Süddeutsche Zeitung

Bildungsstudie der OECD:Pisa-Schock hilft benachteiligten Schülern

Lesezeit: 4 min

Ist das deutsche Schulsystem gerechter geworden? Zumindest haben Schüler aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund bei Pisa besser abgeschnitten. Was Politiker und Pädagogen aus dem Bildungs-Schock gelernt haben.

Von Johanna Bruckner und Anna Günther

Kassem Saleh ist einer jener "Bildungsaufsteiger", die von der Politik gerne als Musterbeispiel herangezogen werden, um zu zeigen: Seht her, so undurchlässig und ungerechnet ist unser Schulsystem doch gar nicht - jeder kann das Abitur schaffen! Der 20-Jährige, der 2003 mit seinen Eltern und den drei jüngeren Brüdern aus dem Irak nach Deutschland kam, hat sich hochgekämpft: von der Mittelschule, die in Sachsen zum Haupt- und Realschulabschluss führt (mittlerweile: Oberschule), aufs Gymnasium. Im Sommer hat er in Plauen sein Abitur gemacht, seit diesem Semester studiert er in Dresden Bauingenieurswesen.

Vereinzelte Erfolgsgeschichten allein rehabilitieren Deutschland in Sachen Bildungsgerechtigkeit natürlich nicht. In kaum einem anderen europäischen Land hängt Schulerfolg so sehr von der Herkunft ab wie hierzulande. So war es zumindest bisher. Doch die jüngste Pisa-Studie scheint Anlass zur Hoffnung zu geben. Die besseren Resultate deutscher Schüler kommen laut OECD auch dadurch zustande, dass Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund zugelegt haben. Deutschland sei es sowohl gelungen, seine Ergebnisse zu verbessern, "als auch die Chancengleichheit bei der Bildung zu erhöhen".

Stellt sich die Frage, woran das liegt: Ist es den Kultusministern tatsächlich gelungen, die schulischen Strukturen seit dem Pisa-Schock Anfang des Jahrtausends so zu verändern, dass benachteiligte Kinder und Jugendliche heute besser gefördert werden? Oder sind heute einfach alle Schüler besser auf Pisa trainiert?

"Routine mit Bildungsstudien"

Havva Engin, Leiterin des Heidelberger Zentrums für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik, bejaht beide Fragen. "Wir haben tatsächlich eine gewisse Routine mit Bildungsstudien wie Pisa entwickelt. Die Lehrkräfte wissen, welches Wissen abgefragt wird, und wie - und bereiten ihre Schüler entsprechend darauf vor." Aber Engin sieht auch echte Veränderungen. Pisa habe den Zusammenhang von Milieu und schulischem Erfolg beziehungsweise Misserfolg schmerzhaft ins öffentliche Bewusstsein gerückt und ein Umdenken in der pädagogischen Praxis eingeleitet.

Ähnlich sieht das Ilka Hoffmann von der Lehrer-Gewerkschaft GEW. Die gezielte Förderung von Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen und von Migranten sei nach dem schlechten Abschneiden bei der ersten OECD-Studie plötzlich Thema geworden. "Vorher wurde überhaupt nichts gemacht, jetzt macht man wenigstens irgendwas."

So würde das Ludwig Unger, Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums, nie formulieren. Er führt lieber konkrete Zahlen ins Feld, die gleichsam belegen sollen: Wir wissen sehr genau, was wir tun. Und dieses bildungspolitische Handeln für Sozialschwächere und Kinder mit Migrationshintergrund setzt in Bayern bereits vor der Einschulung an - weil, da sind sich Experten einig, vor allem frühe Förderung ungleiche Startchancen in der Schule verhindern kann.

In Bayern wurden deshalb die Stunden für den sogenannten "Vorkurs" erhöht. Kinder, die ihr Deutsch verbessern müssen, haben nun 240 Stunden Sprachkurs statt wie früher nur 40 Stunden. Mittlerweile dürfen auch deutsche Kinder daran teilnehmen, ursprünglich galt das Angebot ausschließlich für Schüler aus Migrantenfamilien.

Wenn Textaufgaben zum Hindernis werden

Außerdem fördert das Bayerische Kultusministerium seit dem Schuljahr 2012/2013 Schulen in sozial schwächeren Gegenden mit zusätzlichen Lehrerstunden, um besser auf die Bedürfnisse benachteiligter Kinder einzugehen. 1300 zusätzliche Stellen sind dem Ministeriumssprecher zufolge für Integration und Sprachförderung geschaffen worden. Bis 2018 soll zudem jeder bayerische Schüler einen Ganztagsplatz bekommen, wenn er denn möchte. Derzeit bieten 80 Prozent der bayerischen Schulen eine Betreuung bis in den Nachmittag hinein an.

Dazu gehört seit vier Jahren auch die Realschule von Ulrike Wilms, Konrektorin der Erich-Kästner-Realschule im Münchner Hasenbergl, einem Viertel mit hohem Migrantenanteil. Dort zeigt das Ganztagsprogramm bereits erste Erfolge: So blieben weniger Schüler sitzen und "es macht sich auch sprachlich bemerkbar", so Wilms. Pädagogik-Professorin Engin sieht eine Verbesserung des Sprach-Niveaus als Schlüssel zum Bildungserfolg. "Es gibt Eltern, die der Bildungssprache der Schule nicht mächtig sind und diese dementsprechend auch nicht an ihre Töchter und Söhne weitergeben können." Das seien sowohl Mütter und Väter mit ausländischen Wurzeln als auch Eltern mit sozial schwachem Hintergrund.

Kinder aus solchen Familien hätten beispielsweise in Mathematik häufig Probleme mit Textaufgaben - wie sie auch heute noch beim Pisa-Test Usus sind. "Wenn sie daran scheitern, hat das oft weniger mit den mathematischen als vielmehr mit den sprachlichen Anforderungen zu tun. Die Rechnung könnten sie vielleicht sogar, aber soweit kommt es gar nicht." Auch in naturwissenschaftlichen Versuchsanleitungen oder Protokollen fänden sich "viele Passiv-Konstruktionen, die grammatikalisch sehr anspruchsvoll sind, oder schwer verständliche Begriffskompositionen wie 'Brennstoffzelle'". Heute würden (angehende) Fachlehrer für diese Problematik sensibilisiert und dazu angehalten, fachsprachliche Texte im Unterricht zu erarbeiten.

"Es fehlt am Handwerkszeug"

"Im Idealfall lernen Schüler, sprachliche Stolpersteine zu erkennen und damit umzugehen, beispielsweise indem sie unbekannte Begriffe nachschlagen", erklärt Engin. "Das mag banal klingen, aber es gibt eben Kinder, die nie gesagt bekommen haben, dass es so etwas wie einen Fremdwörterduden gibt." Neben sprachlicher Förderung sei die Vermittlung von Lernmethoden ein entscheidender Faktor für den schulischen Erfolg von Kindern aus "bildungsarmen" Familien, so die Professorin für transkulturelle Pädagogik. "Intellektuell bringen viele dieser Kinder nicht weniger mit als der Nachwuchs aus Akademiker-Haushalten - aber es fehlt am Handwerkszeug, um das eigene Potential auszuschöpfen."

Dass sich dieses Bewusstsein mittlerweile in der Didaktik durchgesetzt hat und immer mehr Lehramtsstudenten an der Uni lernen, wie sie benachteiligte Schüler fördern, sieht Engin als einen Verdienst von Pisa. Weitere Verbesserungen der Lernvoraussetzungen erhofft sich Ilka Hoffmann von der Lehrer-Gewerkschaft GEW durch die "Schrumpfung" der Haupt- und Förderschulen sowie von Inklusion. "Schwächere Schüler haben in der integrativen Sekundarstufe mehr Möglichkeiten, das gemeinsame Lernen zieht sie nach oben", sagt die Pädagogin.

Für Kassem Saleh kommen all diese Veränderungen zu spät. Er verdankt seinen Schulerfolg nach eigener Aussage seinen Eltern, die ihm immer vermittelt hätten, wie wichtig Bildung sei - und einem Nachbarn.

Wenn Kassem mal nicht weiter kam mit dem Hausaufgaben oder dem Prüfungsstoff, schrieb er einfach eine SMS: "Hallo Michael, kannst du kurz rüberkommen?" Dann kam Michael Riedel, damals Sozialpädagogik-Student und Nachbar der Familie Saleh, und half - auch spätabends noch. "Ich wüsste nicht, wo ich heute ohne ihn wäre. Er hat mir beigebracht, zu lernen", sagt Kassem. Und: "Ich hatte einfach Glück - aber was hat das mit Gerechtigkeit zu tun?"

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