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Bildungsstudie der OECD:Wenn Textaufgaben zum Hindernis werden

Klassenzimmer

Der Pisa-Schock hilft benachteiligten Kindern.

(Foto: dpa)

Außerdem fördert das Bayerische Kultusministerium seit dem Schuljahr 2012/2013 Schulen in sozial schwächeren Gegenden mit zusätzlichen Lehrerstunden, um besser auf die Bedürfnisse benachteiligter Kinder einzugehen. 1300 zusätzliche Stellen sind dem Ministeriumssprecher zufolge für Integration und Sprachförderung geschaffen worden. Bis 2018 soll zudem jeder bayerische Schüler einen Ganztagsplatz bekommen, wenn er denn möchte. Derzeit bieten 80 Prozent der bayerischen Schulen eine Betreuung bis in den Nachmittag hinein an.

Dazu gehört seit vier Jahren auch die Realschule von Ulrike Wilms, Konrektorin der Erich-Kästner-Realschule im Münchner Hasenbergl, einem Viertel mit hohem Migrantenanteil. Dort zeigt das Ganztagsprogramm bereits erste Erfolge: So blieben weniger Schüler sitzen und "es macht sich auch sprachlich bemerkbar", so Wilms. Pädagogik-Professorin Engin sieht eine Verbesserung des Sprach-Niveaus als Schlüssel zum Bildungserfolg. "Es gibt Eltern, die der Bildungssprache der Schule nicht mächtig sind und diese dementsprechend auch nicht an ihre Töchter und Söhne weitergeben können." Das seien sowohl Mütter und Väter mit ausländischen Wurzeln als auch Eltern mit sozial schwachem Hintergrund.

Kinder aus solchen Familien hätten beispielsweise in Mathematik häufig Probleme mit Textaufgaben - wie sie auch heute noch beim Pisa-Test Usus sind. "Wenn sie daran scheitern, hat das oft weniger mit den mathematischen als vielmehr mit den sprachlichen Anforderungen zu tun. Die Rechnung könnten sie vielleicht sogar, aber soweit kommt es gar nicht." Auch in naturwissenschaftlichen Versuchsanleitungen oder Protokollen fänden sich "viele Passiv-Konstruktionen, die grammatikalisch sehr anspruchsvoll sind, oder schwer verständliche Begriffskompositionen wie 'Brennstoffzelle'". Heute würden (angehende) Fachlehrer für diese Problematik sensibilisiert und dazu angehalten, fachsprachliche Texte im Unterricht zu erarbeiten.

"Es fehlt am Handwerkszeug"

"Im Idealfall lernen Schüler, sprachliche Stolpersteine zu erkennen und damit umzugehen, beispielsweise indem sie unbekannte Begriffe nachschlagen", erklärt Engin. "Das mag banal klingen, aber es gibt eben Kinder, die nie gesagt bekommen haben, dass es so etwas wie einen Fremdwörterduden gibt." Neben sprachlicher Förderung sei die Vermittlung von Lernmethoden ein entscheidender Faktor für den schulischen Erfolg von Kindern aus "bildungsarmen" Familien, so die Professorin für transkulturelle Pädagogik. "Intellektuell bringen viele dieser Kinder nicht weniger mit als der Nachwuchs aus Akademiker-Haushalten - aber es fehlt am Handwerkszeug, um das eigene Potential auszuschöpfen."

Dass sich dieses Bewusstsein mittlerweile in der Didaktik durchgesetzt hat und immer mehr Lehramtsstudenten an der Uni lernen, wie sie benachteiligte Schüler fördern, sieht Engin als einen Verdienst von Pisa. Weitere Verbesserungen der Lernvoraussetzungen erhofft sich Ilka Hoffmann von der Lehrer-Gewerkschaft GEW durch die "Schrumpfung" der Haupt- und Förderschulen sowie von Inklusion. "Schwächere Schüler haben in der integrativen Sekundarstufe mehr Möglichkeiten, das gemeinsame Lernen zieht sie nach oben", sagt die Pädagogin.

Für Kassem Saleh kommen all diese Veränderungen zu spät. Er verdankt seinen Schulerfolg nach eigener Aussage seinen Eltern, die ihm immer vermittelt hätten, wie wichtig Bildung sei - und einem Nachbarn.

Wenn Kassem mal nicht weiter kam mit dem Hausaufgaben oder dem Prüfungsstoff, schrieb er einfach eine SMS: "Hallo Michael, kannst du kurz rüberkommen?" Dann kam Michael Riedel, damals Sozialpädagogik-Student und Nachbar der Familie Saleh, und half - auch spätabends noch. "Ich wüsste nicht, wo ich heute ohne ihn wäre. Er hat mir beigebracht, zu lernen", sagt Kassem. Und: "Ich hatte einfach Glück - aber was hat das mit Gerechtigkeit zu tun?"

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