Würzburg:Wie ein 200 Jahre altes Unternehmen von der Digitalisierung profitiert

Würzburg: Koenig & Bauer ist der älteste Druckmaschinenbauer der Welt.

Koenig & Bauer ist der älteste Druckmaschinenbauer der Welt.

(Foto: Thomas Berberich/OH)
  • Druckmaschinenhersteller wie Koenig & Bauer waren viele Jahre massiv von den Folgen der Digitalisierung betroffen.
  • Sie hat einen Strukturwandel eingeläutet - nur noch ein geringer Umsatz wird mit Maschinen im Bereich "zeitungsnah" gemacht.
  • Aber inzwischen gibt es neue Geschäftsmodelle, auch für die Maschinenbauer.

Von Maximilian Gerl, Würzburg

Im Thronsaal riecht es verbrannt. Tonnenschwere Gussformen stehen in einer dünnen Schicht aus schwarzem Sand, der fast wie Asche aussieht. Im Hochofen glüht die mehr als tausend Grad heiße Metallmischung, Funken sprühen, Arbeiter kurbeln an großen Rädern. Das einzig modern wirkende Gerät in der Halle ist ein Kran mit Fernsteuerung. Ganz klar: In der Gießerei von Koenig & Bauer regiert Herzog Analog noch.

Koenig & Bauer ist der älteste Druckmaschinenbauer der Welt. Ein Weltmarktführer aus Würzburg, perfekt geeignet, um einen Thronstreit aus erster Reihe zu beobachten. Früher war Analog mal Kaiser, unangefochtener Alleinherrscher. Doch inzwischen gibt es Konkurrenz. Wenn es blöd läuft, wird Analog deshalb in ein paar Jahren zum Junker degradiert.

Der Emporkömmling heißt Digital, sein Versprechen Digitalisierung. Die Befürworter sehen in ihm die Zukunft, eine Wirtschaft mit schnelleren, günstigeren, besseren Geschäftsmodellen. Die Kritiker hingegen befürchten, dass da ein Jobkiller heranwächst, der alte Produktionsweisen erschüttert und eingesessene Firmen in die Pleite treibt. Die Digitalisierung, Chance oder Gefahr? Claus Bolza-Schünemann sagt: "Das kommt darauf an."

Bolza-Schünemann, Jahrgang 1956, weiß, wovon er spricht. Dazu muss er nur über den Stammsitz seiner Firma laufen. Druckmaschinen für Zeitungen und Verlage haben Koenig & Bauer groß gemacht, 2017 haben sie das 200. Firmenjubiläum gefeiert. Manch neue Gebäude sind im Laufe der Zeit dazugekommen, manch alte wurden umgebaut. An einigen Stellen steht die Ziegelsteinfassade von 1900 noch. In den Werkshallen laufen vollautomatische Anlagen, andernorts wie in der Gießerei ist weiter Muskelkraft gefragt. Hier werden große Bauteile gegossen. Später werden sie zusammengeschraubt und mit Elektronik und Düsen bestückt; mehrere solcher Boxen ergeben kombiniert bis zu 70 Meter lange Druckanlagen.

Die Digitalisierung hat längst einen Strukturwandel eingeläutet. Selten wird er so deutlich wie bei Druckmaschinen. Bolza-Schünemann sagt, noch vor 50 Jahren habe Koenig & Bauer rund 80 Prozent des Umsatzes mit Neumaschinen im Bereich "mediennah" gemacht - also zum Beispiel mit Zeitungsdruck. Vor zehn Jahren sei es die Hälfte gewesen. Jetzt zehn Prozent.

Das Internet ist keine Option

Die Druckkrise begann 2007 mit der Finanzmarktkrise. Firmen mussten sparen, Marketingbudgets wurden gekürzt, weniger Werbebeilagen gedruckt. Die Digitalisierung verstärkte den Trend. 2013 musste Koenig & Bauer zwei Standorte schließen und Arbeitsplätze abbauen. Unter den Angestellten ging die Angst um: Wer darf bleiben, wer muss gehen? "Die letzten Jahre waren für uns einschneidend", sagt Bolza-Schünemann. "Das ist immer das Schlimmste, sich von Mitarbeitern zu trennen." Heute arbeiten rund 5300 Menschen für den Konzern.

Klar, auch andere Firmen kämpfen mit den Herausforderungen der Digitalisierung. Zeitungen etwa verkaufen immer weniger gedruckte Ausgaben. Aber sie können ihre Nachrichten stattdessen im Netz veröffentlichen. Druckmaschinenhersteller nicht. Ihr Produkt ist zum Anfassen und das, was ihr Produkt produziert, auch. Nichts, was sich einfach wegdigitalisieren ließe.

Vielleicht gibt es ja einen Mittelweg: analog und digital sein. Koenig & Bauer hat sich zuletzt restrukturiert. Das Digitale wird vor allem im Service sichtbar. Sensoren in den neuen Maschinen schicken Messwerte um die Welt. Tritt eine Störung auf, können Techniker sofort von Würzburg aus die Anlage überprüfen und die meisten Probleme beheben. "An der Ecke ist die Digitalisierung phänomenal", sagt Bolza-Schünemann.

Das Auge kauft mit

Gleichzeitig hat seine Firma sich weiterentwickelt, genauer: neue Druckverfahren entwickelt, vor allem bei Verpackung und Dekor. Es gibt Maschinen für Kartonagen oder Faltschachteln, für Folien, Gläser oder Bleche, für Holz oder Klickfußböden. "Wenn Sie in ein Kaufhaus gehen, finden Sie nichts, das nicht bedruckt ist."

Tatsächlich, wohin man schaut, Barcodes, Logos, Zeichen auf Kassenzetteln, Hüllen, Kronkorken, Lebkuchendosen. Das Auge kauft mit. So werben Getränkehersteller an Weihnachten oder zu Olympia verstärkt mit besonderen Motiven. Um diese flexibel und günstig zu drucken, sind neue Technologien nötig. Ein weiterer Wachstumsmotor ist ausgerechnet die Digitalisierung selbst. Der zunehmende Internethandel verlangt ständig nach kreativen Verpackungen. Für Koenig & Bauer lohnt sich das. Etwa 70 Prozent tragen die neuen Drucktechniken zum Umsatz bei. Laut Jahresbericht stieg der Gewinn 2016 auf 82,2 Millionen Euro - so viel wie nie.

Würzburg: Claus Bolza-Schünemann ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender von Koenig und Bauer.

Claus Bolza-Schünemann ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender von Koenig und Bauer.

(Foto: Koenig & Bauer AG)

Die Abkehr vom Zeitungsdruck ist etwas Neues in der Firmengeschichte. Und passt trotzdem hinein. Auch Friedrich Koenig wagte Neues, als er 1803 begann, eine Druckerpresse zu konstruieren. Vielleicht war sein Ansatz zu radikal, jedenfalls ging ihm das Geld aus und er selbst nach England. Dort entwickelte er den Prototypen weiter und verkaufte ihn 1814 an die Times. 1817 gründete er mit Andreas Bauer im Kloster Oberzell bei Würzburg eine "Schnellpressenfabrik". Ihre Nachkommen differenzierten nach und nach das Geschäft, sie lieferten etwa 1924 die erste Sammeldruckmaschine für farbige Geldscheine aus. In der Nische Banknotendruck ist das Unternehmen bis heute weltweit Nummer eins.

Bolza-Schünemann ist die sechste Generation auf dem Chefsessel. Ein gelernter Radio- und Fernsehtechniker, der über Umwege zu Koenig & Bauer fand und trotzdem jedes Teil der Maschinen kennt. Auf Messen fachsimpelt er mit Mitarbeitern über Technikdetails. Druck hat Zukunft, da ist er sich sicher. Auf Prognosen lässt er sich trotzdem ungern ein.

Etwa Banknotendruck: Wann Staaten neue Maschinen kaufen, ist oft unklar. Die Anlagen sind langlebig, das Design von Geldscheinen ändert sich selten. Bolza-Schünemann sieht das so: Wenn ein Geschäftszweig wegbricht, besteht die unternehmerische Pflicht, einen neuen zu suchen - indem man die Expertise bei Farben und Drucken möglichst breitbandig nutzt.

Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten

Herzog Analog wird nie wieder Kaiser sein, die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Aber lieber geteilt herrschen als gar nicht. Am Stammsitz in Würzburg ist in diesem Jahr ein Showroom hochgezogen worden. Noch ist der Saal nicht ganz fertig. Oben in der Galerie entsteht eine Cafeteria, unten bauen Techniker eine Musteranlage auf: eine Neuentwicklung im Wellpappendigitaldruck.

Nebenan im Haupthaus hängt eine Vitrine. Bolza-Schünemann zeigt die Palette dessen, was seine Maschinen bedrucken können: Zeitungen, Flaschenetiketten, Schachteln, Pillenverpackungen. Alte Drucktechniken und neue, einträchtig nebeneinander. Wobei, ganz auf dem aktuellen Stand ist die Vitrine nicht. Bolza-Schünemann sagt: "Da müssen noch ein paar neue Sachen rein."

© SZ vom 18.12.2017/vewo
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB