Welche Schlampereien sich ein Gericht leistete:Wie kann es zu solchen Fehlern kommen?

Als einziges Beweismittel führt das Gericht - neben der Aussage der früheren Frau Mollaths - das Attest einer Ärztin an, das diese ein Dreivierteljahr nach der behaupteten Tat ausgestellt haben soll. Der Name der Ärztin ist im Urteil namentlich benannt. Ist aber falsch. Wie der Sohn der Ärztin der Süddeutschen Zeitung bestätigt, habe er als Urlaubsvertreter das Attest ausgestellt. Weder Sohn noch Mutter wurden vor Gericht je als Zeugen vernommen.

Drei Seiten, nachdem im Urteil der Zeitpunkt der angeklagten Tat falsch datiert wird, stellt das Gericht fest: Mollath habe im Prozess vor dem Amtsgericht einen Schnellhefter übergeben, der "in keinerlei erkennbarem Zusammenhang mit den Anklagevorwürfen" stehe.

Das ist ebenfalls falsch: Der Hefter beinhaltet nicht nur zahlreiche Briefe, in denen beschrieben wird, dass Mollaths Frau - aus dessen Sicht - sehr impulsiv sein konnte. Es findet sich dort sogar ein partielles Geständnis Mollaths, der die angeklagte Tat allerdings völlig anders beschreibt als die Ehefrau: "Wir haben uns heftig gestritten, sie will nicht aufhören. Wie schon mal passiert. Sie geht auf mich los. Tritte und Schläge. Leider wehre ich mich." Dieser Satz aus dem Hefter, den Mollath in erster Instanz zu seiner Verteidigung übergeben hatte, wird im Urteil weder zitiert noch diskutiert.

Es geht immer so weiter. Auf der nächsten Seite verwechselt das Gericht den Nachbarn eines Gutachters, der sich für befangen erklärt hat, mit einem Nachbarn Mollaths. Das Gericht behauptet: Der Gutachter sei von Nachbarn Mollaths privat auf dessen Zustand angesprochen worden. Tatsache ist: Der Gutachter ist von einem eigenen Nachbarn angesprochen worden.

"Im Detail nicht bekannt"

Das sind nur die massivsten Fehler auf den ersten neun Seiten des Urteils, insgesamt umfasst dieses 28 Seiten, es ließen sich noch viele weitere aufzählen. Sie dürften Gegenstand zweier Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens sein, die momentan vorbereitet werden. Sowohl die Staatsanwaltschaft Regensburg - sie ist für Wiederaufnahmeanträge am Gerichtsort Nürnberg-Fürth zuständig - als auch Mollaths Rechtsanwalt Gerhard Strate werden ihre Anträge demnächst einreichen. Anwalt Strate will dies in wenigen Tagen tun.

Wie kann es zu solchen Fehlern kommen? Das Oberlandesgericht Nürnberg erklärt auf Anfrage, die benannten Punkte seien "im Detail nicht bekannt". Für die Korrektur eines Urteils sei die Revision zuständig, in dem Fall der Bundesgerichtshof. Dieser hatte 2007 "keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten" erkannt. Das Urteil ist seither rechtskräftig.

Mollath sagt auf Anfrage, die Angaben der Streifenbeamten seien "absolut zutreffend". Er habe sich im Februar 2006 freiwillig festnehmen lassen, nachdem er eine Festnahme ein Jahr zuvor "als traumatisches Erlebnis" in Erinnerung gehabt habe. Mollath hat in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass vieles falsch dargestellt sei in dem Urteil, zum Beispiel seine Festnahme. Etwa im November 2010 hatte Mollath dies einem Gutachter geschildert. Dieser reagierte darauf: "Lassen Sie uns einmal einhalten. Eine Geschichte, die sie erzählen, klingt schrecklicher als die andere." Er glaubte Mollath offenbar nicht.

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