Mediation "Wir brauchen Soziale Bildung als Schulfach"

"Schule ist der Ort, an dem Kinder und Jugendliche Toleranz, Aufgeschlossenheit und Konfliktfähigkeit am besten lernen können."

(Foto: Cem Bazer; privat; Illustration Ryane Trott)

Es reicht nicht, an Schulen über Werte zu reden. Sie müssen gelebt werden. Wie das geht und wieso man dafür Ball und Tuch braucht, erklärt Mediatorin Juliane Wünschmann.

Interview von Meredith Haaf

Juliane Wünschmann, stellvertretender Vorstand der Mediationszentrale München (MZM), ist Mediatorin, systemischer Coach und Rechtsanwältin. Ihr Spezialgebiet ist Mediation an Schulen.

Süddeutsche Zeitung Familie: Sie fordern Soziale Bildung als Schulfach. Warum? Lernen Kinder soziale Kompetenzen nicht zu Hause?

Juliane Wünschmann: Leider nicht. Familien haben sich verändert, die Modelle sind vielfältiger. Das ist gut so, nur fehlt es aus meiner Sicht zuhause vielerorts an Konzentration und Hinwendung. Unsere Kinder greifen auf, was ihnen vorgelebt wird und was um sie herum geschieht. In unserer stark beschleunigten Welt hetzen Eltern häufig durch den Alltag, es gibt weniger Ruhezonen und echte Gespräche am Tisch, es gibt mehr mediale Ablenkung - bei weitem nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für uns Erwachsene. Die Welt der Erwachsenen ist sorgenvoll und angstgeprägt.

Wie wirkt sich das auf die Schüler aus?

Diese Ängste, diese Unruhe nehmen die Kinder und Jugendlichen - häufig unbewusst - in sich auf und bringen sie jeden Tag mit in die Schule. Dort treffen sich alle Herausforderungen, alle Ängste und alle Sorgen, die unsere Gesellschaft beschäftigen. Es braucht Zuwendung, es braucht Zeit, es braucht liebevolle Anleitung und professionelle Kompetenz, systematisch verankert in Schulen. Und Im besten Fall Hand in Hand mit Eltern.

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Das heißt?

Schulen brauchen mehr Personal. Zwei Lehrer pro Klasse, meiner Meinung nach. Und jede Schule - egal welcher Schulart - sollte ein Team aus Psychologen und Sozialpädagogen haben, das die Lehrer und Schüler unterstützt, wenn es darum geht, mit der Vielfalt der Bedürfnisse klarzukommen. Zudem brauchen wir Soziale Bildung als Schulfach.

Worum soll es da gehen?

Einmal in der Woche die eigene Wahrnehmung schulen und lernen, mit sich selbst und mit der Empfindungs- und Denkwelt anderer achtsam umzugehen. Gemeinsam unter Anleitung nachdenken und fühlen, wie wir uns in und zu den Herausforderungen unserer heutigen Welt am besten verhalten. Gute Kommunikation lernen, gutes Streiten lernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen und nutzen. Demokratie leben. Mir wäre es am liebsten, wenn das in der Grundschule los geht. Ich halte soziale Bildung für genauso wichtig wie akademische Bildung. Aber dafür müssten wir unsere Schulsysteme dringend verändern.

Wäre eine Stunde Soziale Bildung dann so etwas ähnliches wie Ethikunterricht für alle?

Nicht ganz. Reden über Werte, Überzeugungen, Moral oder Recht ist gut und sehr wichtig, im konkreten Umgang miteinander hilft das aber zu wenig weiter. Wir müssen viel mehr miteinander über uns sprechen, wir müssen Kommunikation viel mehr üben und anwenden - denn was uns früher aufgrund eines größeren gemeinsamen Nenners selbstverständlich war, ist heute nicht mehr "selbst-verständlich". Schule ist der Ort, an dem Kinder und Jugendliche Toleranz, Aufgeschlossenheit und Konfliktfähigkeit am besten lernen können.

Wie könnte das konkret gehen?

Durch Erleben. Wie zum Beispiel unter Anleitung eines Sozialpädagogen, der beispielsweise mit ihnen Gruppenspiele macht. Ich mag das Spiel, bei dem eine Gruppe einen Ball über ein großes Tuch mit einem Loch in der Mitte laufen lässt. Die Aufgabe ist, den Ball in gemeinsamer Kraft niemals ins Loch fallen zu lassen. Es klingt banal, aber wenn man jede Woche eine Übung dieser Art zusammen macht, entwickelt man ein Gefühl dafür, wer man selbst in und zu einer Gruppe ist. Wie reagieren die anderen, wenn einer den Ball fallen lässt? Wie fühlt sich derjenige? Wie gehen wir mit Frust um oder mit Misslingen? Man lernt, die anderen zu beobachten und einzuschätzen, aber auch wie eine Gruppe interagieren kann, damit man gemeinsam ein Ziel erreicht.

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Was bringt das?

Es bringt die Erfahrung im Umgang mit sich und anderen. Wer sich selbst besser kennt und einschätzen kann, weiß, was ihm wichtig ist. Und kann auch verstehen, was anderen wichtig ist - möglicherweise etwas ganz anderes oder, was sich in Mediationen häufig überraschend zeigt, sogar dasselbe. Es geht auch darum, dass Kinder und Jugendliche lernen, wie man gut streitet, wie man sich reiben und für sich einstehen kann, ohne den anderen zu bedrohen oder zu verletzen. Dafür braucht es Übung. Und Vorbilder. Rollenspiele sind gut. Wenn dann einer wegläuft, kann man sofort darüber sprechen: Was bedeutet das? Hilft dir das jetzt weiter?

Als Gründerin der MZM Schulmediation engagieren Sie sich seit bald zehn Jahren dafür, das Klären von Konflikten an Münchner Schulen durch Mediation voranzutreiben. Worum geht es da meistens?

Es geht um Freundschaft. Um Zugehörigkeit. Um Anerkennung. Um Entfaltung. Um Sicherheit. Häufig gibt es in den Klassen Probleme, wenn sich zum Beispiel verfeindete Koalitionen bilden, oder wenn eine Klassengemeinschaft aus dem Ruder läuft und der Unterricht nicht mehr normal stattfinden kann. Eskalationen in der Elternschaft sind ein Thema, oder Probleme mit einer Lehrkraft. Aber überwiegend beschäftigen wir uns mit Konflikten unter Schülern.

Und wie kommen Sie ins Spiel?

Wir werden von Schulen angesprochen, die unsere Unterstützung benötigen und dauerhaft installieren möchten. Die Mediationszentrale München hat im Großraum München aktuell 28 Teams aus jeweils zwei professionellen MZM Schulmediatoren, die je einer bestimmten Schulgemeinschaft, also an 28 Schulen, als Vertrauenspartner zur Seite gestellt werden. Sie haben Konfliktklärung und Kommunikationstechniken drauf. Jedes Team ist ein Mal in der Woche an der jeweiligen Schule und einfach ansprechbar, um den Beteiligten bei der Klärung ihrer Konflikte und Probleme nachhaltig Hilfe zu leisten. Wichtig ist, dass die Mediation von der gesamten Schulgemeinschaft gewollt und gefördert wird, sonst verpufft die Wirkung ganz schnell.

Brauchen Schulen diese Unterstützung mehr als andere Branchen, andere Gemeinschaften?

Ja. Schulen müssen heutzutage viel mehr leisten als früher. Durch den Trend zum Ganztagsunterricht verbringen Kinder und hier viel mehr Zeit, es ist ein prägender Lebensraum geworden. Auch bilden Schulen die Vielfalt der Gesellschaft intensiv ab. Schüler, Eltern, Lehrer kommen aus den unterschiedlichsten kulturellen Kontexten und müssen dann unter einem Dach miteinander lernen, reden, arbeiten. Es gibt immer mehr Kinder mit speziellen Bedürfnissen, sei es weil sie einen Migrationshintergrund oder Fluchterfahrungen haben oder wegen einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Und alle sollen individuell gefördert werden.

Für diesen Anspruch sind Schulen aber nicht gut genug gerüstet. Sie sind personell schlecht ausgestattet und müssen mit ständiger Fluktuation klar kommen. Menschen kommen und gehen permanent, das gilt nicht nur für Schüler, sondern auch für die Lehrerkollegien. Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie Ende Juli nicht wüssten, wer zwei Monate später in Ihrem Team ist. Das schafft eine enorme Unruhe. Umso wichtiger, das mit festen, kontinuierlichen Strukturen aufzufangen. Schulen sind der Ort, an dem wir unsere Kinder, die Generation von morgen, begleiten und vorbereiten müssen.

Wie müsste Ihre ideale Schule sein?

Ein Lebensraum mit Freude. Ein Ort der Zuwendung, in dem akademische und soziale Bildung gelingt, weil die Menschen gemeinschaftlich dazu beitragen. Wir können mit unseren Herausforderungen und mit allen Unterschieden zurechtkommen, wenn jeder etwas Grundsätzliches anerkennt: "Das ist meine Welt, und das ist deine. Und beides ist okay so." Die Schule ist ein wunderbarer Raum, um genau das zu lernen. Ich wünsche mir, dass Schüler auf die Frage, ob sie gerne in die Schule gehen, nicht mit "Natürlich nicht" oder "Naja" antworten. Sondern, dass sie sagen: "Ja!".

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