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Bildung:Zu wenige Lehrer an den Grundschulen

Grundschule in Lenningen-Schopfloch

Dicht gedrängt: Die Zahl der Grundschüler dürfte in den kommenden Jahren um mehr als elf Prozent steigen. Die Kultusminister gehen bisher nur von einem Plus von 5,7 Prozent aus.

(Foto: dpa)

Die Länder haben sich drastisch verschätzt, es kommen weit mehr Kinder in die Schule als gedacht, zeigt eine neue Studie. Schon jetzt ist klar, dass bis dahin zu wenige Lehrkräfte die Unis verlassen werden.

Es ist nicht so, dass die Bildungspolitiker den Ansturm auf die Schulen nicht im Blick hätten. Sie wissen, dass in den kommenden Jahren mehr und mehr Kinder in die erste Klasse kommen werden. Sie wissen auch, dass bis dahin zu wenige Lehramtsabsolventen die Unis verlassen, um die Stellen an den Schulen zu besetzen. Nur: Das ganze Ausmaß scheinen die Kultusminister und Kultusministerinnen der 16 Bundesländer zu unterschätzen. Es wird sehr viel voller an den Schulen. Das zeigt eine neue Prognose der Bertelsmann-Stiftung.

Als einen "Weckruf" wollen sie ihre Analyse verstanden wissen, schreiben die Autoren Klaus Klemm und Dirk Zorn. Die "Dringlichkeit", mit der jetzt Gegenmaßnahmen gefordert sind, habe sich jüngst "weiter verschärft". Ihr Fazit formulieren die Forscher unmissverständlich: Die Kultusminister versagen darin, den Lehrerbedarf vernünftig zu planen. Es droht ein enormer Personalmangel. Und das, obwohl schon jetzt deutschlandweit 13 Prozent aller neu eingestellten Lehrer Seiteneinsteiger sind; mancherorts sehr viel mehr. Vor allem Brennpunktschulen bekommen es zu spüren, dass die knapper werdenden Bewerber lieber in besseren Lagen ihren Job antreten. Der Lehrermangel ist damit auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Wie viele Kinder bis 2025 in die Schule kommen

Erst im vergangenen Jahr hat die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre Prognose aktualisiert. Im Moment besuchen knapp 2,9 Millionen Mädchen und Jungen die Grundschule. Die Ministerrunde geht davon aus, dass die Zahl der Grundschüler bis 2025 um 5,7 Prozent auf etwas über drei Millionen steigen wird.

Diese Prognose, darauf weisen Klemm und Zorn hin, dürfte aber schon jetzt überholt sein. Die Bertelsmann-Autoren zogen zum Vergleich die aktualisierten Bevölkerungszahlen heran, die das Statistische Bundesamt kürzlich vorgelegt hatte. Die meisten Kinder, die in den kommenden Jahren eingeschult werden, sind bereits auf der Welt oder werden bald geboren.

In ihrer Berechnung kommen die Bertelsmann-Autoren dabei auf eine deutlich höhere Zahl als die Kultusminister: Bis 2025 dürften die Grundschulen demnach mehr als 3,2 Millionen Kinder erwarten. Die Schülerzahl liegt damit um 168 000 über dem Wert, mit dem die KMK derzeit kalkuliert und plant.

Wie viele Lehrer bis 2025 gebraucht werden

Wie viele Lehrkräfte auf den Arbeitsmarkt kommen, lässt sich einigermaßen verlässlich abschätzen: Viele der Pädagogen, die in ein paar Jahren unterrichten könnten, studieren derzeit oder befinden sich im Referendariat. Die Kultusminister gehen aber bereits jetzt davon aus, dass es zu wenige sind, um alle Stellen zu besetzen. Aktuell rechnen die Bildungspolitiker damit, dass bis 2025 mindestens 15 000 Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer fehlen werden.

Dieser Wert ist nach Meinung der Bertelsmann-Forscher aber zu niedrig angesetzt - und zwar deutlich. Bei 168 000 zusätzlichen Schülern bis 2025, die die Kultusminister in ihrer Planung bisher nicht berücksichtigt haben, bräuchte es sehr viel mehr Lehrer. Derzeit kommt laut KMK an den Grundschulen eine Lehrkraft auf 16,2 Kinder. Mit diesem Wert haben die Bertelsmann-Autoren gerechnet; sie gehen also davon aus, dass die Klassen so groß bleiben wie jetzt. Nach ihrer Schätzung würden damit weitere 11 000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen - zusätzlich zur Lücke, die die Kultusminister bereits ausgemacht haben. Alles in allem gäbe es bis 2025 dann 26 000 Lehramtsabsolventen zu wenig.

Wer jetzt nicht studiert, wird in ein paar Jahren nicht unterrichten können. Entschärfen ließe sich der Mangel kurzfristig daher nur, indem die Schulen Kollegen aus dem Ruhestand zurückholen, Teilzeitler zum Aufstocken bewegen, Quereinsteiger einstellen - oder die Klassen vergrößern.

Warum die Planungen der Politik so sehr danebenliegen

Von der Geburt eines Kindes bis zur Einschulung vergehen sechs Jahre. Reichlich Zeit also, um einen Schüleransturm kommen zu sehen und der Personalnot entgegenzuwirken. Warum gelingt es trotzdem so schlecht?

Bisher war es in den Ministerien nicht unbedingt üblich, die Stellenpläne regelmäßig zu aktualisieren. Nordrhein-Westfalen etwa hantierte bis April 2018 mit einer Lehrerbedarfsprognose aus dem Jahr 2011. Damals ging man noch davon aus, dass die Geburtenrate in Deutschland weiter sinkt. Als vorbildliches Beispiel führen die Bertelsmann-Autoren Bayern an, wo die Planungen regelmäßig mit den neusten Bevölkerungszahlen abgeglichen werden.

Ein Problem liegt darin, dass mitunter ein ganzes Jahr verstreicht, ehe die amtliche Geburtenstatistik vorliegt. Dabei werden Geburten durchaus in Echtzeit erfasst: In einer früheren Untersuchung zum Lehrermangel griff die Bertelsmann-Stiftung auf Marktforschungsdaten eines Babynahrungsherstellers zurück. Der fragt regelmäßig bei den Krankenhäusern des Landes ab, wie viele Kinder entbunden wurden. Die Kultusbehörden dürfen in der Regel nur auf die offiziellen Daten zurückgreifen. Die Bertelsmann-Autoren drängen nun darauf, die Zeitspanne zwischen der amtlichen Statistik und der Planung in den Schulbehörden zu verkürzen, andernfalls "wäre mit einer jährlichen Aktualisierung allein wenig gewonnen".

Auch die Koordination der Schulpolitik mit den Hochschulen verläuft nicht immer optimal. In Berlin zum Beispiel hatte die Landesregierung mit den Universitäten zwar eine Absprache darüber getroffen, wie viele Lehrkräfte insgesamt Jahr für Jahr ausgebildet werden sollen - allerdings lange keine darüber, für welche Schule. So könnte es passieren, dass lauter Studienräte für das Gymnasium die Unis verlassen, obwohl gerade vor allem an den Grundschulen Leute gebraucht werden. Erst im vergangenen Jahr schrieb die Senatsverwaltung den Hochschulen genaue Absolventenzahlen für die einzelnen Schulformen vor.

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