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Würzburg:Wie ein 200 Jahre altes Unternehmen von der Digitalisierung profitiert

Koenig & Bauer ist der älteste Druckmaschinenbauer der Welt.

(Foto: Thomas Berberich/OH)
  • Druckmaschinenhersteller wie Koenig & Bauer waren viele Jahre massiv von den Folgen der Digitalisierung betroffen.
  • Sie hat einen Strukturwandel eingeläutet - nur noch ein geringer Umsatz wird mit Maschinen im Bereich "zeitungsnah" gemacht.
  • Aber inzwischen gibt es neue Geschäftsmodelle, auch für die Maschinenbauer.

Im Thronsaal riecht es verbrannt. Tonnenschwere Gussformen stehen in einer dünnen Schicht aus schwarzem Sand, der fast wie Asche aussieht. Im Hochofen glüht die mehr als tausend Grad heiße Metallmischung, Funken sprühen, Arbeiter kurbeln an großen Rädern. Das einzig modern wirkende Gerät in der Halle ist ein Kran mit Fernsteuerung. Ganz klar: In der Gießerei von Koenig & Bauer regiert Herzog Analog noch.

Koenig & Bauer ist der älteste Druckmaschinenbauer der Welt. Ein Weltmarktführer aus Würzburg, perfekt geeignet, um einen Thronstreit aus erster Reihe zu beobachten. Früher war Analog mal Kaiser, unangefochtener Alleinherrscher. Doch inzwischen gibt es Konkurrenz. Wenn es blöd läuft, wird Analog deshalb in ein paar Jahren zum Junker degradiert.

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Der Emporkömmling heißt Digital, sein Versprechen Digitalisierung. Die Befürworter sehen in ihm die Zukunft, eine Wirtschaft mit schnelleren, günstigeren, besseren Geschäftsmodellen. Die Kritiker hingegen befürchten, dass da ein Jobkiller heranwächst, der alte Produktionsweisen erschüttert und eingesessene Firmen in die Pleite treibt. Die Digitalisierung, Chance oder Gefahr? Claus Bolza-Schünemann sagt: "Das kommt darauf an."

Bolza-Schünemann, Jahrgang 1956, weiß, wovon er spricht. Dazu muss er nur über den Stammsitz seiner Firma laufen. Druckmaschinen für Zeitungen und Verlage haben Koenig & Bauer groß gemacht, 2017 haben sie das 200. Firmenjubiläum gefeiert. Manch neue Gebäude sind im Laufe der Zeit dazugekommen, manch alte wurden umgebaut. An einigen Stellen steht die Ziegelsteinfassade von 1900 noch. In den Werkshallen laufen vollautomatische Anlagen, andernorts wie in der Gießerei ist weiter Muskelkraft gefragt. Hier werden große Bauteile gegossen. Später werden sie zusammengeschraubt und mit Elektronik und Düsen bestückt; mehrere solcher Boxen ergeben kombiniert bis zu 70 Meter lange Druckanlagen.

Die Digitalisierung hat längst einen Strukturwandel eingeläutet. Selten wird er so deutlich wie bei Druckmaschinen. Bolza-Schünemann sagt, noch vor 50 Jahren habe Koenig & Bauer rund 80 Prozent des Umsatzes mit Neumaschinen im Bereich "mediennah" gemacht - also zum Beispiel mit Zeitungsdruck. Vor zehn Jahren sei es die Hälfte gewesen. Jetzt zehn Prozent.

Das Internet ist keine Option

Die Druckkrise begann 2007 mit der Finanzmarktkrise. Firmen mussten sparen, Marketingbudgets wurden gekürzt, weniger Werbebeilagen gedruckt. Die Digitalisierung verstärkte den Trend. 2013 musste Koenig & Bauer zwei Standorte schließen und Arbeitsplätze abbauen. Unter den Angestellten ging die Angst um: Wer darf bleiben, wer muss gehen? "Die letzten Jahre waren für uns einschneidend", sagt Bolza-Schünemann. "Das ist immer das Schlimmste, sich von Mitarbeitern zu trennen." Heute arbeiten rund 5300 Menschen für den Konzern.

Klar, auch andere Firmen kämpfen mit den Herausforderungen der Digitalisierung. Zeitungen etwa verkaufen immer weniger gedruckte Ausgaben. Aber sie können ihre Nachrichten stattdessen im Netz veröffentlichen. Druckmaschinenhersteller nicht. Ihr Produkt ist zum Anfassen und das, was ihr Produkt produziert, auch. Nichts, was sich einfach wegdigitalisieren ließe.

Vielleicht gibt es ja einen Mittelweg: analog und digital sein. Koenig & Bauer hat sich zuletzt restrukturiert. Das Digitale wird vor allem im Service sichtbar. Sensoren in den neuen Maschinen schicken Messwerte um die Welt. Tritt eine Störung auf, können Techniker sofort von Würzburg aus die Anlage überprüfen und die meisten Probleme beheben. "An der Ecke ist die Digitalisierung phänomenal", sagt Bolza-Schünemann.

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