Gedenken Erinnerung an Tod und Aufbruch

Lusia Milch (rechts) ist nach 72 Jahren zurückgekommen an den Ort, an dem so viele Menschen leiden mussten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Wolfratshauser Stadtteil Waldram war das letzte Lager für "Displaced Persons", zuvor zwangen die Nazis dort Menschen zur Arbeit.

Von Matthias Köpf, Wolfratshausen

Lusia Milch ist es gewöhnt, dass ihr die Menschen zuhören. Sie hat ein langes Berufsleben als Lehrerin an einer Highschool in New York verbracht und kann in beeindruckender Klarheit über die europäische Nachkriegsgeschichte sprechen und mit großer Bestimmtheit über epochale Entscheidungen und kleine Ereignisse. Für den Geschmack ihres Sohnes, der sie auf dieser Reise in die Vergangenheit begleitet, neigt sie wohl ein bisschen zum Dozieren, doch als Lusia Milch zum ersten Mal wieder in diesem Haus steht, am Kolpingplatz im Wolfratshauser Stadtteil Waldram, kann auch diese sonst so bestimmte alte Dame die Tränen nicht zurückhalten.

"Ein Lager. Können sie sich vorstellen wie das für uns geklungen hat: ein Lager?" Jetzt, hoch in ihren Achtzigern und 72 Jahre, nachdem sie zum ersten Mal durch diese Straßen gegangen war, ist sie wieder hier, im Lager Föhrenwald. Sie tue das für ihre Kinder und für ihre Enkel, sagt Lusia Milch, und sie tue es "für die Geschichte. Für die Wahrheit".

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Um der Geschichte, um der Wahrheit und um der kommenden Generationen willen gibt es auch diesen Ort, den "Erinnerungsort Badehaus" in Wolfratshausen-Waldram, dem ehemaligen Lager Föhrenwald. Am Sonntag ist das Badehaus mit zahlreichen Ehrengästen, darunter Lusia Milch und um die 80 weitere Zeitzeugen aus aller Welt, feierlich eröffnet worden.

Engagierte Bürger haben das Haus für die Erinnerung gerettet, erst als kleine, lose Gruppe, dann als Bürgerinitiative und seit einigen Jahren als Verein mit inzwischen 376 Mitgliedern. Die Stadt Wolfratshausen hatte dort eine Neubausiedlung geplant, Doppel- und Reihenhäuser, wie sie die Bauträger überall in den Speckgürtel südlich von München wuchten. Denn die Wolfratshauser und selbst die meisten Waldramer wussten weniger über die Geschichte des Stadtteils als viele Menschen in den USA, in Kanada, in Argentinien und in Israel, wo auch in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem die Erinnerung an das Lager Föhrenwald bewahrt wird.

Doch für Lusia Milch und für viele andere bedeutete das "Lager", das für sie auch nach dem Kriegsende einen so schrecklichen Klang hatte, nicht den Tod, sondern den Aufbruch in ein neues Leben. Die Nazis hatten es als Mustersiedlung für deutsche Dienstverpflichtete und für Zwangsarbeiter bauen lassen, die in den im Wald versteckten und sprachlich als "Schokoladenfabrik" getarnten Rüstungswerken schuften mussten.

Tausende Menschen lebten hier

Nach dem Krieg und der Befreiung wurde Föhrenwald zu einem "DP-Camp", einem Lager für Displaced Persons, die von Krieg und Terrorherrschaft entwurzelt worden waren. Die ersten Bewohner waren ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau. Einer der Dachauer Todesmärsche hat hier vorbeigeführt, ganz in der Nähe wurden die Häftlinge befreit. In der Folge kamen vor allem jüdische DPs nach Föhrenwald, so wie Lusia Milch, die ursprünglich aus einem kleinen Ort im Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine stammt. Ihre Eltern, ihre Großeltern, fast alle anderen Verwandten, die ganze kleine Stadt seien in den Vernichtungslagern der Nazis getötet worden, "hingeschlachtet", wie Lusia Milch sich selbst verbessert.

Sie kam 1946 als 15-Jährige mit einer Gruppe anderer Kinder aus einem Waisenhaus nach Föhrenwald. Obwohl sie nur ein Jahr blieb, bis eine schon länger in den USA lebende Verwandte ihr Papiere besorgte und sie zu sich nach New York holte, erinnert sie sich noch an Vieles. Andere blieben länger, Tausende waren es über die Jahre, Kinder wurden geboren, und aus dem Lager Föhrenwald wurde eine Art jüdisches Schtetl - vermutlich das letzte solche Schtetl auf europäischem Boden. Auf jeden Fall war Föhrenwald das letzte DP-Lager in Europa, als es aufgelassen wurde.

Das ehemalige jüdische Badehaus am Kolpingplatz.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Im Jahr 1956 hatte das Katholische Siedlungswerk Föhrenwald gekauft, um kinderreiche katholische Familien anzusiedeln, die als Heimatvertriebene aus ehemals deutschen Gebieten gekommen waren. Föhrenwald wurde nach einem ehemaligen Abt des Klosters Benediktbeuern in Waldram umbenannt. Der "Independence Place", der in der Nazizeit "Danziger Freiheit" geheißen hatte, wurde zum heutigen Kolpingplatz. Das Badehaus, das hier steht, hat seinen Namen von seiner ursprünglichen Funktion, die auch im jüdische DP-Lager gleich geblieben war, nur dass in einer Ecke im Keller des Hauses eine Mikwe für rituelle Reinigungen eingerichtet wurde. Die "Bürger fürs Badehaus" haben dafür viele Belege und Aussagen von Zeitzeugen gesammelt, doch baulich ist von der Mikwe nichts mehr zu sehen, weshalb dem ganzen Gebäude der Denkmalschutz versagt blieb.

Eine sehenswerte Ausstellung ist über Jahre entstanden

Die Rettung des maroden Hauses vor dem Abriss gelang trotzdem. Über sechs Jahre hinweg hat der Kern der Engagierten um die Historikerin und Journalistin Sybille Krafft und den Waldramer Siedlervereinsvorsitzenden Wolfgang Saal mehr als 15 000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit in die gründliche Renovierung des Hauses und in den Aufbau einer Ausstellung gesteckt. Sie haben Zeitzeugen interviewt und Fensterstöcke gesetzt, Archive durchforstet und Förderanträge geschrieben und am Ende die nötigen 1,8 Millionen Euro zusammengekratzt, darunter eine halbe Million, die der Stadt Wolfratshausen ihr neuer Erinnerungsort wert war. Das Eröffnungswochenende gehörte den Mitgliedern, Ehrengästen und vor allem den Zeitzeugen, die einander so viele Erinnerungen mitbrachten, in Form von Geschichten oder von Fotos in Klarsichtmappen.

Von nun an ist das Badehaus mit seiner sehenswerten, teils multimedialen Ausstellung über alle seine drei Zeitschichten jeweils freitags von 9 bis 16 Uhr sowie samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

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