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Notenungerechtigkeit:Es gibt Indizien

Allerdings: Wenn es keine Unterschiede gäbe, wären dann die jahrelangen Verhandlungen der Minister über gemeinsame Standards nötig gewesen? Tatsächlich fehlt ein voll belastbarer Beleg. Wohl hat man Indizien: Über regionale Leistungsunterschiede jüngerer Schüler, zum Beispiel in der Mittelstufe, gibt es Studien. Ein Pisa-Ländervergleich zeigte zudem in den Naturwissenschaften durchschnittliche Abweichungen zwischen Schülern verschiedener Länder von einem Jahr Stoff. Dass sich bis zum Abitur diese Unterschiede kaum ausgleichen, ist logisch.

Eine etwas ältere und bisher wenig beachtete Liste vom Statistischen Bundesamt schlüsselte den Studienerfolg nach dem Kriterium auf, wo Abitur gemacht wurde. Studenten mit Abitur aus Baden-Württemberg und Bayern erlangen zu mehr als 80 Prozent den Hochschulabschluss, die aus Bremen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Nordrhein-Westfalen nur jeweils zu etwa 70 Prozent. Die Daten sind jedoch mit Vorsicht zu genießen: So wird die soziale und finanzielle Lage der Studenten nicht berücksichtigt, ein Hauptgrund für gescheiterte Studienverläufe.

Aussagekräftiger ist die sogenannte Tosca-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung von 2002, aus der Teile erst später ausgewertet wurden. Für zwei Länder - Baden-Württemberg und Hamburg - gibt es vergleichende Informationen zu den Abiturienten. In Mathematik lagen die Hanseaten um mehr als ein Schuljahr hinter den Gleichaltrigen im Südwesten. Teils konnte dies dadurch erklärt werden, dass in Baden-Württemberg öfter Mathe-Leistungskurse belegt wurden. Auffällig an den Ergebnissen war aber, dass die Hamburger für die identische Note geringere Leistungen erbringen mussten.

Keine exakt gleichen oder zentral gestellten Aufgaben

Ändert sich das nun alles durch den Aufgaben-Pool? Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin (IQB), eine von den Ländern getragene Einrichtung, soll diesen Pool betreuen. Die Kultusministerien sollen dort Aufgaben einreichen. Die Forscher stellen dann "für geeignet befundene" Tests in den Pool, die Länder können diese Musteraufgaben abändern.

Konkret wird es also keine exakt gleichen oder gar zentral gestellten Aufgaben geben - jedoch angeblich gleichwertige. Wie sich die Länder en détail daran halten, ist fraglich. So ist es vorstellbar, dass manche die Sammlung eher grob als Richtlinie nutzen. Letztlich haben KMK-Beschlüsse nicht die Rechtswirkung eines Verfassungsorgans. Irgendetwas müssen die Länder freilich am Ende liefern - angesichts der Vorschusslorbeeren, die sich die Kultusminister nach ihrem Beschluss bereits gewährt haben.

Die Kernfrage ist: Wird das Abitur mittelfristig mancherorts schwieriger, mancherorts einfacher? Aus dem Ministerium in München heißt es: "Bayern wird auf jeden Fall das hohe Niveau halten." Man werde sich aus dem Pool nur Vorschläge herauspicken, die den bisherigen Qualitätsanspruch erfüllen.

"Kein Billig-Abitur"

Aus Nordrhein-Westfalen verlautet sinngemäß, dass das Abitur nicht schwieriger werde, ohnehin seien nie nennenswerte Unterschiede festgestellt worden. In Bremen sagt man, es gebe im Stadtstaat "kein Billig-Abitur". Dass man bei bundesweiten Vergleichen hinten rangiere, liege an der hohen Risikogruppe, also an den sozial schwachen Schülern. Das Spitzenfeld könne sich mit anderen Ländern messen lassen. Eine Person mit Einfluss in der KMK meint dagegen: "Einige Länder wollen ja das Abiturzeugnis am liebsten mitsamt der Geburtsurkunde verleihen. Diese Linie werden sie überdenken müssen."

"Wirkliche Vergleichbarkeit beim Abitur ist eine Illusion", sagt der Tübinger Forscher Trautwein. Alleine schon deshalb, weil selbst gemeinsame Pool-Aufgaben nur einen Teil der Abiturnote ausmachten. Eine Angleichung der Leistungserwartungen nach oben habe "vermutlich auch ungewollte Auswirkungen auf die Abiturquoten". Man dürfe Abiturienten nicht für etwas verantwortlich machen, für das sie nichts können - sondern ihre Lehrkräfte und die Bildungspolitik: "Nicht nur Fleiß und Begabung eines Abiturienten beeinflussen die Leistung, sondern auch die Qualität des Unterrichts."

© SZ vom 25.07.2013/jobr

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