Bildung auf Youtube "So bin ich zum Mathe-Influencer geworden"

In diesem Youtube-Video zeigt Kai Schmidt, 39, auf seinem Kanal "Lehrerschmidt, wie man schriftlich dividiert.

(Foto: privat)

Morgens bringt Kai Schmidt 30 Schülern Mathe bei. Abends schauen dem "Lehrerschmidt" Tausende auf Youtube beim Rechnen zu. Dabei hatte er anfangs Gewissensbisse.

Interview von Larissa Holzki

Schüler lernen heute mit Youtube, das zeigt eine Studie des Rates für Kulturelle Bildung. Für den Oberschulrektor Kai Schmidt aus Niedersachsen ist das kein Problem. Schließlich ist er selbst einer der beliebtesten Mathelehrer auf der Plattform. Er ist überzeugt, dass er dadurch auch ein besserer Lehrer im Klassenzimmer geworden ist.

SZ: Herr Schmidt, morgens erklären Sie 30 Schülern Mathe, abends schauen Ihnen Tausende beim Lösen von Gleichungen zu. Wie ist aus dem Lehrer Schmidt der Youtuber Lehrerschmidt geworden?

Kai Schmidt: Bevor alles anfing, war ich Lehrer einer Hauptschulklasse. Ganz liebe Zehntklässler, nur Hausaufgaben haben sie nicht gemacht. Sie hatten immer die gleiche Ausrede: Zuhause war das plötzlich zu schwierig. Also habe ich meine Handykamera in die linke Hand genommen, mit rechts die Aufgabe vorgerechnet und diese kurzen Videos auf den Schulserver gestellt.

Ihre Lernvideos waren also ausschließlich für Ihre Schüler gedacht?

Ja, so war der Plan, aber nach kurzer Zeit war der Schulserver voll. Also habe ich die Videos auf Youtube hochgeladen und sie über einen verdeckten Link an meine Schüler geteilt. Doch plötzlich hatte ich mehr Follower als Schüler.

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Was war passiert?

Das habe ich meine Schüler auch gefragt. Ja, Herr Schmidt, haben die gesagt, das hatten wir anders vereinbart. Aber unsere Freunde von der Realschule hatten auch Probleme in Mathe. Da haben wir ihnen die Videos gezeigt. Das ist doch kein Problem, oder? So bin ich zum Mathe-Influencer geworden.

Wenn Ihre 165 000 Abonnenten und viele andere Ihre Videos gucken, sehen sie davor manchmal Werbung. Hatten Sie keine Gewissensbisse, als Lehrer eine kommerzielle Plattform zu nutzen?

Doch, total. Als ich vor vier Jahren die ersten Videos hochgeladen habe, hatte Youtube auch noch so einen Schmuddel-Ruf. Gerade von den älteren Kollegen habe ich richtig Haue bekommen. Wie ich mich so zur Schau stellen könne? Und: Das gehört ins Klassenzimmer und nicht auf Youtube!

Sie haben jetzt einen öffentlichen Youtubekanal. Youtube will Ihre Schüler so lange wie möglich auf der Plattform halten. Dem Unternehmen ist egal, ob sie Mathe oder Musikvideos gucken.

Die Kritik sehe ich auch. Aber ich glaube, es ist andersrum: Die Schüler sind sowieso da. Wenn es gut läuft, gucken sie auch Mathe. Aus meiner Sicht ist das ein Grund, warum Lernkanäle so gut laufen.

Verdienen Sie Geld mit dem Kanal?

Seit einem Jahr lasse ich Werbung zu, die Idee ist, dass ich zumindest nicht draufzahle. Denn ein bisschen Licht, ein bisschen Kamera, ein bisschen Technik, da sind ganz schnell ein paar Tausend Euro zusammen. Das wird häufig nicht gesehen.

Bekommen Ihre Schüler manchmal die Hausaufgabe, eines Ihrer Videos anzusehen?

Nein, das wäre ja linke Tasche, rechte Tasche. Das mache ich nicht. Meine Vision ist: Jacquelines Klasse hat das lineare Gleichungssystem behandelt. Als Hausaufgabe soll sie Aufgaben dazu lösen. Aber sie hat es noch nicht verstanden. Und dann kommt sie auf die Idee ein Video zu gucken, in dem es nochmal erklärt wird.

Das Mädchen in Ihrem Beispiel trägt einen Namen, der vor allem mit der sozialen Unterschicht assoziiert wird. Und Ihre ersten Videos haben Sie für Ihre Hauptschüler gedreht. Ist das ein Zufall?

Für Hauptschüler ist das Angebot besonders wichtig, weil Geld für sie oft eine Rolle spielt. Bei Youtube sieht man Werbung, aber dafür ist die Bildung kostenlos. Sie ist auf den Geräten der Schüler verfügbar, wann und wo sie wollen. Ein engagierter Nachhilfelehrer muss erstmal finanziert werden.

Auf Ihrem Kanal ist das komplette Mathewissen aus den niedersächsischen Lehrplänen von Klasse eins bis Klasse zehn zu finden. Sollten Grundschüler wirklich nachmittags am Computer suchen, was ihre Lehrer ihnen in der Schule nicht beibringen konnten?

Ich sehe das aus einem anderen Blickwinkel. Mein elfjähriger Sohn soll googeln und im Netz recherchieren lernen. Zu wissen, wie man sich Wissen besorgt, halte ich für eine wichtige Kompetenz. Und ich bin so naiv zu hoffen, dass bei den Erstklässlern noch jemand daneben sitzt. Mir schreiben Omas, dass sie dank meiner Videos mit ihren Enkeln lernen können.

Kritisch betrachtet könnten Ihre Videos aber auch dazu führen, dass die Schüler im Unterricht erst gar nicht mehr aufpassen und mitschreiben. Das gibt es ja alles nochmal auf Youtube.

Ich habe es sogar andersrum erlebt: Weil meine Beispielaufgaben irgendwann alle schon im Netz standen, wusste mancher Schüler die Lösung schon, bevor ich die komplette Aufgabe angeschrieben hatte. Da musste ich mir also etwas Neues einfallen lassen, damit zumindest die Hausarbeiten nicht abgeschrieben werden konnten.

Was lernt der Lehrer Schmidt von Lehrerschmidt?

Wo es viele Klicks gibt, gibt es viele Probleme. Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass viele Schüler Probleme haben, Formeln umzustellen. Lange habe ich überlegt, wie man den Schülern das auf einfache Weise erklären kann. Auf Youtube konnte ich zwei, drei Videos ausprobieren und relativ schnell sehen, was besser funktioniert. Das sehe ich an den Kommentaren, an den Klicks, an den Bewertungen. Die bessere Erklärung nutze ich dann auch in der Schule.

Sie sind ja nicht nur Mathelehrer und Influencer, sondern auch noch Rektor einer Oberschule. Kommt bei all Ihren Netzaktivitäten die Schule nicht zu kurz?

Ich bin Vollblutschulleiter. Das ist mein Ding, mein Job und meine Priorität Nummer 1. Erst wenn das alles fertig ist, werden Lernvideos gedreht. Das gilt der alte Satz von Mami: Schule geht vor.

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