Sucht Wie Online-Wetten den Spielhallen den Rang ablaufen

Trend Online-Glücksspiel: Neben den Wetten im Netz setzen Anbieter auf echte Annahmestellen, oft in Gegenden mit ohnehin vielen Spielhallen.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Landesstelle Glücksspielsucht hat zu ihrem zehnährigen Bestehen einen Kongress in München abgehalten.
  • Mit 22 Fachstellen in Bayern haben Berater in zehn Jahren mehr als 13 000 Betroffenen und 3000 Angehörigen geholfen.
  • Mit Sorge sehen sie, dass sich das Geschäft zunehmend ins Internet verlagert.
Von Johann Osel

Alle Augen mögen sich auf das deutsche WM-Spiel gegen Südkorea gerichtet haben - für Wettfreunde bot aber der Mittwochnachmittag viel mehr. Etwa auf der Seite eines Online-Anbieters: Spiele in der kenianischen Fußballliga und im thailändischen Pokal sind da aufgelistet, Freundschaftsspiele in Polen, wie Plock gegen Lodz; dazu Wetten auf Volleyball oder Tischtennis, ferner natürlich Online-Automatenspiel, Poker und Black Jack, ein Live-Casino, bei dem hübsche Damen die Kugel kreisen lassen.

"Teils sind das gleichzeitig 20 000 Angebote - man kann online alles Denkbare spielen, und das rund um die Uhr, sogar im Schlafanzug und dabei rauchen und trinken, wie man will", berichtet Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht (LSG) in Bayern. Die Gesellschaft wird digitaler - und somit ihre Vergnügungen, die in manchen Fällen verhängnisvoll enden können.

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Mit Sorge sehen Experten den boomenden Online-Markt. Er gehe davon aus, sagt Landgraf, dass im nächsten Jahrzehnt die Statistik kippen kann. Dass dann die meisten Spieler, die bei der LSG Rat suchen, digitale Zocker sind. Aktuell nehmen Rang eins klar die Spielhallen ein, drei Viertel aller Hilfesuchenden verlieren dort ihr Geld und manchmal auch die Balance im Leben.

Die Landesstelle Glücksspielsucht hat am Mittwoch einen Kongress in München abgehalten, der Anlass war diesmal besonders: ihr zehnjähriges Bestehen. Nachdem das Bundesverfassungsgericht den Staat zum Handeln aufgefordert hatte, richtete Bayern die Stelle ein. Die Trägerschaft übernahmen die Bayerische Akademie für Suchtfragen, das Institut für Therapieforschung und die Freie Wohlfahrtspflege. Zu den Aufgaben gehören zuvorderst Aufklärung und Prävention, Suchthilfe und Forschung. Das Konzept scheint zu funktionieren, auch wenn der Oberste Rechnungshof kürzlich mehr Kontrolle für die Umsetzung des staatlichen Budgets anmahnte.

Mit 22 Fachstellen, die über Bayern verteilt sind, haben Berater in zehn Jahren mehr als 13 000 Betroffenen und 3000 Angehörigen geholfen. Spielsucht hat mitunter desaströse Auswirkungen auf das Umfeld. Angehörige sind aber oft auch Schlüssel zur Einsicht, zum Annehmen von Hilfe. Beratung, Therapie, Regulierung - darum ging es beim LSG-Kongress. Im Foyer präsentierte man die Präventionssparte: pfiffige Flyer, keine dröge Belehrung, auch in Fremdsprachen (aus gutem Grund), Werbeartikel mit Slogan: "Verspiel nicht dein Leben!" Verglichen mit dem, was etwa Online-Casinos im Privatfernsehen täglich in Werbespots stecken, ist das eher ein Klacks.

Ein Sperrsystem wird wohl nicht kommen

35 000 Menschen in Bayern gelten nach Schätzungen als pathologische Spieler, ebenso vielen wird ein problematisches Spielverhalten attestiert. Häufigstes Spiel auf dem Gesamtmarkt ist Lotto, beim Anteil verbucht es ein Vielfaches der Automaten oder Digitalwetten. Aus beiden Letzteren entwickelt sich jedoch viel öfter Sucht. Was wünscht sich die LSG? Landgraf denkt an ein Sperrsystem, mit dem sich einsichtige Süchtige blocken lassen können, für alle Bereiche und bundesweit: also staatliche Spielbanken, Spielhallen, Online-Wetten. Es wird ein Wunsch bleiben.

Bei Spielbanken - in Bayern in Randlagen wie Bad Füssing oder Garmisch-Partenkirchen - gibt es das; für die Spielhallen wäre derlei nur denkbar, wenn sich jeder Gast mit Ausweis registrieren lassen müsste - schier unmöglich bei Zehntausenden Automaten in Bayerns Zockbuden und auch in Kneipen. Und der Online-Markt mit internationalen Anbietern ist ohnehin sehr schwer steuerbar. Landgraf sagt: "Die können heute im Grunde tun, was sie wollen."

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