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Studieren in Nahost:Lernen bis zur Explosion

Die Universität Kairo hat etwa eine Viertel Million Studierende. Genau wie die anderen Hochschulen in der arabischen Welt ist sie unterfinanziert.

(Foto: AFP)

"Frei forschen können wir schon lange nicht mehr": Die Militärherrschaft richtet Ägyptens Universitäten zu Grunde. Dozenten werden überwacht, Studenten verhaftet. Ihre Proteste aber wollen nicht verstummen.

Ihre Studienzeit hat sich Rana Fouad anders vorgestellt: Die Ägypterin hat mehr Seminare, politische Debatten und Vorlesungen erwartet und weniger Bombenanschläge, Tränengas und Verhaftungen. Sie studiert Politikwissenschaft an der Kairo-Universität, im fünften Semester. Doch viel hat sie von ihrem Studium bisher nicht: längere Semesterferien, verkürzte Lehrpläne und gestrichene Vorlesungen prägen die vergangenen Studienjahre.

"Gelernt habe ich nur wenig", sagt Rana Fouad. Durchschnittlich dauert eine Vorlesungszeit eigentlich 14 Wochen. Im vorletzten Semester waren es gerade mal sechs, im letzten nicht viel mehr. Zudem sei das Semester viel zu kurz. Statt wie gewohnt Ende September zu beginnen, wurde der Beginn um zwei Wochen verzögert und endete schon Ende Dezember. Dementsprechend wurden auch die Lehrpläne gekürzt. Schon wieder.

Die Politik-Studentin darf nicht über Politik sprechen

Das bereitet ihr Sorgen. "Welche Berufsaussichten werde ich mit dieser verkürzten Ausbildung haben?", fragt sie. Fouad ist 20 Jahre alt, klein, zierlich, hat lange braune Haare. Politikwissenschaft zu studieren, das war ihr großer Wunsch. Ihre Eltern, der Vater Journalist, die Mutter Medizinerin, ermutigten sie. Erst recht nach der Revolution von 2011. Mit dem Studium wollte sie auf ein Leben in der Politik vorbereitet werden. Doch das wird sie nicht.

"Ich studiere zwar Politik, doch mir ist es nicht erlaubt über Politik zu sprechen. Es ist verboten", sagt sie. Seit den Unruhen sind alle politischen Studentenvereine und Aktivitäten untersagt, die jährliche Studienreise wurde gestrichen. Zudem werde das Versäumte nicht nachgeholt. "Wie soll ich mich auf eine Karriere in der Politik vorbereiten, wenn mir der Zugang verwehrt wird, ich nicht mal darüber reden darf?"

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Neben den verkürzten Stundenplänen plagen sie aber auch die überfüllten Hörsäle, die veralteten Lehrmethoden und Studiengänge, die am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden. "Die Hochschulbildung ist insgesamt zu wenig auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet", sagt Jan Völkel, Langzeitdozent des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Er arbeitet seit zwei Jahren an der Uni in Kairo, betreut Studenten höherer Semester.

Das ägyptische Bildungswesen ist mangelhaft

Das liege auch daran, dass für viele Berufe Abschlüsse ohnehin nicht entscheidend seien, sagt er. Nicht nur die Hochschulbildung, sondern das gesamte ägyptische Bildungswesen zeige massenhaft Mängel. Unabhängig von der politischen Lage würden schon die Kinder an den Schulen grundlegende Bildung verpassen. "Das kann an den Unis dann auch nicht ausgeglichen werden", sagt Völkel. Werden dann noch die Semester kürzer, die Lehrpläne kleiner, sei das desaströs.

Auch der DAAD-Dozent musste im vergangenen Semester immer wieder Veranstaltungen streichen, vor allem wenn geschossen wurde oder Tränengas flog, wenn das Gelände evakuiert wurde. Dann improvisierte er, ging mit seinen Studenten in ein Café oder in einen Konferenzraum. Mit 35 Studenten ist das leicht organisiert.

Seine Kollegen aus den Bachelorstudiengängen haben diese Möglichkeit jedoch nicht. Oft sitzen Hunderte in einer Vorlesung. Deshalb können die Studenten vom Professor gar nicht wahrgenommen werden, sind einfach nur Nummern, die im Massenbetrieb durchgeschleust werden. "Eine exzellente Bildung, die international wettbewerbsfähig ist, kann so nicht entstehen", sagt Völkel. "Nicht bei dieser hohen Studentenanzahl."

Fast 250 000 Studenten an einer Hochschule

Die Kairo-Universität ist völlig überlaufen. Gut eine Viertelmillion Studenten besuchen die Massenhochschule, fast 13 000 wissenschaftliche Angestellte arbeiten hier. Nach der Al-Azhar-Universität, ebenfalls in Kairo, ist es die zweitgrößte Hochschule Afrikas. In einen der Vorlesungssäle passen 5000 Studenten.

1908 wurde sie als private Hochschule gegründet. Seit sie 1925 verstaatlicht wurde, gehört sie zu den etwa 20 staatlichen Hochschulen. Studenten kommen aus ganz Ägypten, aus allen Schichten der Gesellschaft - die niedrigen Gebühren machen es möglich.

Viele berühmte Persönlichkeiten haben hier studiert, darunter auch einige Nobelpreisträger, wie der verstorbene ägyptische Schriftsteller Naguib Mahfouz. 2009 hielt US-Präsident Barack Obama seine an die islamische Welt gerichtete Rede an der Universität.

Frustrierte Dozenten, ungebildete Absolventen

Doch das liegt schon eine Weile zurück, heute verliert die Hochschule immer mehr ihren Glanz: Bombenanschläge und Proteste sind fast Alltag. Demotivierte Studenten und lustlose Professoren auch. Die Ausbildung ist schon lange nicht mehr das, was sie mal war.

"Unsere Studenten haben mit dieser Bildung kaum Perspektiven", sagt Ahmed Abd Rabou. Er unterrichtet seit drei Jahren Politikwissenschaft an der Uni. Im jüngsten Semester schaffte er gerade mal 40 Prozent seines Lehrplans, für mehr war keine Zeit. "Dementsprechend sahen die Prüfungen der Studenten aus. Sie waren lächerlich", sagt Abd Rabou. Dieses Jahr ließ er sich beurlauben.

"Ich bin frustriert über die Ausbildung, die wir den Studenten geben - oder eher nicht geben. Und natürlich auch über die politische Situation", sagt er. "Wie sollen wir die Studenten unter diesen Umständen auf ein Berufsleben vorbereiten?", fragt er. Jährlich kommen etwa eine Dreiviertelmillion Absolventen in Ägypten auf den Arbeitsmarkt, nur wenige finden eine Stelle.

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Das liegt auch an der Wirtschaft. Die lahmt seit vielen Jahren, die Arbeitslosenrate steigt: Laut einem Bericht der ägyptischen Zentralagentur für Mobilisation und Statistik sind von den 87 Millionen Einwohnern 13,4 Prozent arbeitslos - tatsächlich aber dürfte der Anteil weitaus höher liegen. Gut ein Drittel der Bevölkerung ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Von ihnen sind schon nach offiziellen Angaben rund 29 Prozent ohne Job.

Die Hoffnungen nach der Revolution haben sich zerschlagen

Nach der Revolution erhofften sich vor allem die Jugendlichen grundlegende Veränderungen, besonders an den Universitäten. Moderner, berufsorientierter, unabhängiger und vor allem demokratischer sollten sie werden. Doch alles blieb, wie es war: Das Hochschulsystem hat sich nicht verändert und von Demokratie kann kaum die Rede sein.

Die nach der Revolution erzielten Freiheiten - wie freie Wahlen, Rede- und Versammlungsfreiheit - sind wieder beschnitten worden. Inzwischen werden auch die Universitätspräsidenten und Fakultätsdekane wieder vom Präsidenten ernannt, statt gewählt zu werden, wie es nach der Revolution üblich war . "Die Studenten sind enttäuscht. Sie fühlen sich unterdrückt, werden eingeschüchtert. Viele haben Angst", sagt Professor Abd Rabou. Er meint auch die Wissenschaftler.

Maha Tarek arbeitet seit mehr als 15 Jahren an der Kairo-Universität. "Noch nie war es so schlimm wie heute. Nicht mal zu Mubaraks Zeiten", sagt die Politikwissenschaftlerin. "Als der dann aus dem Amt gejagt wurde, hatten wir an der Uni den Höhepunkt unserer Freiheit", sagt sie. Politische Debatten, Workshops, Podiumsgespräche und Konferenzen mit großen Kontroversen - alles war erlaubt.

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Kritik ist nicht erwünscht

Mit den Muslimbrüdern an der Macht veränderte sich kaum etwas. "Ihre Forderungen, weniger kritisch zu sein, wurden ignoriert. Keiner nahm sie ernst", sagt Tarek. Heute sei alles anders. Sie hat Angst, ist aber auch verärgert, denn nicht nur bei den Lehrplänen werde ihnen genau auf die Finger geschaut, auch bei den Forschungsarbeiten. "Frei forschen können wir schon lange nicht mehr", sagt sie.

Um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, meidet sie lieber Themen wie Demokratie, Menschenrechte, Islamismus. Direkte Anweisungen gebe es zwar keine, doch es herrsche Selbstzensur an der Universität - wie im ganzen Land. "Kritikern und Andersdenkenden wird das Leben schwer gemacht, sie werden als unpatriotisch verunglimpft." Und das alles unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen, Stabilität und Ruhe zu schaffen. Doch von Ruhe kann vor allem an der Hochschule keine Rede sein.

Dort brodelt es. Die Kairo-Universität gleicht einer Festung: Überwachungskameras verfolgen jeden Schritt der Studenten, hohe Zäune umgeben das gesamte Gelände, sperren es ab. Wachleute einer von der Regierung beauftragten privaten Sicherheitsfirma haben an allen Eingängen Metalldetektoren installiert, durchsuchen jede Tasche, stellen Fragen über Bücher und Lernmaterial.

Die Studenten haben Angst, das falsche Buch zu lesen, die falsche Kleidung zu tragen. Spiegelt eines von beiden eine bestimmte Ideologie wider, werden die Wächter schnell misstrauisch. Dann kann die Festnahme folgen.

Mehr als 2000 Studenten sind in Haft

Mit Kontrollen, willkürlichen Durchsuchungen und Verhaftungen werden die Studenten zunehmend eingeschüchtert. Seit dem Sturz des Islamisten-Präsidenten Mohammed Mursi im Juli 2013 und der Auflösung von Protest-Camps vor der Uni kam es immer wieder zu Demonstrationen der Hochschüler und zu vielen Verhaftungen.

Laut Informationen der unabhängigen ägyptischen "Vereinigung für Gedanken- und Ausdrucksfreiheit" sind seit Beginn des akademischen Jahres landesweit 360 Studenten verhaftet und 260 der Universität verwiesen worden. Insgesamt sollen sich derzeit mehr als 2000 Studenten in Haft befinden. Mindestens 19 Studenten kamen bei Protesten ums Leben.

Waren es vor einem Jahr fast ausschließlich Anhänger der Muslimbruderschaft, die zu Protesten auf die Straße gingen, solidarisieren sich immer mehr säkular ausgerichtete Studenten mit ihnen. Doch sie versuchen auf Distanz zu den Islamisten zu bleiben.

Ihnen ginge es hauptsächlich um die Freilassung der unschuldig inhaftierten Studenten, sagt Mohsen Ahmed, ein Medizinstudent in Kairo. "Doch die Studenten sind müde geworden, die Resignation hat Überhand genommen", sagt Ahmed. Viele Studenten sind persönlich betroffen: Freunde sind verletzt, wurden verhaftet oder erschossen. Viele wollen sich auch nur auf ihr Studium konzentrieren.

Auch die nächsten Semester werden ins Chaos abrutschen

Das ist nicht einfach. Laut der ägyptischen Nachrichtenseite Al-Masry Al-Youm haben in den vergangenen Wochen Dutzende in der Kairo-Universität erneut für die Freilassung ihrer Freunde protestiert. Die Proteste werden wohl in den kommenden Monaten kaum nachlassen, allein schon wegen der anstehenden Parlamentswahlen. Dann dürfte es wieder Unruhen geben.

Es könnte auch wieder der Lehrbetrieb zu großen Teilen ausfallen, wenn wegen der Wahlen die Universität abgesperrt und Vorlesungen gestrichen werden. Und es werden wohl auch die nächsten Semester wieder ins Chaos abrutschen. Alles nicht das, was sich Ägyptens Jugend erhofft hatte.