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Hells Angels:Der neue Männerverein von Tuntenhausen

Die "Hells Angels" von Tuntenhausen bei Rosenheim

Eine ehemalige Metzgerei in Schönau bei Tuntenhausen ist das neue Vereinsheim der Hells Angels Rosenheim. Davor posierten sie für ein Gruppenvideo, das sie vor einigen Tagen im Internet veröffentlichten.

(Foto: Youtube)

In der Gemeinde bei Rosenheim haben sich die berüchtigten "Hells Angels" oberhalb einer früheren Dorfmetzgerei im Ortsteil Schönau eingemietet. Zur Einweihung des Vereinsheims kamen 160 Gäste - und 150 Polizisten.

Von Matthias Köpf, Tuntenhausen/Schönau

Der Gasthof am Dorfanger hat inzwischen nicht einmal mehr sonntags geöffnet, und nebenan vor der Dorfmetzgerei ist auch alles ruhig. Eine mattschwarze Harley steht schwer auf ihrem Ständer, ein paar Meter weiter parkt ein Mercedes mit dunklen Scheiben. Aber die Metzgerei ist ja auch schon seit Ende April geschlossen. Ein Fenster ist abgeklebt, über der Tür ist ein breiter Streifen frisch gestrichen, noch weißer als der Rest der Fassade.

Schönau, ein Ortsteil der Gemeinde Tuntenhausen im Landkreis Rosenheim, hat vor vier Jahren eine Silbermedaille bei "Unser Dorf hat Zukunft" bekommen, doch jetzt wirkt seine Mitte wie ausgestorben, von den 600 Einwohnern ist kein einziger zu sehen. Dafür drängt sich mehr als ein Drittel von ihnen 300 Meter weiter in der TSV-Turnhalle. Es geht um die neuen Nachbarn, die da neulich über der Metzgerei ihr Klubheim bezogen haben.

160 Gäste sollen zur Eröffnungsfeier der Hells Angels am Samstag vor zwei Wochen gekommen sein, gut abgeschirmt hinter einem planenbespannten Bauzaun auf dem Platz vor der Metzgerei - und belagert von 150 Polizisten, die am Nachmittag alle vier nennenswerten Ortseinfahrten abgeriegelt und bis in die frühen Morgenstunden jedes Auto und auch die erstaunlich wenigen Motorräder genau kontrolliert und gefilzt haben. Beiden Seiten war klar, womit an dem Abend zu rechnen sein könnte, und so wurde laut Polizei nicht allzu viel gefunden: ein verbotenes Messer und ein Führerschein, den sein Inhaber längst hätte abgeben müssen. Einer trug eine Kutte, die er nicht öffentlich hätte tragen dürfen, sondern nur hinter dem Bauzaun und der blickdichten Plane.

Nur ein Mann habe Widerstand geleistet. Dafür habe man bei der Kontrolle aber "sehr, sehr viele Erkenntnisse gewonnen" und könne jetzt zum Beispiel "bundesweite Vernetzungen auch mit kriminellen Clans in Norddeutschland" nachweisen, sagt Walter Buggisch, der im Polizeipräsidium Rosenheim das Sachgebiet Verbrechensbekämpfung leitet und an jenem Abend Einsatzleiter war. Jetzt berichtet er in der Turnhalle auch von den beiden Frauen, offenbar Prostituierte aus Osteuropa. Wer auf sie Besitzansprüche erhebt, war demnach der einen auf den Arm und der anderen ins Gesicht tätowiert: "Property of Michael 81".

Das mit dem Tätowieren und der Zahl 81 kommt den Menschen in der Halle sehr bekannt vor. "Tattoo Studio Route 81 Ink" stand da nämlich eines Tages auf der ehemaligen Metzgerei - 81 für den achten und den ersten Buchstaben des Alphabets, "H" und "A" wie Hells Angels, die zuletzt auch gern Tattoostudios als legalen Geschäftszweig eröffnet haben. Womit manche "Charter" ihr Geld sonst so verdienen, erläutert Buggisch auch: "Illegale Prostitution und Drogenhandel." Die Mitgliederzahl des neu gegründeten Charters Rosenheim, des zehnten in Bayern, liege "im niedrigen zweistelligen Bereich", einige davon seien aber keine harmlosen Motorradfans, sondern einer "möglicherweise nicht ganz unproblematischen Klientel zuzurechnen". Speziell in der Führungsriege kämen ein paar Jahre Gefängnis zusammen.

Was der Verbrechensbekämpfer aus Rosenheim da vorträgt, fügt sich nur schwer in den Zweck des Informationsabends, nämlich die Schönauer zu beruhigen. Während nämlich Polizei und Hells Angels aufeinander vorbereitet waren, wurden die Bürger von der Belagerung kalt erwischt. Ein paar Jugendliche hätten sich Bierbänke aufgestellt und die Sache als Spektakel betrachtet, heißt es, aber sonst überwiegen Verunsicherung und Machtlosigkeit. Solle man die Kinder jetzt lieber durch den Wald statt durchs Dorf zum Fußball schicken, fragt eine Frau. Andere fürchten sich vor dem Lärm schwerer Motorräder, die da mitten in der Nacht angelassen werden könnten. Wieder andere sorgen sich wegen des Wertverlusts von Haus und Grund. Es gibt aber auch welche, die den unbekannten neuen Nachbarn erst einmal eine Chance geben wollen. "Wenn der Baugrund billiger wird, dann sagst mir's, Schorsch."

Inzwischen sei doch Einsicht da, sagt der Bürgermeister. Die habe es anfangs nicht gegeben

Einheimische und Zugezogene lassen sich hier grob am Duzen und Siezen unterscheiden, und der Schorsch duzt fast alle. Georg Weigl ist selber Schönauer und dazu Bürgermeister der Gemeinde Tuntenhausen, jenes Wallfahrtsorts mit dem berühmten, von marienfrommer Christsozialität getragenen Männerverein. Natürlich duzt Weigl auch den Kommandanten der Schönauer Feuerwehr, der bis neulich auch der Dorfmetzger war und jetzt der Vermieter der Hells Angels ist. Er ist, gegen Weigls Rat, in die Turnhalle gekommen und muss sich nun Einiges anhören. Selber reden will er nicht, schon gar nicht öffentlich. Das übernimmt Weigl. Inzwischen sei doch Einsicht da, sagt der Bürgermeister also. Diese Einsicht habe es anfangs nicht gegeben, dafür eine Mischung aus Motorradbegeisterung und Naivität.

Der Motorradklub, der sich schon ein paar Jahre über der Metzgerei traf, habe "umgepatcht auf die Red Devils", sich also mit neuen Aufnähern zu einer Art Subunternehmen der Hells Angels deklariert und diesen so die Tür geöffnet, ergänzt Walter Buggisch. Irgendwelche Revierkämpfe seien in der Region aber nicht zu erwarten, schon weil sich die Rosenheimer Bandidos und die United Tribuns vor Jahren aufgelöst hätten. Eventuelle Aktivitäten der Hells Angels "richten sich nicht gegen die Bevölkerung von Tuntenhausen oder Schönau", versichert der Polizist, und wenn überhaupt mit Drogen gehandelt werde, dann nicht am Dorfplatz, sondern en gros.

Weigl betont noch, der Mietvertrag sei jederzeit kündbar, und in ein paar Jahren werde wohl sowieso der Junior in die Etage über der Metzgerei ziehen. Das Tattoostudio im Erdgeschoss hat es ohnehin noch nie gegeben. Nach Buggischs Einschätzung sollte die Schrift mit dem Totenkopf nur die Gäste bei der Einweihung beeindrucken. Im Internet ist ein kurzes Video davon zu finden, samt grimmigen Kuttenträgern beim Klassenfoto vor der roten Schrift.

Nach dem ganzen Aufruhr an jenem Abend hat der Bürgermeister ein Gespräch mit dem Metzger geführt. Der stellte den Kontakt zu seinen Mietern her, und am nächsten Abend fuhren zwei maßgebliche Männer zur Unterredung vor. Die rote Schrift wich dann schnell dem frischen Weiß, was die Stimmung beim Dorffest neulich sehr gehoben hat. Jetzt stehen die Leute noch vor der Turnhalle und diskutieren weiter. Am Dorfplatz tauchen derweil doch noch ein paar Männer auf, bei einigen spannen die Ärmel über imposanten Oberarmen, bei anderen spannt eher die Weste. Ein weißer Maserati und andere ziemlich teure Autos verlassen zügig den Ort. Aber weg sind die Hells Angels noch nicht.

© SZ vom 02.08.2019/baso

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