Bad Kötzting Vom Pestfriedhof zum Park mitten in der Stadt

Die Kötztinger gehen gerne unter den hohen Bäumen zwischen den alten Gräbern spazieren. Bald soll der frühere Friedhof auch offiziell zu einem Park umgewidmet werden. Menschen werden dort schon seit 1981 nicht mehr bestattet.

(Foto: Evi Lemberger)

Als im Mittelalter Seuchen ganze Familien dahinrafften, ließ der Kötztinger Pfleger Massengräber außerhalb der Mauern anlegen. Wo es damals gestunken hat, riecht es heute nach Erde und Laub.

Von Andreas Glas, Bad Kötzting

Es gab Wochen, da wurden die Leichen dutzendweise durch den Torbogen der Kirchenburg gerollt. Die Leichen lagen auf Leiterwagen, eingewickelt in Kartoffelsäcke oder dünne Laken. Am schlimmsten muss es im Sommer gewesen sein, wenn das tote Fleisch in der Sonne zu faulen anfing. Auf dem Friedhof neben der Kirche war bald kein Platz mehr, um all die Toten einzugraben. Romanus von Hochholdingen hat sich das Szenario eine Weile angeschaut, aber irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Seine Wohnung lag ja direkt über dem Torbogen. Er beschloss, den Gestank aus der Stadt zu vertreiben.

Romanus von Hochholdingen, so hieß vor mehr als 400 Jahren der Bad Kötztinger Pfleger. Ein Pfleger war Landrat, Richter und Polizeichef zugleich. Weil ihn der Leichengestank störte, ließ er einen zweiten Friedhof außerhalb der Stadtmauern gründen. 1584 war das, als rund um Bad Kötzting die Seuchen des Mittelalters ganze Familien dahinrafften. Es waren wohl Typhus und Cholera, aber das wussten die Menschen nicht. Den neuen Friedhof nannten sie Pestfriedhof.

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Früher musste man der Nase folgen, um den Friedhof zu finden. Heute folgt man am besten Clemens Pongratz, der gerade die Marktstraße hinaufsteigt. Ein paar Minuten dauert der Anstieg, dann ist man angekommen. Wo es damals gestunken hat, riecht es an diesem feuchten Mittwochvormittag nach Erde und Laub.

Dazu diese Stille, die einen hier umfängt. Auch sonst erinnert nichts mehr an die düsteren Epochen. Nach der Seuchenzeit wurde das Gelände bis 1981 als normaler Friedhof weitergenutzt. Manche Grabsteine stehen schief im Boden, es wuchert Gras und Unkraut. Einige Grabstellen werden immer noch gepflegt und bepflanzt, die goldenen Inschriften stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ein hübscher Friedhof - im Gegensatz zur Seuchenzeit.

"Das waren Massengräber", sagt Pongratz, 64, der sich als Heimatforscher mit der Geschichte des Friedhofs beschäftigt hat. Weil es Romanus von Hochholdingen nicht schnell genug gehen konnte, die Seuchentoten aus der Stadt zu schaffen, bat er den Regensburger Bischof gar nicht erst um die Konsekration des Pestfriedhofs. "Wegen der katastrophalen Situation ist der Pfarrer mit dem Weihwassersprengel gekommen und hat schnell einen geweihten Boden draus gemacht", sagt Pongratz.

Wie viele Seuchentote es im Kötztinger Raum gab, wie viele hier auf dem Friedhof verscharrt wurden - all das kann Pongratz nicht mit Gewissheit sagen. Die Dokumente sind verbrannt, als die Schweden die Stadt im Dreißigjährigen Krieg komplett niederbrannten. "Von der Aktenlage her ist das Jahr 1633 die Stunde null", sagt Pongratz, "aber wir wissen, dass es einige erwischt hat", vor allem in den umliegenden Dörfern hätten die Seuchen regelmäßig "wie ein Strohfeuer" grassiert. "Bei Typhus und Cholera lag die Sterblichkeit bei zehn Prozent", sagt Pongratz. Statt der üblichen zwei, drei Toten pro Woche seien in den Seuchenzeiten wohl 30 oder 40 Menschen beerdigt worden.

Heimatforscher Pongratz ist sich sicher, dass es vor allem "das persönliche Interesse" des Kötztinger Pflegers war, die Seuchentoten nicht mehr sehen und riechen zu müssen, wenn er aus dem Fenster schaute oder vor die Tür trat. Anblick und Gestank allein dürften ihn trotzdem nicht dazu bewogen haben, den Pestfriedhof anzulegen.

"Die hatten andere Sorgen als ein Totenbrettl zu schnitzen"

Damals herrschte die Meinung, dass die Pest durch schlechte Luft übertragen wird. Mit dem separaten Pestfriedhof sollten die Menschen in der Stadt vor weiteren Infektionen geschützt werden. "Um Viecher abzuhalten, hat die Regierung darauf bestanden, dass ein Zaun um den Friedhof gebaut wird", sagt Heimatforscher Pongratz. Abgeschottet durch den Zaun wurden die Toten verscharrt als wären sie selbst Viecher gewesen.

Trauerfeiern oder Totenbretter, die damals bayerische Gräber schmückten - für die Seuchenopfer gab es das sehr wahrscheinlich nicht. "Da ist ja manchmal die Mutter im Sterben gelegen und zwei Kinder waren schon tot. Ich denke, die hatten andere Sorgen als ein Totenbrettl zu schnitzen", sagt Clemens Pongratz. "Der Totengräber hat ein Loch aufgegraben, die Toten reingeschmissen und zugemacht". Immerhin dürfte ein Pfarrer die Verstorbenen gesegnet haben, bevor das Massengrab wieder zugeschüttet wurde.

Heimatforscher Clemens Pongratz beschäftigt sich mit der Geschichte von Bad Kötzting. Doch viele Unterlagen sind 1633 beim Angriff der Schweden verbrannt.

(Foto: Evi Lemberger)

Heute stehen Kastanien, Eichen, Linden und Kiefern zwischen den Gräbern, es gibt Sitzbänke, der Friedhof ist eingerahmt von einer alten Steinmauer. Seit hier keine Menschen mehr begraben werden, haben die Kötztinger den inzwischen rund 7000 Quadratmeter großen Friedhof als Spazierstrecke lieb gewonnen. Weil Bad Kötzting im Oberpfälzer Landkreis Cham über die Jahrhunderte gewachsen ist, liegt das Gelände längst mitten in der Stadt. "Es ist ein Ort der Ruhe", sagt Clemens Pongratz, während die Stille nur durch das Knirschen der Kieselsteine unter seinen Schuhsohlen gebrochen wird.

In den kommenden Jahren soll der frühere Pestfriedhof auch offiziell zu einem Park umgestaltet werden. Die Gräber werden stehen bleiben. Auf einem Boden, der schaurige Geschichten zu erzählen hat.

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