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Fall Schavan:Rückschritt in vergangen geglaubte Zeiten

Zahllose Doktormütter und Doktorväter betrachten dies als ihre wichtigste und vornehmste Aufgabe, aber eben nicht alle. So wird nun die Ministerin, die sich ursprünglich sogar an die Universität Düsseldorf gewandt hatte, vom System gezwungen, dieses zu verlassen und den Rechtsweg zu suchen. Ich hatte bislang gedacht, das Jakobinertum der Zeit von 1793 ff sei längst überstanden.

Prominente Plagiate

Seins oder nicht seins?

Leider haben die meisten Fakultäten bislang keine Mechanismen, um mit wissenschaftlichem Fehlverhalten umzugehen. Oft lösen sie nicht einmal die allereinfachsten Sachverhalte, wie das Problem der Befangenheit. Im Falle Düsseldorf war natürlich die Fakultät zutiefst befangen und hätte daher das Verfahren abgeben müssen. Das hat sie aber ganz offensichtlich nicht begriffen, oder sie hat es begriffen und sie hatte nur Angst um ihren Ruf.

Ich war lange genug in verantwortlicher Stellung bei Forschungsförderorganisationen im In- und Ausland, um zur Kenntnis zu nehmen, dass dieses Thema entweder komplett ignoriert wird oder die falschen Strukturen geschaffen werden. Nehmen wir das Beispiel eines Doktoranden, dessen Chef sich wissenschaftlich unredlich verhält. Wenn er sich direkt bei diesem beschweren muss, weil es keinen anderen Weg gibt, kann es ihm passieren, als bloßer Nestbeschmutzer behandelt zu werden, vielleicht gar seinen Job zu verlieren. Ungleich besser wäre es, er könnte sich einer unabhängigen Clearingstelle anvertrauen.

Es wird Zeit, dass jemand die Dinge in die Hand nimmt

Längst ist klar, wie man mit diesem Thema umzugehen hat. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat einen "Ombudsman der Wissenschaft", die USA ein "Office of Research Integrity". Das DFG-System steht allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unmittelbar und unabhängig von einer Beteiligung der DFG zur Verfügung. Obwohl es inzwischen, nicht zuletzt dank der guten Arbeit der Beteiligten im Falle von DFG geförderten Anträgen gut funktioniert, scheint es in anderem Umfeld kaum oder zu wenig bekannt zu sein.

Ich schlage daher vor, zusätzlich eine zentrale Stelle, beispielsweise bei der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, anzusiedeln, an die man sich in all diesen Fällen wenden kann, sei es als einzelner "Whistleblower", sei es als Fakultät, die sich als befangen empfindet. Eine Arbeitsgruppe des Inter-Academy-Council, einer Vereinigung der Akademien der Wissenschaften dieser Welt, der ich als Co-Chair vorstehe, hat dieses Engagement der Akademien kürzlich mit Nachdruck empfohlen.

Sollte das System aber dazu nicht selbst in der Lage sein, dann ist möglicherweise die Politik angesprochen, also beispielsweise die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz. Es wird Zeit, dass endlich jemand die Dinge in die Hand nimmt, um noch mehr Schaden von unserem Wissenschaftssystem abzuwenden, als durch eine Entscheidung à la Düsseldorf bereits angerichtet wurde.

Ernst-Ludwig Winnacker, 71, lehrte mehrere Jahrzehnte Biochemie an der Universität München. Er war Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und später erster Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates.