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Schule:Auf der Suche nach der digitalen Zukunft der Schulen

Illustration: Stefan Dimitrov

Soll man Schülern die Handys wegnehmen? Oder sollte man ihnen lieber Computer in die Klassenzimmer stellen? Auf dem IT-Gipfel ging es um Antworten auf diese Fragen.

Von Johan Schloemann

Vor ein paar Monaten kam ein unschöner Fall vor Gericht: Ein 14-jähriger Schüler hatte auf einer Klassenreise seinen Lehrer mit einem Schnürsenkel gewürgt. Und warum? Der Lehrer hatte für eine Zeitlang sein Handy eingesackt.

Nicht alle Jugendlichen neigen zu derart drastischen Mitteln. Aber bei sehr vielen von ihnen ist heute ebenfalls die Bindung ans Smartphone enger als die an den eigenen Schuh. Und viele Eltern statten ihre Kinder in immer jüngerem Alter mit eigenen Geräten aus. Was müssen sie also wohl leiden, wenn ihre kleinen Taschencomputer in den Schulen generell ausgeschaltet sein müssen? So ist es nämlich an den meisten deutschen Schulen, in den meisten Bundesländern geregelt. Bisher.

Denn das Handy-Verbot bröckelt. Erstens sei es ohnehin kaum noch zu überwachen, sagen Lehrer. Und zweitens können sich die Politiker zunehmend für eine Lockerung des Banns erwärmen. "Handy-Verbote sind von gestern", findet Claudia Bogedan, die amtierende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz. Bogedan ist SPD-Schulsenatorin in Bremen, also dort, wo die Schülerinnen und Schüler nach jüngsten Studien beim Verstehen von Texten im Bundesländervergleich am allerschlechtesten abschneiden.

Claudia Bogedan war in dieser Woche auf dem "Nationalen IT-Gipfel" in Saarbrücken eine von über 1000 Teilnehmern. Das Spitzentreffen, zum zehnten Mal organisiert vom Bundeswirtschaftsministerium, versammelt wichtige Fachleute für den digitalen Wandel. Es kamen Manager, etliche Minister, Bundeskanzlerin Merkel, Google-Chef Sundar Pichai. Und eben auch Schul-Experten, weil die Bildung, neben der Digitalisierung von Wirtschaft und Infrastruktur, das Hauptthema des Treffens war.

Auf der großen Bühne versuchte die Bremer Bildungspolitikerin ihre Aussage erst einmal ein wenig zu relativieren. Das eigene Handy solle vielleicht nur phasenweise im Unterricht eingesetzt werden, nur einen Teil der Schulstunde sollten die Schüler damit etwas recherchieren, Lernsoftware einsetzen oder Ergebnisse von Aufgaben überprüfen. "Wir wollen nicht, dass sie daddeln!", beruhigte Claudia Bogedan.

Auf einem anderen Panel saß eine Grundschuldirektorin aus Saarlouis. Ihre Schule mit dem schönen Namen Vogelsang arbeitet schon entschlossen mit Whiteboards (also elektronischen Tafeln), einem Schulnetz zum Teilen von Materialien und Methoden und so weiter. Aber diese Schulleiterin bemerkte auch, dass eigene Handys im Grundschulunterricht wohl noch nicht unbedingt sinnvoll seien. Das war aus Sicht der Pädagogik gesagt; der Eingriff in die Erziehung der Eltern, den dies bedeuten würde, wurde dabei noch gar nicht erwähnt.

"Es geht nicht darum, Endgeräte über die Schulen auszuschütten"

Angela Merkel wiederum, auf dem Weg zu Barack Obama, fragte in Saarbrücken eine siebte Klasse der dortigen Bellevue-Gemeinschaftsschule, die der Kanzlerin als digitale Vorführgruppe in die Congresshalle zugeschaltet wurde: Ob denn die Tablet-Computer, mit denen sie lernten, der Schule gehörten oder ob sie sie mit nach Hause nehmen dürften? Antwort einer Schülerin: "Nein, aber zu Hause brauche ich kein Tablet, da habe ich ja mein Handy." Schmunzeln im Saal und bei der Kanzlerin.

Was hier vor sich geht, ist das Ineinandergreifen eines gewaltigen kulturellen Umbruchs mit den Mühen der Verwaltung. Denn auf der einen Seite sollen die Schulen in Deutschland nun wirklich digital aufgerüstet werden. Laut einer aktuellen Studie für die Initiative "D21" sind 44 Prozent der Lehrkräfte "weniger zufrieden" oder "unzufrieden" mit der Ausstattung ihrer Schule, und mehr als die Hälfte der befragten Lehrer sehen die mangelhafte Internetgeschwindigkeit als Hürde für den Unterricht mit digitalen Medien.

Dem will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit ihrer im Herbst vorgestellten 5-Milliarden-Euro-Initiative abhelfen. In Saarbrücken bekräftigte sie diesen Plan, der indes unter dem "Primat der Pädagogik" stehen solle. Allerdings ist noch nicht klar, ob dieser "Digitalpakt" des Bundes - den man strukturell mit dem Kita-Ausbau vergleichen kann - noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet wird. Wahrscheinlich wird er erst nach der nächsten Bundestagswahl auf den Weg gebracht.

Auf der anderen Seite steckt hinter der heftigen Diskussion über Smartphones in der Schule ein grundlegender Strategiewechsel. Die Idee ist, dass die Computerräume mit festen, oft veralteten Rechnern komplett entrümpelt werden, dass auch keine Laptops mehr an Schüler verteilt werden, und auch kaum noch Tablets. Das staatliche Bildungssystem sorgt sich vielmehr bloß noch um Breitband, drahtloses Netzwerk, Beamer und Server, während die Lehrer und Schüler ihre mobilen Geräte selber mitbringen. Auf Englisch: BYOD - "Bring your own device".

Da gehen eine radikal andere Bildungsidee für die Smartphone-Generation und schlichter finanzieller Realismus miteinander einher. "Eine adäquate Ausstattung mit Tablets, Smartphones oder Rechnern für alle Schüler kann sich kein Land leisten", sagt Hamburgs Schulsenater Ties Rabe (SPD) in einem begleitenden Interview. Dasselbe meint Bundesministerin Wanka, wenn sie in Saarbrücken erklärt: "Es geht nicht darum, Endgeräte über die Schulen auszuschütten." Passend dazu stellte Wanka denn auch das Pilotprojekt einer "Schul-Cloud" vor, programmiert vom Hasso-Plattner-Institut. Es wird an ausgewählten Schulen ausprobiert und vielleicht demnächst zentral auf Bundes- oder Landesebene abrufbar sein. Eine staatliche Bildungs-Cloud, das heißt: Man greift auf multimediale Unterrichtsinhalte, auf Lern- und Übungsprogramme, Stundenplansoftware und Ähnliches mehr zu, und die technische Infrastruktur der einzelnen Schule wird damit entlastet. Keiner muss mehr Schulbücher herumschleppen.

Das mag erst einmal ziemlich großartig klingen, und so wurden denn die vielen rechtlichen, sozialen und didaktischen Schwierigkeiten, die sich mit solchen Plänen auch verbinden, auf dem Saarbrücker IT-Gipfel lieber nicht groß zum Thema gemacht. Stattdessen summte und brummte es vor neuen digitalen Bildungsprojekten, in der Congresshalle und auf dem parallelen Kongress an der in Informatik starken Universität des Saarlandes: fröhliche Buchstabenlern-Apps für Grundschüler, Lösungen der Schulbuchverlage wie "Digitaler Unterrichtsassistent", ein Flüchtlings-Computerspiel der Firma "Serious Games Solutions", die "Smart School", Nachhilfedienste wie "kapiert.de". Und Brigitte Zypries, parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, bedankte sich artig bei den Vorstandschefs von Telekom und Google für Zuschüsse zu dem programmierbaren Mini-Rechner "Calliope", der in allen dritten Klassen verteilt wird und Forschergeist wecken soll.

Lernen über vs. Lernen mit Technologie

Insgesamt wird man, so auch bei vielen Proklamationen in Saarbrücken, von einer Stimmung erschlagen, die ausdrückt: Wir müssen das jetzt alles machen, und zwar ganz schnell, sonst wird unser Land abgehängt. "Die Zeit drängt!", sagt die Unternehmerin Susanne Klatten. "Jetzt geht es erst richtig los!", sagt Thorsten Dirks, Chef des Lobbyverbandes Bitkom. Er sagt auch, ihn interessiere in der Bildung "nicht mehr die Welt von gestern, sondern die Welt von morgen". Diese Atmosphäre, die eigentlich dem digitalen Nachholbedarf von Wirtschaft, Industrie, Infrastruktur in Deutschland gilt, überträgt sich auf die Erwartungen an die Schule - als gehe es in den Bildungsprozessen von 6-Jährigen, 11-Jährigen und 15-Jährigen um nichts anderes als erhöhte Geschwindigkeit.

Vereinzelt immerhin wird angemerkt, dass die Technik als Mittel zum Zweck der Pädagogik dienen müsse; und dass Lehrer nicht durch künstliche Intelligenz ersetzbar seien. Aber nach langjähriger Debatte über "Medienkompetenz" und Polemiken gegen die "Kreidezeit" an den Schulen bleibt oft immer noch unklar, wo es eigentlich ums Lernen über Technologie und wo ums Lernen mit Technologie geht. Sind es etwa dieselben Unterrichtsmethoden, mit denen man einerseits die IT-Fachkräfte von morgen produziert - und andererseits Bürger in allen Bereichen der Gesellschaft, die vernünftig und produktiv mit der Digitalisierung umgehen? Mit welchen smarten Anwendungen bekämpft man eigentlich Hassrede und Populismus?

Kritik kommt aus Neurologie und Psychologie

Es gibt sinnvolle Lernsoftware und mediale Anreicherungen, um bestimmte Inhalte anschaulich zu machen. Grundkenntnisse über die Innereien der digitalen Welt wird man fortan auch in der Schule lernen müssen. Und auch die alten, aber dauerhaft dominanten Kulturtechniken Lesen und Schreiben können von der veränderten Mediennutzung nicht völlig isoliert werden. Aber manche in der Digitalindustrie scheinen auszublenden: Entscheidende persönliche, mentale, staatsbürgerliche sowie für den Beruf wichtige Fähigkeiten erwirbt man nach wie vor durch Lektüre und kritische Diskussion, mit Hilfe welcher Medien auch immer. Man liest mit dem Smartphone nicht schneller als ohne.

Kritik an zu viel Eilfertigkeit kommt auch aus der Neurologie und Psychologie: Haben wir, wenn wir über die Schule reden, die gesamte Bildschirmzeit der Kinder und Jugendlichen im Tagesablauf im Blick? Die kalifornischen Experten Adam Gazzaley und Larry D. Rosen resümieren in ihrem aktuellen Buch "The Distracted Mind. Ancient Brains in a High-Tech World" (MIT Press) den Stand der Forschung ganz nüchtern: "Technologiebedingtes Multitasking im Klassenraum hat negative Wirkungen auf die schulische Leistung. (. . .) Die Forschung zeigt, dass exzessives Multitasking beim Lernen die Zeit verlängert, die man zur Bewältigung des Stoffes braucht, und auch den Stress erhöht, den der Lernende verspürt."

Weder sollten alle Grundschüler Programmierer werden, noch kann die Schule einfach Kommunikationsmedien verteufeln, die die Eltern ihren Kindern erlauben. Aber die gesellschaftliche Debatte über den richtigen Mittelweg, die hat gerade erst begonnen.

© SZ vom 19.11.2016/mkoh
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