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Unterricht in der Corona-Krise:Im digitalen Dickicht

Coronavirus - Dänemark

Kreative Ausweichstrategie in Dänemark: An der Korshøjskolen im jütländischen Randers nördlich von Aarhus werden Musikstunden kurzerhand ins Freie verlagert.

(Foto: Bo Amstrup/dpa)

Dänemarks Lehrer arbeiten im Schichtbetrieb, in Finnland sind Videokonferenzen der Klasse alltäglich. In Deutschland dagegen fehlt Software - und oft ein Plan.

Donnerstagmorgen kurz vor acht in der Larslejsstræde, einer kleinen Straße in der Altstadt von Kopenhagen. Fahrradstau vor der deutsch-dänischen Sankt-Petri-Schule, eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches. Hier ist jeden Morgen Fahrradstau, wenn die Eltern ihre Kinder abliefern. Das Ungewöhnliche ist, dass hier tatsächlich eine Schule geöffnet hat, mitten in Europa. Die Dänen sind voranmarschiert. Seit vergangener Woche sind die Schulen im Land wieder offen. Allerdings nur für einen Teil der Kinder. Die Regierung hat entschieden, die Kleinsten zur Schule gehen zu lassen. Geöffnet sind Kitas, Kindergärten und Grundschulen bis zur 5. Klasse. Man will die Eltern entlasten, wer möchte oder muss, soll wieder arbeiten können.

Die achtjährige Tabea findet es "ein bisschen gut und ein bisschen schlecht", dass sie nun wieder zur Schule gehen darf, während ihre beiden älteren Brüder weiter zu Hause bleiben. Vieles ist anders als vor der Pandemie. Die Mütter und Väter müssen vor dem Schultor stehen bleiben. Im Klassenzimmer darf immer nur ein Kind an einem Tisch sitzen, und weil die Tische im Abstand von zwei Metern auseinanderstehen, hat nur die halbe dritte Klasse von Tabea Unterricht - die andere Hälfte kommt am Nachmittag. Mathe hatten sie einmal sogar im Hof der nahen Kirche. "Und immer müssen wir Händewaschen", sagt sie.

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Nach anfänglichen Protesten ("Wir lassen unser Kind nicht zum Versuchskaninchen machen!" hieß eine Facebook-Gruppe), hat sich die Öffnung bei den Grundschulkindern gut eingespielt. Probleme gibt es bei Kitas und Kindergärten. Die haben zu wenig Platz, um die Abstandsregeln einzuhalten. Viele Gemeinden können deshalb höchsten die Hälfte der Kinder betreuen. Es gibt aber kreative Ausweichquartiere. Die Gemeinde Frederiksberg etwa schickt Kita-Gruppen in den Kopenhagener Zoo, der für Besucher geschlossen ist und große Flächen hat, die nun bei schönster Frühlingssonne bespielt werden.

In Berlin empfiehlt der Senat ein Programm, das der oberste Datenschützer immer noch prüft

Die großen Kinder müssen weiter zuhause bleiben und machen Fernunterricht, was mal besser und mal schlechter klappt. Wie alle nordischen Länder ist Dänemark Deutschland in der Digitalisierung der Schulen weit voraus. Die Videokonferenz-Software, die alle Schüler auf ihre Laptops aufgespielt bekamen, ist zwar neu. Aber schon seit vielen Jahren nutzen Schulen eine Online-Plattform, die Lehrer, Eltern und Schüler auf Handys und Computern miteinander vernetzt. Darüber werden auch zu Corona-Zeiten Hausaufgaben verschickt, Eltern können sich mit den Lehrern austauschen.

In Deutschland läuft es derweil, nun ja, anders. Die Kitas weiten den Notbetrieb aus, bleiben sonst aber bis auf Weiteres zu. In die Schulen kehren einzelne Jahrgänge zurück; anders als in Dänemark müssen aber vor allem die Kleinen weiterhin von zuhause aus so etwas wie Schule simulieren. Zum Symbolbild der Misere taugt ein Auftritt der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihrer Bildungsministerin Stefanie Hubig (beide SPD) diese Woche. Als sie am Dienstag in einem Gymnasium vor die Kamera traten, brach die Live-Übertragung im Portal der Landesregierung ab, noch bevor sie ihre "Maßnahmen für einen gesunden Schulstart" vorstellen konnten. Immerhin: Der Koalitionsausschuss hat nun ein 500 Millionen-Euro-Paket für den digitalen Unterricht in den Schulen beschlossen.

Wer in den Kultusministerien nachfragt, warum es hierzulande so lange dauert bis zum reibungslosen Fernunterricht, der erfährt schon mal, dass die Frage falsch sei. "Hier dauert gar nichts lange. Wir haben sehr zügig ein umfassendes Konzept an den Start gebracht", lässt etwa der Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums wissen. Allerdings sollte die niedersächsische Bildungscloud NBC, mit der Schulen und Schüler Materialien austauschen und per Video kommunizieren können, nach den Osterferien starten. Die sind seit dem 15. April vorbei, jetzt soll sie "schnellstmöglich im Mai" starten.

Eine niedersächsische Lehrerin berichtet, ihre Realschule habe kurzfristig Kontingente für Videokonferenzen bei einem Schulserver-Anbieter aus Braunschweig gekauft. Jetzt kann sie ihre Schüler zu Klassenmeetings einladen und ist datenschutzrechtlich auf der sicheren Seite. Bloß: Wegen ungelöster technischer Probleme auf Seiten der Schule fliegen immer wieder Schüler aus der Schalte. Die Lehrerin weicht dann auf den US-Anbieter Zoom aus - aus Sicht vieler Datenschützern ein Sicherheitsalbtraum.

Auch andernorts ist es kompliziert. In Berlin etwa verschickten Schuldatenschutzbeauftragte der Bezirke eine "Checkliste für Videokonferenzen", nach der die Schulen auch prüfen sollen, ob ein Anbieter Sitz und Rechenzentrum in der EU hat. Aus dem Hause der zentralen Berliner Datenschutzbeauftragten heißt es, das sei mit ihnen nicht abgestimmt. Gleichzeitig teilt die Behörde mit, eine "belastbare Prüfung" aller Angebote sei "bisher nicht leistbar". Deshalb hätten sie für die Schulen keine Liste mit geeigneten Anbietern, sondern nur Kriterien zur Auswahl veröffentlicht. Die Entscheidung, welche Videoplattformen genutzt würden, träfen die Schulen in eigener Verantwortung. "Wir sehen hier jedoch vor allem die zuständige Senatsverwaltung in der Pflicht, klare Vorgaben an die Schulen herauszugeben."

Diese verweist auf die eigene Lernplattform "Lernraum Berlin", über die nun auch Videokonferenzen möglich seien. Zudem sei ein Leitfaden in Arbeit, mit Best-Practice-Beispielen, so ein Sprecher. Man wolle engagierte Lehrkräfte nicht verunsichern. "Wir freuen uns, wenn sie den Schülern Angebote machen." Die Berliner Datenschutzbeauftragte allerdings teilen mit, sie hätten den "Lernraum" noch nicht abschließend überprüfen können, es fehlten angeforderte Unterlagen. Auch die Erweiterung um Videokonferenzen sei "bisher nicht mit uns abgestimmt". Es ist ein Dickicht. Immerhin: Die Behörde betont, ihre "Durchsetzungsbefugnisse" "mit großem Augenmaß" einzusetzen. "Von Sanktionen oder Untersagungen haben wir in diesem Bereich bisher abgesehen."

Aufwendig sind im föderalen Deutschland auch die Absprachen. "Vier Fünftel meiner jetzt sehr langen Tage verbringe ich am Telefon", sagt Hans Beckmann, Staatssekretär der rheinland-pfälzischen Kultusministerin Hubig, die in diesem Jahr den Vorsitz der Kultusministerkonferenz innehat. Beckmann spricht mit Landräten, Bürgermeistern, Schulleitern, Gesundheits-, Lehrer- und Elternvertretern. Etwa über die Frage, wie geteilte Klassen rollieren sollen. Wöchentlich, hat sein Haus nun entschieden, so könnten die Schulen dem gewohnten Stundenplan folgen. "In der Krise muss möglichst viel Normalität bestehen bleiben."

"Die Kleine weint abends im Bett, sie vermisst ihren Erzieher so."

Von Normalität sind viele Familien aber weit entfernt. Stephanie Walczak und ihre Mann arbeiten Vollzeit im Home-Office und betreuen zwei Töchter, fünf und acht Jahre alt. "Die Kleine weint abends im Bett", sagt die Münchener Marketingmanagerin. "Sie vermisst ihren Erzieher so." Ihre große Tochter rede und esse nicht mehr richtig. Das Problem sei, dass sie und ihr Mann kaum Zeit hätten. "Meine Kinder sitzen echt viel vor dem Fernseher und spielen auf dem Tablet. Wir haben so viele Videokonferenzen, wir haben einfach keine andere Chance." Gleichzeitig habe sie Angst, ihren Job zu verlieren.

Ganz ohne Reibungsverluste läuft es nicht einmal in den nordischen Ländern. In einer Umfrage gaben 58 Prozent der dänischen Lehrer an, sie hätten mindestens einen, wenn nicht mehrere Schüler beim Fernunterricht verloren: Schüler, die schlicht nicht mitmachten, Schüler aus bildungsfernen Haushalten. Ähnliche Klagen kommen sogar aus Finnland, obwohl kein anderes nordisches Land in den vergangenen Jahren so viel Geld für die Digitalisierung der Schulen ausgegeben hat. Zu Beginn der Krise stellten die Schulbuchverlage dort sämtliche Bücher und Lehrmaterialien gratis ins Netz, in vielen Schulen beginnen die Lehrer jeden Tag mit einer Videokonferenz neun Uhr morgens, um dem Alltag der Kinder ein Mindestmaß an Struktur zu geben. Doch man erreicht nicht alle.

Bei den Eltern vor dem Schultor der Sankt-Petri-Schule in Kopenhagen sorgt derweil ein anderes Thema für Frust. Die Zeitungen melden, dass wegen der strengen Hygieneregeln und der fehlenden Lehrer die älteren Kinder wohl noch bis nach den Sommerferien zu Hause bleiben müssten. "Horror", entfährt es einer Mutter.

© SZ vom 24.04.2020/berk/cat

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