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Ursprung des FC-Bayern-Mottos:Wer san mia?

DFB-Pokal FC Bayern München - VfB Stuttgart

"Mia san Triple": Mit diesem abgewandeltem Spruch feiern die FC-Bayern-Fans den Sieg über Stuttgart.

(Foto: dpa)

Geistig zurückgeblieben, stur und eigenbrötlerisch: Lange wurden die Menschen in Bayern mit Spott überschüttet, heute strotzen sie geradezu vor Selbstbewusstsein. Auch der FC Bayern gibt sich heimatbewusst wie lange nicht - und schmückt sich mit einem geklauten Vereinsmotto.

Der Sport ist die Bühne für die großen Dramen. "Ich habe eine kleine Beule", hat der dem FC Bayern dienende Fußballspieler Thomas Müller am Montag nach dem Erfolg gegen den BSV Rehden wissen lassen, womit er Mitleid erheischte, aber auch einen sprachkritischen Seitenhieb. Früher hätten Münchner Fußballer vom Schlage des Maier Sepp niemals das standarddeutsche Wort Beule in den Mund genommen, sondern sie hätten gemäß ihrer Münchner Mundart sicherlich Binkel gesagt.

Damals war der FC Bayern freilich noch kein globaler Renommierverein wie heute, dem jeder Anflug von Provinzialität fern liegt. Deshalb klingt der Duktus selbst seiner am Fuße der Alpen sozialisierten Angestellten vor der Kamera sehr hanseatisch. Die Lederhose wiederum, in die sich die Spieler gelegentlich zwängen, ist frei vom Provinzgeruch, da sie ja eine ähnliche Metamorphose wie der Fußballverein durchgemacht hat: Vom bäuerlich-derben Beinkleid ist sie längst zum internationalen Wiesn-Gwand aufgestiegen.

Nur der Spieler David Alaba tut sich beim FC Bayern durch einen südlichen Akzent hervor. Aber er ist Österreicher und vor schneller Anpassung gefeit. "Mia san mia!" hat schon die k.-u.-k. Armee zu Zeiten des Kaisers Franz Joseph getönt und so ihrem Überlegenheitsgefühl Ausdruck verliehen.

Die Re-Bavarisierung des FC Bayern

Diese Zeiten sind aber längst vorbei. Heute stehen nicht Wiener Soldaten, sondern Münchner Fußballer im Rufe, den deutschen Sprachkosmos mit dem geflügelten Begriff "Mia san mia" bereichert zu haben. Immerhin vertritt ihn der FC Bayern als Ausdruck seiner Identität so offensiv wie noch keine sprachschöpferische Instanz vor ihm.

Der Schlachtruf geht einher mit einer auffälligen Re-Bavarisierung des Deutschen Meisters. "Mia san boarisch" lautete das Generalmotto im letzten Heimspiel der Saison 2012/13, bei dem eine Gaudi wie auf dem Oktoberfest herrschte. Goaßlschnalzer, Schuhplattler und Blaskapellen waren aufmarschiert, und viele Fans trugen Tracht, um den 23. Meistertitel zu feiern. Und unübersehbar prangte auf ihren Schals und Trikots der neue Wahlspruch: "Mia san mia."

FC Bayern München

Klare Botschaft: Wer san mia? Mia san mia!

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser Hype vor dem Champions-League-Finale, als die Münchner Philharmoniker und Maestro Lorin Maazel dem FC Bayern musikalisch beisprangen: "Ist das Triple nah wie nie. Holt den Henkelpott nach München. Stern des Südens. Mia san mia!"

Bayernklischee: Geschert und grantig

Das auf der Bayernhymne basierende Lied war wunderbar anzuhören, und doch klang dieses symphonische Mia san mia wie ein vertontes Bayernklischee. Der früheste Hinweis auf eine diesbezügliche Mentalität begegnet uns bereits im frühen Mittelalter. "An den Rand einer Pergamenthandschrift hat um 800 ein Mönch das früheste Mir san mir gekritzelt", sagt der Literaturwissenschaftler Reinhard Wittmann. "Stulti sunt Romani, sapientes sunt Paioari." Auf gut Deutsch: Die Römer sind dumm, die Baiern gescheit.

Wen wundert es da, dass sich die Baiern schon in ihrer Frühzeit unbeliebt machten und als wegelagernde Grobiane galten. Die Hasstiraden kulminierten um das Jahr 1600 in dem Urteil, sie seien "ein wenig grob leut und nit seer ein höflich volck, sunder grober sitten und sprach". Geschert, grantig und mit rohem Dialekt, dieses Bayernklischee hat gleichsam die Schmähgesänge in den Fußballstadien vorweggenommen.

Im 19. Jahrhundert wurde der Ton noch schärfer. Vor allem die Preußen brandmarkten das rückständige Bayern als eine Schande für das aufgeklärte Deutschland. Noch 1896 behauptete die Allgemeine Deutsche Biographie, die Bayern seien unter den übrigen Völkerschaften geistig am meisten zurückgeblieben. Nach dem Eintritt ins Deutsche Reich 1871 hagelte es Kritik, Spott und Diffamierung: Die Bayern seien stur, eigenbrötlerisch und obrigkeitshörig, und so manche Spiegel-Kolumnistin glaubt das heute noch. Im Süden riefen diese Attacken eine Trotzreaktion hervor, deren Folgen Otto von Bismarck treffend einordnete: "Bayern ist vielleicht das einzige deutsche Land, dem es durch seine materielle Bedeutung, durch die bestimmt ausgeprägte Stammeseigentümlichkeit und die Begabung seiner Herrscher gelungen ist, ein wirkliches und in sich selbst befriedigtes Nationalgefühl auszubilden."

Die Bayern konterten das von ihnen gezeichnete Zerrbild durch vorbeugendes Auftrumpfen. Gleichzeitig vermarkteten sie ihr Hinterwäldlertum touristisch und lachten sich halb tot über die Preußen, die darauf hereinfielen. Vor allem die Figur des Gscherten, wie sie Ludwig Thoma im Abgeordneten Filser zeichnete, wurde zum Synonym für den Bayern, der sich von niemandem dreinreden lässt und auf seiner Andersartigkeit beharrt: Mia san mia!

Und bald fühlten sie sich auch noch klüger als der Rest der Republik, was sich durch den Aufschwung des Landes zu bestätigen schien. Die ständige Berieselung, "dass wir die Besten und Klügsten sind und die Preußen uns nicht gewachsen sind, führt dazu, dass wir tatsächlich daran glauben", sagt der ehemalige Landtags-Vizepräsident Franz Maget (SPD).

Genervt vom Mia san mia

Den Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der die Bayernseele in seinen Filmen seziert hat, nervt dieses Selbstverständnis. In einem Playboy-Interview sagte der 39-Jährige: "Immer dieses Mia-san-mia-Schreien ist, als ob ich genau damit ein Problem habe. Ich brauch es nicht betonen. Das ist doch eh klar. I bin i, wer sonst?" "Mia san a wer!, das würde mir besser gefallen", ergänzt Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache.

Bei den Urhebern in Österreich schimmert das Mia-san-mia-Gefühl höchstens noch bei Skiübertragungen im ORF durch. Das liegt aber nahe, denn Andrea Schamberger-Hirt von der Redaktion des Bayerischen Wörterbuchs fand heraus, dass der Slogan in seiner jetzigen Form wohl erstmals Ende des 19. Jahrhunderts in Wien bezeugt ist, als sich dort ein besonderes Nationalbewusstsein herausbildete. Im Materialarchiv des Bayerischen Wörterbuchs findet sich ein Hinweis auf das k.-u.-k. Hoch- und Deutschmeister Regiment Nr. 4 in Wien, dessen Infanteristen sich im Stil heutiger Fußballer durchaus etwas einbildeten. In der Zeitschrift Wiener Studien von 1891 wird der Gesang der Deutschmeister zitiert: "Mir san mir - von Numero vier - alleweil stier" (d. h. ohne Geld).

Auch im Lied "Solang der alt Steffel steht" des Wiener Volkslieddichters Carl Lorens (1851-1909) taucht der Begriff auf: "Der Weana . . . schreit: Mir san mir!" Das Lied ist übrigens auch die Vorlage für die Münchner Stadthymne: "Solang der alte Peter". "Ob es den Bayern gefällt oder nicht, das Mir san mir scheint ebenso wie das Lied vom Alten Peter in Österreich entstanden zu sein", schlussfolgert Schamberger-Hirt. Wo hätte der Spruch also eine größere Berechtigung als auf dem Trikot des Verteidigers Alaba aus Wien.

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