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Schreiben lernen in der digitalen Welt:Wie sich Tippen und Wischen vom Schreiben unterscheidet

Um zu verstehen, welchen Einfluss Smartphones und Tablets auf diese Kompetenzen haben können, muss man berücksichtigen, wie sehr sich das Tippen oder Wischen auf den Geräten vom Schreiben mit der Hand unterscheidet. Es kommt dabei zu sehr unterschiedlichen kognitiven Prozessen. Das Tippen ist eine einfache Bewegung, der Zusammenhang zwischen der Handlung und dem Ergebnis auf dem Bildschirm ist indirekt.

Wird der Buchstabe dagegen mit einem Stift erzeugt, so muss er aus dem Gedächtnis heraus auf die richtige Weise gezeichnet werden. Es leuchtet ein, dass der Anspruch größer und die visuelle, sensomotorische und kognitive Leistung des Gehirns höher ist: Die Hand führt den Stift, während das Auge kontrolliert. Das findet in dem Bewusstsein statt, dass das Ergebnis nicht einfach gelöscht und ausgebessert werden kann. Es ist wichtiger, Fehler zu vermeiden, da ihre Korrektur einen höheren Aufwand bedeutet.

Dazu kommt, dass Kinder, die Buchstaben Strich für Strich üben, lernen, dass viele Variationen, die sie produzieren, doch immer als A von einem B zu unterscheiden sind. Das hilft ihnen, das Prinzip von Kategorien zu verstehen.

Schnelles Tippen, weniger Zeit zum Nachdenken

Ein weiterer Unterschied bezieht sich auf die Tätigkeit des Schreibens selbst, etwa um Notizen festzuhalten. Das Schreiben mit dem Stift geht nur mit einer Hand. Getippt wird mit beiden Händen, Letzteres geht schneller. Deshalb hat das Gehirn während des Tippens weniger Zeit, beim Schreiben zu reflektieren, was notiert wird, und die Informationen im Gedächtnis abzuspeichern. Es wäre also schon theoretisch zu erwarten, dass das Schreiben von Hand nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene Vorteile haben könnte.

Das wird durch einige wissenschaftliche Studien bestätigt. So konnten Forscher des Institut de Neurosciences Cognitives de la Méditerranée in Marseille zeigen, dass ältere Vorschulkinder einzelne Buchstaben leichter mit dem Stift erlernen als mit einer Tastatur (Acta Psychologica 2005).

2006 hat ein Team von Forschern von der University of Washington in Seattle eine Studie veröffentlicht, die bei Schülern in den Klassen zwei bis fünf deutlich unterschiedliche Hirnaktivität belegte - je nachdem, ob sie mit Stift oder Tastatur schrieben. Vor allem aber beobachteten die Wissenschaftler, dass Kinder mehr Worte mit höherer Geschwindigkeit produzierten und mehr Ideen für Texte hatten, wenn sie mit dem Stift schrieben als mit der Tastatur (Developmental Neuropsychology 2006).

Im Rahmen einer Studie an der Indiana University Bloomington mussten Vier- bis Fünfjährige einzelne Buchstaben abzeichnen oder tippen. Die Kinder wurden anschließend in einen Kernspintomografen gesteckt, der ihre Hirnaktivität beobachtete. Sobald sie Buchstaben wiedererkannten, waren bei den Stift-Kindern Hirnareale besonders aktiv, die auch bei Erwachsenen mit dem Lesen und Schreiben zusammenhängen (Trends in Neuroscience and Education 2012). Die Lernprozesse hatten sich demnach im Gehirn niedergeschlagen - bei den Stift-Kindern allerdings deutlich stärker als bei den Tasten-Kindern.

Für Aufsehen sorgte zuletzt 2014 eine Untersuchung von Pam Mueller von der Princeton University und Daniel Oppenheimer von der University of California in Los Angeles. Immer mehr Studierende machen sich während der Vorlesungen Notizen mit dem Laptop statt mit dem Stift. Die Psychologen untersuchten, wie gut sich die Teilnehmer an den Inhalt von Vorlesungen erinnern konnten. Der Laptop, so ihr Schluss, könne von Vorteil sein, wenn es darum geht, mehr Notizen aufzuschreiben. Doch "die Tendenz der Laptop-Benutzer, die Vorlesungen wörtlich mitzuschreiben, statt die Informationen zu verarbeiten und in eigene Formulierungen zu übersetzen, war nachteilig für das Lernen" (Psychological Science 2014).