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Lernprogramme an Schulen:"Yuppie, lass uns weitermachen"

Münchner Kinder testen preisgekrönte Apps, 2018

Viele Lernapps erfüllen ihren Zweck nicht, findet Mathematik-Didaktiker Wolfram Meyerhöfer.

(Foto: Catherina Hess)

Überall Schmetterlinge, Zauberer, Clowns: Eine Nebenwirkung des Digitalpakts wird die Infantilisierung der Schüler sein.

In der Diskussion um den Digitalpakt scheint quer durch alle politischen Lager festzustehen, dass die Digitalisierung der Bildung eine Art Endziel des Guten ist. Wahrscheinlich rührt die Euphorie daher, dass die Bildungsprozesse von erwachsenen Berufspolitikern tendenziell nicht digital waren. Nur das absolut Fremde vermag eine solch indifferente Euphorie auszulösen.

Über den Autor

Wolfram Meyerhöfer ist Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Paderborn. Er hat den Mathematik-Teil der Lernplattform des Deutschen Volkshochschulverbandes inhaltlich konzipiert.

Ein Ziel des Digitalpakts ist die Nutzung von Lernprogrammen. Dieser Markt ist dadurch gekennzeichnet, dass die Käufer von dem zu Lernenden wenig Ahnung haben - sonst bräuchten sie ja keine Lernprogramme zu kaufen. Deshalb sind Lernprogramme voll von Schmetterlingen, Zauberern, Clowns und Kronen. Alle diese Gimmicks scheinen nur ein Ziel zu haben: den Lerninhalt zu verdecken. Alles Inhaltliche scheint so schlimm zu sein, dass Kleeblätter und Blumen den Schmerz des Lernens mildern müssen. Einmal bat mich ein Schüler, endlich das Lernprogramm mit dem Seelöwen, der die ganze Zeit Bälle auf der Nase tanzen lässt, wegzunehmen, damit er in Ruhe Zahlzerlegungen machen kann.

Diese Kultur des vermeintlich Kindgerechten kennen wir schon lange aus dem Schulbuchbereich. Auch dort werden Lerninhalte mit Comicfiguren und Spielzeugassoziationen umstellt. Meist wenden sie sich nur an die Erfahrungswelt von Mittelschichtskindern und sind eher Projektionen von Erwachsenen auf eine vermeintlich heile Kinderwelt. In den Lernprogrammen kommt nun eine neue Dimension von Infantilisierung hinzu: Hier sind meist Aufgaben zu bearbeiten. Dabei muss das Problem bearbeitet werden, dass der Lernende eine Information darüber erhalten soll, ob seine Antwort den Erwartungen der Programmmacher entspricht, ob sie also als falsch oder als richtig gilt.

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Rückmeldungen, die man in Lernprogrammen hört, reichen dabei von "Du bist super" über "Du bist die Nummer 1" bis hin zu "Yuppie, lass uns weitermachen". Oftmals werden die Rückmeldungen mit einem Zufallsgenerator eingespielt. So kann man bei einem Memory beim ersten aufgedeckten, zufällig richtigen Paar, hören: "Du hast Köpfchen!"

Man findet auch andere Rückmeldungsmuster, die noch deutlicher in die Muster der Kulturindustrie passen: Fanfaren, euphorische Melodien, Beifall, Publikumsjubel. Auch dies erlebt man manchmal in Schulen. Es gibt Lehrkräfte, die im Klassenzimmer eine Art Fernsehstudioatmosphäre haben wollen und die die Kinder nötigen, Schülerbeiträge mit Beifall zu belohnen. Aber dort darf man wenigstens ermüden, so dass dieser Unsinn im Laufe der Zeit verebbt.