Klimaschutz Fünf vor zwölf? Viertel nach Zwölf!

Schülerinnen und Schüler bei der Demonstration vor dem Berliner Reichstag.

(Foto: Odd Andersen/AFP)
  • In mehreren deutschen Großstädten sind am Freitag wieder Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gegangen.
  • Unter dem Motto "Fridays for Future" kamen nach Veranstalterangaben etwa 10 000 Jugendliche zur zentralen Demonstration in Berlin.
  • Unter anderem fordern sie eine Klimapolitik, die "im Angesicht dieser einen Erde stattfindet".
Von Jasmin Siebert, Berlin

Sie sind die ganze Nacht im Fernbus gesessen, um beim Schülerstreik dabei zu sein. Nach elf Stunden Fahrt, am Freitagmorgen um sieben, sind Kian, Rebecca und ein Dutzend weitere Schülerinnen und Schüler in der Hauptstadt angekommen. "Fridays for Future Saarland" steht auf ihrem Banner, mit dem sie am Mittag vor dem Bundeswirtschaftsministerium stehen.

Drinnen ringt die Kohlekommission um Kompromisse und einen schrittweisen Ausstieg aus dem Abbau von Braunkohle. Eine kleine Delegation durfte auch mit Minister Peter Altmaier (CDU) sprechen und ihm den offenen Brief überreichen, den mehr als 60 Ortsgruppen der Bewegung sowie noch einmal so viele Jugendinitiativen unterzeichnet haben. Darin fordern sie einen sofortigen Kohleausstieg.

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Währenddessen wippen die Schüler draußen bei eisigen Temperaturen zu dem Lied "Hurra, diese Welt geht unter" der Berliner Hip-Hopper K.I.Z., um sie herum füllt sich der Platz immer mehr. Aus ganz Deutschland sind Kinder und Jugendliche mit selbstbepinselten Schildern angereist, eine Frau trägt einen Galgen, an dem ein Erdball baumelt. Die Veranstalter sprechen von 10 000 Teilnehmern. Auch in München, Münster, Stuttgart, Bochum, Dortmund und anderen Städten wurde erneut gestreikt. Dank sozialer Medien wächst die neue Jugendbewebung rasch: Inzwischen gibt es nach Angaben der Organisatoren etwa hundert Fridays-For-Future-Ortsgruppen.

Keanu und Zoe sind zehn und sieben Jahre alt. Sie haben ihre Eltern überredet

So schön das alles sei - "ich möchte nicht wahrhaben, dass es eine Jugendbewegung wie diese hier braucht, damit eine echte und ehrliche Klimapolitik zur politischen Debatte wird". Das sagt Maurice Conrad, 18 Jahre alt, Abiturient und Gründer der Ortsgruppe in Mainz. Er hält eine der packendsten Reden, einen Spickzettel braucht er nicht. Bei der Piratenpartei hat er die Funktion "Umweltpolitischer Sprecher", in seiner Freizeit spielt er Theater, programmiert Software; nach dem Abitur möchte er eine Schauspielschule besuchen.

Maurice Conrad fordert eine Klimapolitik, die "im Angesicht dieser einen Erde stattfindet, im Angesicht der Menschen, die hier noch länger leben möchten". Er greift die Politik scharf an dafür, dass der Energiekonzern RWE nicht nur die Natur zerstören dürfe, ohne dafür bezahlen zu müssen. Nein, er werde sogar noch dafür entschädigt, dass er irgendwann aufhören muss, den Planeten zu zerstören. Er kritisiert, dass es Menschen gebe, die "sich immer noch benehmen, als wäre es gerade mal halb acht, als wäre das alles ein spaßiger Kindergeburtstag". Dabei sei es "Viertel nach zwölf", es gehe nur noch um "Schadensbegrenzung".

Manche Kinder bringen ihre Eltern mit

Nach Berlin sind diejenigen Jugendlichen gekommen, für die Umwelt und Klimawandel ein großes Thema ist - aber auch in dieser Generation gibt es offenbar Menschen, die in Halb-Acht-Stimmung sind, wie in jeder anderen Generation auch. Rebecca, 17, aus Saarbrücken sagt, die Schule müsste noch viel besser über den Klimawandel aufklären. Kian, 15, sagt, dass sich noch immer zu viele Schüler nicht für das Thema interessieren - und daran seien eben auch die Schulen schuld.

38 Viert- und Sechstklässler aus Berlin-Friedrichshain hingegen sind nicht alleine gekommen; sie gehören zu jenen, die ihre Lehrer mit dabeihaben. Ein paar andere wollten nicht mit, sie bekommen an diesem Tag Unterricht: in der zweiten Klasse. Für diese Neunjährigen aber ist es nicht die erste Demo ihres Lebens. Im Sommer, sagen sie, verkleideten sie sich als Bienen und demonstrierten gegen das Bienensterben.

Und dann sind da noch Keanu, 10, und Zoe,7, aus der Nähe von Gießen, die professionell gesichert auf einem Baum hocken. "Damit man uns besser sieht", sagt Zoe, "wir sind ja sehr klein." Die Geschwister haben die Eltern überredet, hierher zu fahren. Sie sind sauer auf die Politiker. Auf ihrem Banner steht: "Es ist unsere Zukunft, ihr Arschlöcher!"

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