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Bildungsgerechtigkeit:Die Kritiker von Teach First klingen gemäßigter

Doch es gab auch viele positive Schlagzeilen, wie kaum eine zweite Initiative stand Teach First für die Hoffnung, Deutschlands Schulen würde nach dem Pisa-Schock mit neuen Konzepten und gesamtgesellschaftlicher Unterstützung der Aufbruch zu mehr Bildungsgerechtigkeit gelingen. Was ist zehn Jahre und 615 Fellows später davon Wirklichkeit geworden?

Die Gründerin von damals, Kaija Landsberg, ist inzwischen in die Geschäftsführung der Hertie-Stiftung aufgestiegen. Sie sagt, bis heute seien es für sie die bewegendsten Momente, Fellows bei ihrer Arbeit zu beobachten, wenn es gut läuft. "Gleichzeitig packt mich die Wut, wenn ich feststelle, wie wenig sich in den zehn Jahren geändert hat." Landsbergs Nachfolger bei Teach First, Ulf Matysiak, nennt auf der Habenseite die große Zahl motivierter Bewerber und die Offenheit der Schulen, sich auf sie einzulassen. "Dass sich seit 2009 der gesellschaftliche Blick auf Brennpunktschulen und, ebenso wichtig, ihr eigenes Selbstverständnis geändert haben, hat auch mit Teach First zu tun." Doch die Erwartungen an die Initiative, sie könne das Bildungssystem aus den Angeln heben, seien zu hoch gehängt gewesen.

Auch die Kritiker von Teach First klingen heute gemäßigter als ihre Vorgänger vor zehn Jahren. Für die Schulen vor Ort seien die Fellows hilfreich, sagt Kai Maaz vom DIPF-Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. "Aber die Effekte für die Entwicklung der Schulen als Ganzes bleiben unklar, und was mir völlig fehlt, sind fundierte Wirkungsanalysen neben all den Hochglanzbroschüren." Ilka Hoffmann, die Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW, sagt, für viele Fellows sei die Zeit bei Teach First eine prägende Erfahrung, "weil sie oft zum ersten Mal mit Menschen aus einem anderen sozialen Milieu in Kontakt kommen." Aber: "Fellows können nie ausgebildete Lehrkräfte ersetzen."

Motivation, Belastbarkeit, Gespür

Während bei der Gründung von Teach First vor zehn Jahren das Thema Lehrermangel an deutschen Schulen kaum eine Rolle spielte, kommen die Fellows heute in Kollegien mit einer wachsenden Zahl von Quereinsteigern. GEW-Schulexpertin Ilka Hoffmann sieht beide Gruppen denn auch als Ausweis derselben Entwicklung. "Das bedenkliche Motto lautet: Egal, wer unterrichtet, Hauptsache, da ist jemand." Teach-First-Geschäftsführer Ulf Matysiak kann das nicht nachvollziehen. "Die Quereinsteiger geben eigenverantwortlichen Unterricht, die Fellows tun das nicht." Und während die Kultusministerien Quereinsteiger allein nach ihrem zum Mangel passenden Studienfach aussuchten, verfahre Teach First genau umgekehrt: "Für uns ist alles Mögliche von Bedeutung, aber nicht das konkrete Fach." Stattdessen überprüfe man in einem mehrstufigen Auswahlverfahren die persönliche Motivation, die Belastbarkeit und das pädagogische Gespür der Bewerber. Anschließend durchlaufen die künftigen Fellows ein dreimonatiges Vorbereitungsprogramm, auch während ihres Einsatzes in den Brennpunktschulen nehmen sie regelmäßig an Fortbildungen teil. Viele der Quereinsteiger dagegen klagen über mangelnde Unterstützung gerade in der Anfangsphase, dabei sollen sie im Gegensatz zu den Fellows nicht nur zwei Jahre bleiben. Im Moment arbeitet Teach First mit acht Bundesländern zusammen. Die 111 Fellows des Jahrgangs 2018 gingen nach Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Baden-Württemberg und Hessen. Die Kultusministerien zahlen das Gehalt und die Qualifizierung der Fellows. Jan-Martin Wiarda

Das sollen sie allerdings auch gar nicht, die Fellows werden begleitend eingesetzt, im Unterricht, in Arbeitsgemeinschaften, im Coaching, in der Sozialarbeit. Carolin Ahlers betreut in Oranienburg geflüchtete und zugewanderte Schüler in zwei sogenannten Vorbereitungsklassen, die parallel und mit wachsendem Anteil den Regelunterricht besuchen. Sie hört Anahid zu, wenn die sagt, dass sie gern deutsche Freunde hätte, dass sie Heimweh nach Iran bekommt, wenn sie ein bestimmtes Lied im Radio hört. Sie hilft Eltern im Umgang mit Behörden. Und sie korrigiert Ahmed geduldig, wenn er beim Apfeltest "süß" und "säuerlich" verwechselt. "Wie ich sehe, mögt ihr den Lieblingsapfel der Deutschen am liebsten", sagt sie grinsend, als der Teller mit dem Elstar fast abgeräumt ist.

Große Wirkung im Kleinen, kaum Wirkung im Großen - lässt sich so die Bilanz von Teach First beschreiben? Womöglich nicht ganz. Immer deutlicher zeigt sich eine zweite Erfolgsebene, über die sich 2009 unter dem plakativen Buzzword "Leadership"-Programm nur spekulieren ließ: Die Fellows von einst, angekommen in einflussreichen Positionen, verfolgen als kaum sichtbares Netzwerk das Ideal von mehr Bildungsgerechtigkeit weiter. So stammt eine der am meisten beachteten Schulgründungen der vergangenen Jahre von zwei Teach-First-Ehemaligen: die private Quinoa-Schule in Berlin-Gesundbrunnen, die einen erstaunlich hohen Anteil ihrer meist bildungsfernen Jugendlichen zu einem Abschluss führt.

Die bildungspolitische Sprecherin der Berliner SPD-Abgeordnetenhausfraktion, Maja Lasić, gehörte zum ersten Teach-First-Jahrgang und gilt nun als Initiatorin der bundesweit beachteten Gehaltszulage für Lehrer an Brennpunktschulen. Oder Valentin Altenburg, der die deutsche Hockey-Mannschaft zum Olympia-Bronze coachte: Er war Fellow in Hamburg. Bis heute besucht er Teach-First-Schulen und nimmt dann Spieler mit, um ihnen eine Wirklichkeit zu zeigen, die sie sonst nicht sehen. Besonders gern auf Auslandsreisen, zum Beispiel nach Indien, wo eine der internationalen Teach-First-Schwesterorganisationen existiert.

Am Ende der Stunde umringen die Jugendlichen Carolin Ahlers, Anahid, Wiktor, Milosz, Farbod, alle reden gleichzeitig auf sie ein. Ahmed steht ein paar Schritte abseits und erzählt, dass er Ingenieur werden will. "Den Mut, das zu sagen, habe ich noch nicht lange."

Ebenfalls nicht mehr lange, und die Zeit von Ahlers als Fellow ist vorbei. Ihr Schulleiter hat ihr gesagt, dass sie bleiben kann, wenn sie will. "Die Art und Weise, wie sie mit den Jugendlichen Beziehungen knüpft, ist bemerkenswert", sagt Axel Klicks. Sie entlaste die Lehrer und gebe den Jugendlichen, was im Schulalltag am knappsten sei: Zeit. Ahlers selbst sagt nicht, was sie vom Sommer an tun wird. Aber sie sagt: "Ich weiß nicht, ob Arbeit mir schon einmal so viel Sinn gegeben hat." So viel zum Thema, sie sei eher der Typ fürs Konzeptionelle.

© SZ vom 21.01.2019/mkoh
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