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Polizei:Rockerkriminalität nimmt ab

Eine Überwachungskamera im Crowns Club zeichnete dieses Bild eines mutmaßlichen Messerstechers auf.

(Foto: Polizei)
  • Laut Polizei liegt das zum einen an vergangenen Fahndungserfolgen - einige Täter sitzen im Gefängnis, andere sind abgeschreckt.
  • Auch eine Änderung im Vereinsgesetz könnte die Kriminalität gesenkt haben. Seit März 2017 dürfen die Rockerklubs ihre Kutten nicht mehr öffentlich tragen.
  • Gleichzeitig machen neue Klubs den Etablierten Territorien streitig. "Offensichtlich ist ein Generationswechsel im Gange", heißt es im aktuellen Sicherheitsreport des Polizeipräsidiums München.

Mehr als drei Jahre lang hatte die Polizei Khaled B. gesucht. Der Deutschlibanese aus Karlsfeld war nach einer Messerstecherei im Münchner Crowns Club vor drei Jahren ins Ausland geflohen, um sich den deutschen Sicherheitsbehörden zu entziehen. Jetzt kam er mit Direktflug Beirut-München zurück, wie die Staatsanwaltschaft bestätigt: "Der Beschuldigte Khaled B. hat sich am 26. November nach Ankündigung durch seinen Verteidiger selbst gestellt und wurde am Flughafen München festgenommen", teilt Oberstaatsanwältin Anne Leiding mit. Seitdem sitzt das 38-jährige Hells-Angels-Mitglied in Untersuchungshaft. Die Ermittler werfen ihm vor, bei einer Messerstecherei im Februar 2015 zwei damals 36 und 37 Jahre alte Männer lebensgefährlich verletzt zu haben. Laut seinem Anwalt bestreitet Khaled B., dass er es war, der an jenem 2. Februar zustach.

Der Tatverdächtige war ursprünglich Mitglied der Black Jackets, eines Rockerklubs, der in Heidenheim von Männern türkischer Herkunft gegründet worden war, um sich gegen Übergriffe durch Neonazis zur Wehr zu setzen, später aber zur Straßengang mutierte. Zum Zeitpunkt der Messerstecherei im Crowns Club gehörte Khaled B. jedoch bereits den Hells Angels an. Möglicherweise suchte er sich einen neuen Klub, weil die Black Jackets nach einer Razzia in deren Münchner Räumen im November 2013 in Auflösung begriffen war. Die Polizei hatte anderthalb Kilo Marihuana und 135 Gramm Kokain sichergestellt, später wurde bei einer Frau im Umfeld der Gruppe eine Maschinenpistole samt Munition gefunden. Seitdem ist keine einzige lokale Gruppe der Organisation mehr aktiv.

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Die Zahl der Tatverdächtigen in der Rockerkriminalität ist rückläufig. Die Polizei führt das zum einen auf Fahndungserfolge in der Vergangenheit zurück - viele Täter sitzen derzeit in Haft, andere wurden abgeschreckt. Zum anderen habe eine Änderung im Vereinsgesetz, die im März 2017 in Kraft trat, die Szene verunsichert: Sie verbietet das Tragen von Erkennungszeichen von Vereinen, selbst wenn nur eine lokale Gruppe - in der Szene "Chapter" oder "Charter" genannt - verboten ist. In der Praxis hat das zur Folge, dass Rockerklubs wie die Hells Angels oder die Bandidos ihre Kutten nicht öffentlich tragen dürfen - eigentlich der ganze Stolz eines Klubmitglieds, denn das Recht, die Kutte zu tragen, muss sich ein Kandidat erst hart verdienen.

Das bayerische Landeskriminalamt hat im vergangenen Jahr acht Ermittlungsverfahren wegen organisierter Kriminalität im Rockermilieu geführt. Bei sechs davon ging es um Rauschgiftdelikte, bei denen die Hells Angels vorrangig in Erscheinung traten. Außerdem gab es ein Verfahren wegen Zwangsprostitution und eines wegen eines Gewaltdelikts: Ein Boss der United Tribuns hatte seine Schläger auf den Betreiber eines Tätowierstudios in Nürnberg gehetzt, der ohne Erlaubnis T-Shirts mit dem Emblem der Gang verkauft hatte.

Die United Tribuns sind einer jener neueren Klubs, die den traditionsreichen Gruppen im ganzen Bundesgebiet Territorien streitig machen. Sie ähneln den etablierten Klubs in ihrer hierarchischen Organisation und im martialischen Auftreten, fahren aber oft lieber Auto als Motorrad. Und ihre Strukturen verändern sich rasch und Mitglieder wechseln häufiger. Manche der Hells Angels oder der Bandidos kenne er schon seit gut 30 Jahren, sagt ein erfahrener Ermittler des LKA. "Zu denen kann man einen Kontakt aufbauen." Das sei mit den neueren Gruppierungen schwieriger.

"Offensichtlich ist ein Generationswechsel im Gange", heißt es im aktuellen Sicherheitsreport des Polizeipräsidiums München. Ein offener Konflikt zwischen sogenannten Oldschoolern und Jungrockern, wie in einigen anderen Städten, sei in München gleichwohl nicht feststellbar. Auch die traditionelle Rivalität zwischen den Hells Angels und den Bandidos ist in München laut den hiesigen Ermittlern weniger stark ausgeprägt. Im vergangenen Jahr schlenderten Mitglieder beider Klubs sogar demonstrativ gemeinsam über die Motorradmesse Imot, um gemeinsam gegen das Kuttenverbot zu protestieren.