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Digitalisierung an Schulen:Erklär das mal dem Lehrer!

Im Otto-Nagel-Gymnasium hat die Digitalisierung schon begonnen, alle Jahrgänge sind Laptop-Klassen.

(Foto: Carsten Janke)

In einem Berliner Gymnasium ist das Lernen am Computer eine Selbstverständlichkeit: Dort bilden sich die Lehrer gezielt weiter - mithilfe ihrer Schüler.

Die wenigsten Fünftklässler haben schon eine echte Schneelawine gesehen. Und doch sitzen in der Geografiestunde am Otto-Nagel-Gymnasium im Berliner Stadtteil Marzahn lauter Lawinenexperten. "Die sind so gefährlich, weil so viel Schnee von hinten nachrutscht", sagt ein Schüler. Mit Tischtennisbällen demonstriert der Lehrer die Kettenreaktion, durch die eine Lawine auf dem Weg nach unten wächst, anschließend schauen alle Lawinen-Videos auf Youtube. "Die hier ist ungefähr 400 Meter lang", schätzt ein Mädchen, "das sehe ich an den Bäumen, die sie mitreißt." Die größten Lawinen tragen die Schüler dann noch auf einer virtuellen Weltkarte ein.

So spannend und anschaulich kann digitaler Unterricht sein. Um der innovativen Methode zum Durchbruch zu verhelfen, schule-wanka-will-digitale-bildung-an-schulen-mit-fuenf-milliarden-foerdern-1.3202332" data-pagetype="STANDARD_ARTICLE" data-id="1.3202332">will die Bundesregierung fünf Milliarden Euro investieren. Das erklärte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vergangene Woche in Berlin. Bis 2021 möchte sie alle Schulen mit schnellem Internet, Wlan und Computern versorgen. Im Gegenzug sollen sich die Bundesländer verpflichten, ihre Lehrer weiterzubilden.

In dem mehr als 100 Jahre alten Schulgebäude des Otto-Nagel-Gymnasiums ist Wankas Zukunftsvision schon Alltag. Jeder Schüler bringt morgens seinen eigenen Laptop mit, Smartphones sind im Unterricht erlaubt. Und die Schüler unterrichten regelmäßig die Lehrer, damit diese die digitalen Geräte noch besser nutzen können. Dass nun Milliarden in digitale Bildung fließen sollen, hört man hier gern.

Aber die neue Technik allein verändere noch nichts, sagt Schulleiter Lutz Seele. Der Unterricht müsse sich ändern, das Miteinander von Schülern und Lehrern, eigentlich alles, sagt er. "Ich finde die neue Initiative gut und richtig, aber ich frage mich, ob fünf Milliarden Euro bei 40 000 Schulen ausreichen." Seele weiß, dass man die Kosten nicht unterschätzen darf. Laptops für alle Schüler wurden an seiner Schule bereits 2009 eingeführt, seit 2012 gibt es ein Wlan-Netzwerk für alle Schüler und Lehrer. Schon zwei Jahre später mussten die Wlan-Geräte ausgetauscht werden. So schnell veralte die Technik in diesem Bereich.

Finanziert wurden die Neuerungen vor allem von den Eltern. Sie haben die Laptops ihrer Kinder bezahlt und über den Lernmittelverein in den letzten Jahren Zehntausende Euro in das Wlan-Netz der Schule gesteckt. Wer sich das nicht leisten kann, bekommt vom Verein kostenfrei ein Gerät geliehen, erklärt Schulleiter Seele. Vom Land Berlin erhalte die Schule nicht mehr Unterstützung als andere Schulen auch. Die Eltern sind hier also besonders engagiert. Aber was macht die Schule darüber hinaus so erfolgreich?

Schulleiter Seele erklärt das am Beispiel von Kuchen. Genauer gesagt von "Mathe-Kuchen". Er habe das bei einer Weiterbildung vor einigen Jahren gelernt. Am Otto-Nagel-Gymnasium bilden die Schüler regelmäßig ihre Lehrer weiter. Auf diese Weise erfuhr Seele, wie man mit einer einfachen Software ein eigenes Lehrbuch erstellt. In seiner nächsten Mathestunde habe er dann mit einem Backbuch begonnen. Seitdem backen seine Schüler in Mathe "Wurzelkuchen": Sie kalkulieren die verschiedenen Zutatenmengen für die Rezepte. Anschließend fotografiert sich der ganze Kurs beim Kuchenessen. Daraus entsteht später ein eigenes Kurslehrbuch. Eine gute Finanzierung sei wichtig, sagt Schulleiter Seele, "aber man muss auch bereit sein, von seinen Schülern zu lernen."