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Sport:Wenn beim Bolzen nur noch geholzt wird

Wo der Unterschied zwischen Härte und grober Unsportlichkeit? Fußball birgt Risiken, wie auch hier für die Spieler des TSV Ottobrun (blau) und der SpVgg Haidhausen.

(Foto: Claus Schunk)

So manche Begegnung im bayerischen Fußball endet in einer Massenschlägerei - oder sogar vor dem Landgericht.

Um sich den enthemmten Jargon der Gangsta-Rapper reinzuziehen, muss man nicht unbedingt ein Hip-Hop-Konzert oder die Verleihung des Musikpreises Echo besuchen. Es reicht ein sonntäglicher Abstecher auf einen Fußballplatz irgendwo in Bayern. "Du Hurensohn!", "du Wixer!", "du Holzkopf!", so klingt die moderne Kommunikation im Amateurfußball. Selbst Freizeitkicker schüchtern ihre Gegenspieler durch Zuraunen von Obszönitäten ein, und nicht zuletzt auch jene jungen, unerfahrenen Schiedsrichter, die sich von derlei Aggressionen schnell beeindrucken lassen.

Es vergeht kein Wochenende, an dem nicht irgendein Sportplatz zu einer Art Schlachtfeld umformatiert wird. Die Polizeimeldungen listen Pöbeleien, Schlägereien und üble Verletzungen auf. Mancher Sportkamerad fand auf dem Spielfeld gar den Tod, ein Bierfahrer zum Beispiel, der nebenher "als Schiedsrichter amtete", wie in einer fränkischen Vereinschronik zu lesen ist. Bei einem Spiel im Ort Tannenwirtshaus wurde der Mann vor Jahrzehnten von einem Randalierer erstochen. Zum Glück hat sich eine Gewalttat dieser Art bisher nicht wiederholt.

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Tragische Unglücksfälle und Verletzungen aber sind die Dauerbegleiter eines Sports, der lange Zeit als die schönste Nebensache der Welt galt. Eine Nebensache ist der Fußball schon lange nicht mehr, vielmehr bildet er so etwas wie die Herzkammer der Gesellschaft, die sich für keinen anderen Sport mehr zu interessieren scheint und auch die dunklen Machenschaften fast kritiklos hinnimmt. Dass jene Trainer und Spieler, die Vorbilder für so viele sind, auf den Bildschirmen oft mit wutverzerrten Gesichtern und aggressiver Gestik zu sehen sind, wird in seiner Wirkung auf junge Menschen kaum hinterfragt. Die Folgen bis hin zur Verrohung und zum Empathieverlust sind bei Amateur- und Jugendspielen unübersehbar.

Früher war auch nicht alles besser, was eine autobiografische Erzählung des Schriftstellers und Nazi-Gegners Wilhelm Diess zeigt, die er lange vor dem Krieg verfasst hat. Darin schildert er, wie seine Klasse zum ersten Mal Fußball spielte. Fußball sei für die Jugend äußerst lehrreich, sagte sein Turnlehrer, der in einer dunklen Ahnung den Buben noch mitgab, es sei nicht so schlimm, wenn der Gegner ein Tor schieße. Trotzdem obsiegte bald die Leidenschaft. Der Schüler Binder hatte einem Spieler den Ball mit solcher Wucht an den Bauch geschmettert, dass dieser den Binder an der Gurgel packte. Nun droschen auch die anderen Spieler aufeinander los. Der Turnlehrer zog daraus das lehrreiche Fazit, man dürfe 17-jährige Menschen nicht gleich Fußball spielen lassen, ohne sie dazu vorzubilden.

Dieser Satz gilt wohl mehr denn je, und sicher auch für ältere Jahrgänge. Auch in der oberbayerischen Kreisliga-Begegnung VfL Denklingen gegen SC Unterpfaffenhofen-Germering nahm das Verhängnis nach einer harmlosen Situation seinen Lauf. Den Unterpfaffenhofenern wurde ein Freistoß zugesprochen, der Ball segelte hoch in den Strafraum, ein Spieler setzte zum Kopfball an, ein anderer holte mit dem Fuß aus. Aber statt den Ball zu treffen, traf er mit voller Wucht das Gesicht des Gegenspielers. Der sank bewusstlos und stark blutend zu Boden, ein Hubschrauber flog ihn in eine Unfallklinik. Von dem doppelten Kieferbruch hat sich der jungen Fußballer bis heute, zwei Jahre nach dem Unglück, nicht erholt.

Fußball ist ein Kampfsport und entsprechend verletzungsträchtig. Zwischen Härte und grober Unsportlichkeit verläuft nur ein schmaler Grat. Im geschilderten Fall unterstellte der verletzte Spieler seinem Gegenüber Absicht und verlangte Schadenersatz in Höhe von mindestens 10 000 Euro. Bei der Verhandlung vor der 10. Zivilkammer am Landgericht München II standen sich im Februar nicht zum ersten Mal Fußballer vor Gericht gegenüber. Trotzdem war sie richtungsweisend, denn es ging nicht um eine Verletzung, die aus einer Schlägerei resultierte, sondern um einen Unfall aus dem Spielgeschehen heraus.

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Eine Verurteilung hätte wohl signalisiert, jeder könne künftig nach jeder Verletzung eine Entschädigung einklagen. Das Gericht wies die Klage ab. Der Kläger konnte nicht nachweisen, dass sein Gegenspieler die Grenze von der erlaubten sportlichen Härte zur groben Unfairness überschritten hatte. Laut Gericht hatte der Beklagte in jener Situation zumindest eine realistische Chance, den Ball zu erwischen. In solchen Fällen gilt weiterhin als Maßstab das allgemeine Lebensrisiko, dem man sich in einem Fußballspiel aussetzt.