsprojekte für junge Menschen "Den Status, den die Familie erreicht hat, auf jeden Fall halten"

Exoten an deutschen Hochschulen sind junge Menschen wie die Kinder von Tahtabas: mit Migrationshintergrund aus einem nicht-akademischen Elternhaus. Haben dagegen Vater und Mutter oder ein Elternteil eine Hochschule besucht, ist es fast sicher, dass die Kinder auch studieren. "Migrantenkinder, deren Eltern Akademiker sind, haben besonders hohe Bildungsambitionen. Sie möchten den Status, den die Familie erreicht hat, auf jeden Fall halten", sagt Kracke.

Daten des statistischen Bundesamts und Erkenntnisse des Berichts "Bildung in Deutschland 2018" (Nationaler Bildungsbericht) zeigen, dass sich der Schulerfolg junger Menschen mit Migrationshintergrund in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat. In Nordrhein-Westfalen, wo besonders viele Menschen aus Zuwandererfamilien leben, schafften 2016 etwa 20 Prozent der ausländischen Schulabgänger die Hochschulreife. 2005 waren es erst zehn Prozent gewesen. Parallel dazu hat die Zahl derjenigen, die die Schule mit Hauptschulabschluss oder gar ohne Abschluss verlassen, deutlich abgenommen.

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Aber: Der Abstand zu deutschen Schulabgängern, von denen knapp 42 Prozent das Abitur erlangten, ist nach wie vor gewaltig und hat sich zuletzt sogar leicht vergrößert. Die Chancen stehen jedoch gut, dass sich diese Lücke bald wieder ein wenig schließt. Laut Nationalem Bildungsbericht hatte 2015 in 36 Prozent aller deutschen Gymnasien mindestens jeder vierte Schüler einen Migrationshintergrund. "Inzwischen finden sich auch Gymnasien, in denen die Mehrheit der Schüler eigene oder familiale Zuwanderungserfahrung hat, was im Jahr 2000 an keinem Gymnasium der Fall war", schreiben die Autoren.

Diese Zahlen täuschen jedoch darüber hinweg, wie ungleich Chancen an vielen Schulen verteilt sind. Da ist zum Beispiel die Städtische Gesamtschule Bockmühle in Essen. Der überwiegende Teil der etwa 1500 Schülerinnen und Schüler kommt aus sozial schwachen Familien mit geringen oder gänzlich fehlenden Bildungsabschlüssen. Zwei Drittel von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Das Thema Schule nimmt hier im Stadtteil Altendorf in vielen Haushalten nur eine untergeordnete Rolle ein. "Beim Lernen sind die Kinder häufig sich selbst überlassen", sagt Schulleiterin Julia Gajewski. Denn viele Eltern seien an der Bildungskarriere ihres Nachwuchses nicht interessiert. "Wenn wir zu einem Elterngespräch einladen, müssen wir oft fünf, sechs Mal telefonieren, ehe Vater oder Mutter erscheinen."

Wer im familiären Umfeld wenig Wertschätzung für seine schulischen Leistungen erfährt, zweifelt schnell an seinen Talenten und traut sich wenig zu. Lehrer können dieses Defizit nur schwer ausgleichen, selbst wenn sie besonders engagiert sind. Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will ab dem Schuljahr 2019/20 an 45 allgemeinbildenden und 15 berufsbegleitenden Schulen im Land testen, inwieweit sich Leistungen von Schülern durch besondere unterrichtliche Konzepte steigern lassen. Diese 60 "Talentschulen" in Stadtteilen mit großen sozialen Herausforderungen erhalten 400 zusätzliche Lehrer sowie ein vergrößertes Budget. Zudem wird die Beratungs- und Elternarbeit verstärkt.

Gut möglich, dass gerade das die entscheidende Stellschraube für mehr Chancengerechtigkeit ist. Die Eltern, so sagt Turgay Tahtabas, der engagierte türkische Vater aus Essen, sind in den meisten Fällen die wichtigsten Weichensteller für die Bildungskarriere junger Menschen. Seine Familie ist dafür der beste Beweis.

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