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Sophie Charlotte, Schwester von Kaiserin Sisi:Wie die Wittelsbacher auf den Skandal reagierten

Herzogin Sophie Charlotte

Herzogin Sophie Charlotte war eine große Hundefreundin.

(Foto: Victor Angerer/oh)

Wie reagierten die Wittelsbacher?

Erstmal ratlos. Und dann, etwa ein Jahr nach Ludwigs Tod im Starnberger See, legte man sich relativ schnell auf eine bewährte Vorgehensweise fest. Sie lautete: die muss doch verrückt sein. Bereits ein Jahr vorher war ja König Ludwig II. für verrückt erklärt und entmündigt worden. Und Ludwigs Bruder König Otto war ja tatsächlich geisteskrank. Das war Sophie Charlotte offenkundig nicht - aber das half ihr nichts.

Wie hat die Familie sie aus dem Verkehr gezogen?

Man hat ihr eine Falle gestellt. Ihr Bruder Karl Theodor war ein berühmter Augenarzt und praktizierte unter anderem in Meran. Sophie versuchte, ihre Familie davon zu überzeugen, dass sie ihrem Herzen folgen muss und ließ sich nach Südtirol locken. Dort lief dann ein geplantes Szenario ab. Man konfrontierte sie mit einem Rechtsanwalt, der ihr die rechtlichen Folgen klar machte. Als dies ohne Konsequenzen blieb, griff man zu härteren Mitteln und stellte sie vor ein Konsistorium bestehend aus vier Ärzten, die alle mit dem Irrenwesen zu tun hatten, und die ihr erklärten, dass sie an "Moral Insanity" erkrankt sei.

Also moralische Farbenblindheit.

Man unterstellte ihr, dass sie nicht mehr zwischen moralisch "richtig" und "falsch" unterscheiden könne. Es wurde ihr eröffnet, dass sie zur Heilung in ein Sanatorium gebracht werden müsste, zum berühmten Professor Richard von Krafft-Ebing - damals die Kapazität auf dem Gebiet der Sexualpathologie. Der Forscher hatte seinerzeit die Auslegung von allen sexuellen Abartigkeiten an sich gezogen. Damit deutete die Familie Sophie Charlotte und der Außenwelt natürlich auch an, dass die ganze Geschichte irgendwas mit Sex zu tun hatte - was nicht ausgesprochen wurde, aber mit dieser Überweisung natürlich klar gemacht wurde.

Wofür entschied sich Sophie: für das Irrenhaus oder die Ehe?

Sie blieb hartnäckig und wurde dann in das Sanatorium Maria Grün bei Graz verfrachtet. Es gibt wilde Spekulationen darüber, was dort passierte. Damals wandte man in der Psychiatrie mitunter krasse Methoden an: von Stromexperimenten über das Abscheren der Kopfhaare bis zum Abfeuern von Pistolen und Kaltwasserbädern. In den Briefen von Krafft-Ebing an Sophies Ehemann ist von "halben Maßnahmen" die Rede, was etwas harmloser klingt. Aber wir wissen es nicht genau: Die Krankenakten aus Maria Grün sind verschollen. Ein einziger Brief, den Sophie in dieser Zeit schrieb, ist erhalten geblieben. Darin spricht sie von einer schweren Müdigkeit, die sie befallen habe. Außerdem belegt dieser Brief, dass ihr neben einer Hofdame in dieser schweren Zeit nur ihr Hund als Bezugspunkt geblieben ist.

Wie lange musste sie in der Anstalt zubringen?

Bis Januar 1888. Nach einem halben Jahr durfte sie die Klinik verlassen. Sie fügte sich und kehrte zu ihrem Mann zurück. Auf Fotos wirkt sie deutlich gezeichnet und gealtert. Wie eine Sterbende begann sie, Menschen Dinge zukommen zu lassen, die ihr besonders viel bedeuteten. Mit 40 Jahren war sie eine gebrochene Frau.

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