Bildung Inklusion an Schulen - ein Etikettenschwindel

Sonderpädagoge Hans Wocken hält die Inklusion an Schulen für richtig - die bisherigen Versuche aber für nicht zielführend.

(Foto: dpa)

Während die Inklusionsquoten aufgeblasen werden, geht die Ausgrenzung behinderter Kinder an Förderschulen weiter. Es braucht eine Reform, die den Namen verdient.

Gastbeitrag von Hans Wocken

Kritik an der Inklusion in Schulen ist in Mode gekommen und gesellschaftsfähig geworden. Die Inklusionskritiker und -gegner verkünden lauthals das "Scheitern" der Inklusion. Stimmt das - ist die Inklusion wirklich gescheitert? Oder liefert eine halbherzige, fehlerhafte Umsetzung der Inklusion nur den Vorwand, sich von ihr wieder abzuwenden? Zwei gravierende Fehlentwicklungen kennzeichnen die bisherigen Versuche:

Über den Autor

Hans Wocken, 75, ist gelernter Sonderschullehrer und war 28 Jahre an der Universität Hamburg Professor für Lernbehinderten- und Integrationspädagogik. Er ist Autor des Buchs "Contra Inklusionskritik. Eine Apologie der Inklusion".

1. Separationsstillstand. Werfen wir einen empirischen Blick auf die quantitative Bilanz der sogenannten "Inklusionsreform". Im Jahr 2009, in dem die Behindertenrechtskonvention von Deutschland ratifiziert wurde, gingen 4,7 Prozent aller Schüler auf Sonderschulen. 2016 betrug diese sogenannte Förderschulquote 4,2 Prozent. Die "Inklusionsreform" hat also innerhalb von acht Jahren die Aussonderung von Schülern mit Behinderungen gerade mal um magere 0,5 Prozentpunkte vermindern können. Bayern, Baden-Württemberg, das Saarland und Rheinland-Pfalz haben den Anteil von behinderten Schülern in Sonderschulen in den acht Jahren sogar um etwa 0,2 Prozentpunkte gesteigert! Dieses außerordentlich klägliche und paradoxe Ergebnis ist kein Indiz für eine zielstrebige Inklusionspolitik - sondern für einen nahezu vollständigen Separationsstillstand.

Das ist die nackte, empirische Wahrheit der gescholtenen "Inklusionsreform". Was unter einem inklusiven Schulsystem zu verstehen ist, mag ja strittig sein. Über einen Punkt sollte aber Einvernehmen bestehen: Das unbedingte Minimalkriterium einer wirklichen Inklusionsreform muss eine stetige Minimierung der Förderschulquote sein. Immer weniger Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollten auf Sonderschulen gehen. Ohne Minimierung der Separation ist Inklusion nicht zu haben, da beißt die Maus keinen Faden ab.

2. Etikettierungsschwemme. Bekanntlich gibt es zwischen den Bundesländern einen ehrgeizigen Wettlauf um hohe Inklusionsquoten. "Inklusionsquote" meint den Anteil jener Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die in allgemeinen Schulen inklusiv unterrichtet werden. Auf der Rangliste imponieren die Länder Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen mit Inklusionsquoten von 60 bis 84 Prozent. Sind nun diese magisch beschworenen Inklusionsquoten ein glaubwürdiges Indiz für eine konzeptgemäße Inklusion? Weit, sehr weit gefehlt!

Der bereits beschriebene Separationsstillstand besagt ja, dass es keinen massenhaften Exodus von Schülern mit Behinderungen aus den Sonderschulen gegeben hat, sondern sie trotz "Inklusionsreform" mehrheitlich dort verbleiben. Woher kommen dann all die vielen neuen Inklusionsschüler, die zu den aufgeblasenen Inklusionsquoten führen? Ganz einfach: Die "neuen" Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind nicht ehemalige Sonderschüler, sie kommen fast ausschließlich aus den Regelschulen selbst. In allen Regelschulen gibt es schwache und schwierige Schüler, die früher als "von Behinderung bedroht" galten und heute Problem- oder Risikoschüler genannt werden. Diese Schüler werden dank großherziger Diagnostik als Schüler "mit sonderpädagogischem Förderbedarf" identifiziert. Und weil diese neuen, etikettierten Förderschüler in den Regelschulen verbleiben, gelten sie als "inkludiert". Die Folge: Die Inklusionsquoten schnellen hoch.

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Das Geheimnis der Inklusionsquote ist in Wahrheit die ausufernde Etikettierung. Kritisch gewendet: Die Verseuchung der Schule mit dem Defizitblick beschneidet das weite Feld der Normalität.

Für die Etikettierungsschwemme gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste Grund dürfte das Bemühen um zusätzliches Personal sein, vor allem um Sonderpädagogen. Für diagnostizierte Förderbedarfe können bekanntermaßen Ressourcen reklamiert werden. Weil Förderdiagnosen mit Förderressourcen belohnt werden, kommt eine unheilvolle Spirale in Gang: Diagnosen erwirken Ressourcen, mehr Ressourcen animieren zu mehr Diagnosen. Die Etikettierungsschwemme setzt eine wundersame Vermehrung von Inklusionskindern an Regelschulen in die Welt.

Die "Inklusionsreform" hat also nichts anderes hervorgebracht als eine "Pseudo-Inklusion". Die Gleichzeitigkeit von Separationsstillstand und Etikettierungsschwemme lässt daran zweifeln, ob eine wirkliche Inklusion überhaupt schon stattgefunden hat. Oder wollen wir allen Ernstes von Inklusion sprechen, wenn die behinderten Schüler in den Sonderschulen schlichtweg "vergessen" und dort belassen werden?