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Integration:Ein staatlich finanzierter Sprachkurs stand den Schwestern nie zu

Aufgenommen wurde sie schließlich trotzdem, zunächst als Gastschülerin, nach einem Jahr und allen bestandenen Prüfungen als "normale Schülerin", wie sie sagt. Sie schaffte es auf die Fachoberschule, schloss mit Abitur ab und wurde an der Uni Passau für Jura zugelassen. "Und jedes Mal hat jemand gesagt: Das schaffst du nicht", sagt sie.

Doch selbst Akademikerkinder wie Zahra und Nezhada Lalzad, die in ihrem Heimatland eine Privatschule besuchten und immer gute Noten schrieben, die in Deutschland von Flüchtlingshelfern unterstützt wurden und ihre Freizeit mit Übersetzungs-Apps und dem Duden verbringen - selbst sie stoßen auf Hindernisse.

"Wir sind hier in Bayern, da spricht man Bairisch", habe eine Lehrerin an der Realschule zu ihr gesagt, das habe Zahra Lalzad viele Unterrichtsstunden zusätzlich erschwert. Ein staatlich finanzierter Sprachkurs stand den Schwestern nie zu. Die offiziellen Integrationskurse wurden erst im Herbst 2015 geöffnet für Asylsuchende, deren Verfahren noch nicht entschieden ist, und Geduldete mit guter Bleibeperspektive. Afghanen zählen jedoch ohnehin nicht dazu. Sechs Monate unterrichtete eine Privatlehrerin die Schwestern - bezahlt wurde sie von Spenden, die Kastorff und der Bürgermeister sammelten. Den Rest mussten sich Zahra und Nezhada Lalzad selbst beibringen. "Ich habe im Unterricht alles notiert und dann zu Hause nachgeschlagen, was es heißt", sagt Zahra Lalzad.

"Unser System ist so blöd und arrogant, sich dieses Potenzials der Geflüchteten nicht zu bedienen", unterbricht Kastorff die Schwestern beim Erzählen. "Nur wegen dieses fixen Gedankens: Die sollen alle wieder heimgehen." Nezhada und Zahra Lalzad würden nicht von Behördenwahnsinn oder bösem Willen sprechen, dafür sind sie zu höflich und zu dankbar für das, was sie erreicht haben. Einige Male betonen sie, dass es auch viele Lehrer gab, die sie unterstützten. "Die Lehrer machen das, was ihnen gesagt wird, die können auch nichts ändern", sagt Nezhada Lalzad, und ihre Schwester fügt hinzu: "Wenn, dann müsste man als Staat etwas ändern."

Sie hätten da ein paar Ideen: Farsi als anerkannte Fremdsprache, von den Schulen angebotene Nachhilfestunden am Nachmittag, mehr Zeit in Prüfungen für Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wie es Legasthenikern erlaubt ist. "Geflüchtete werden systematisch gleich bewertet wie jemand, der jahrelang unser Schulsystem durchlaufen hat", sagt Kastorff. "Abgesehen von löblichen Ausnahmen gibt es keinerlei Unterstützung." Noch heute wünscht sich Zahra Lalzad jemanden, der ihr Dinge erklärt, die ihr in der Vorlesung zu schnell gingen. Viele Wörter muss sie nachschlagen, "Darlehen" und "Wucher" zum Beispiel.

Regelungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland

Seit 2011, als Familie Lalzad ankam, hat sich manches verändert. Es wurden zunehmend Flüchtlingsklassen, Vorkurse und Unterricht in Erstaufnahmezentren eingeführt, die Integrationskurse ausgebaut und einige Unterstützungsinitiativen gestartet. Doch vieles ist unterschiedlich geregelt - je nach Bundesland, je nach Schule, je nach Aufenthaltsstatus. Dadurch gibt es noch immer große Lücken. Einen bundesweiten Plan, diese zu schließen, scheint es nicht zu geben. Das Bildungsministerium verweist auf die zuständigen Länder.

Eine aktuelle Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat anhand einer Untersuchung in Bremen Forderungen für ganz Deutschland formuliert. Es bräuchte "bedarfsgerechte Angebote" für Flüchtlinge, um Inhalte und Abschlüsse nachholen und die Deutschkenntnisse ausbauen zu können. Auch an Geld für Räume, Materialien und Lehrkräfte mangele es. Und ganz grundlegend sollte die Bildungspolitik ihren Kurs wechseln: "weg von den Defiziten der Geflüchteten, hin zu den Defiziten im Bildungssystem".

© SZ vom 04.12.2017/mkoh/cat
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