Gemeinschaftsschule "Wie eine OP am offenen Herzen"

Ein morgendlicher Rundgang in der Waldparkschule. Der Unterricht beginnt in Gleitzeit bis halb neun, um das morgendliche Gedrängel in den Bussen zu entzerren. Aber sehr viele Schüler kommen schon um zehn vor acht. Sie schätzen die morgendliche Ruhe. Offene Türen, offene Räume. Schüler, die einander helfen, die selbständig Aufgaben erledigen. Kaum Frontalunterricht. In Klasse 6b döst Crumble, der Golden Retriever von Mathe-Lehrerin Katharina Sauer, ein ausgebildeter "Schulhund". Crumble mag keinen Lärm, der Lärmpegel ist gesunken, seitdem er am Unterricht teilnimmt. Crumble trägt ein Geschirr, daran befestigt Frau Sauer nun ein Täschchen, darin eine Rechenaufgabe. Crumble wählt den Schüler aus, der die Aufgabe an der Tafel lösen muss. Subtraktion, Frau Sauer hilft ein wenig nach. Hinterher darf der Schüler zur Belohnung den Hund mit einem Leckerli belohnen. Crumble kann nicht genug davon kriegen.

Die Gemeinschaftsschule, ein Ort der Beliebigkeit? Thilo Engelhardt hat während Crumbles Auftritt ein strenges Auge auf das Klassenzimmer. Jeder Schüler hat sein kleines Regal. In einem davon steht jetzt ein Ordner schief. Bitte in Ordnung bringen, mahnt der Rektor.

"Man sieht sofort, was man noch üben muss"

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Es gibt mittlerweile 299 Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Sie versammeln sozusagen Hauptschule, Realschule und Gymnasium von Klasse fünf bis zehn unter einem Dach, im Ganztagsbetrieb, in gemeinsamen Klassen. Nicht alle Schüler lernen im gleichen Takt und auf dem gleichen Niveau, aber sie sollen alle voneinander profitieren beim Lernen. Statt Frontalunterricht: Erziehung zur Selbständigkeit.

"Mehr als Schule", steht auf einem Plakat in der Aula. Gelernt wird, weil man den Stoff wichtig nimmt, nicht der Noten wegen, lautet das Credo der Waldparkschule. Die Jugendlichen sollen fit gemacht werden für das Leben. Aber letztlich auch an Leistungen gemessen werden. Engelhardt ist überzeugt, dass seine Schule auf einem guten Weg ist. Aus der jetzigen 8. Klasse werde wohl eine Handvoll Schüler ans Gymnasium wechseln, in der 7. Klasse traut er bereits einem Drittel das Abitur zu.

Ja, sagt Engelhardt im Dienstzimmer, begleitet von Stellvertreter Mathias Peitz, nicht alle hätten das gleiche Talent für Freiheit und Selbstverantwortung. Erste Untersuchungen legen nahe, gute Schüler könnten vom selbständigen Lernen an Gemeinschaftsschulen profitieren, schlechtere dagegen zurückfallen. Engelhardt glaubt nicht daran, aber zweifellos komme dem "Coaching" entscheidende Bedeutung zu. Jeder Schüler hat seinen eigenen Coach, mit dem er in regelmäßigen Abständen seine Lernfortschritte diskutiert, vor allem aber: ob er fähig ist, sich selbst zu organisieren.

Es muss Ordnung herrschen im Lerntagebuch, im Regal, im Heft, vor allem im Kopf. Manche brauchen eine starke Hand und klare Regeln. Auch Bekleidungsregeln sollen helfen. An der Waldparkschule gilt: keine Jogginghosen, keine Kappen, Hoodie-Kapuzen unten. Wer so durchs Leben läuft, hat draußen keine Chance auf einen Job, sagt Engelhardt. Es dauere einige Zeit, solche Regeln durchzusetzen. Aber hinterher seien alle glücklich, auch die Eltern.

Der stellvertretende Schulleiter Peitz trägt an diesem Tag einen Trainingsanzug mit der Aufschrift "Mathias". Aber nur, weil er gleich eine Sportstunde geben werde.

Es muss Ordnung herrschen, vor allem im Kopf. Jeder Schüler hat seinen eigenen Coach

Selbstorganisation, das ist auch die Herausforderung für die rund 40 Lehrerinnen und Lehrer. "Eine neue Schulart im laufenden Betrieb zu implementieren, das ist wie eine OP am offenen Herzen", sagt er. Peitz hat Kolleginnen und Kollegen kommen und gehen gesehen. Manche kapitulierten vor dem Zeitaufwand, vor immer neuen Herausforderungen, dem ständigen Hinterfragen der eigenen Methoden, dem Alltagstrubel, der Enge. Nach wie vor fehlt der Schule eine Mensa, gegessen wird in umgebauten Klassenzimmern. Alle würden mit Leidenschaft arbeiten, sagt Peitz, "aber man muss aufpassen, dass man die Menschen nicht in den Burn-out treibt."

Der Boom der coolen Waldparkschule: Es werden immer mehr Schüler, 420 sind es mittlerweile. Immer mehr kommen "aus dem Tal", also aus den besseren Gegenden Heidelbergs. Anfangs waren es 13, mittlerweile sind es hundert. Der Migrationsanteil liegt bei 50 Prozent. Auch Kurdo ist im Übrigen präsent an der Schule, als Unterrichtsstoff. Denn der Rap, sagt Thilo Engelhardt, sei ja eine Form der Poesie.