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Schulen in Bayern:G 8 oder G 9 - die Gymnasien haben die Wahl

Schulklasse

Acht oder neun Jahre bis zum Abitur? In Bayern wird die Frage kontrovers diskutiert.

(Foto: dpa)
  • Obwohl das Thema G 8/G 9 auf der Tagesordnung der Kabinettsklausur in St. Quirin stehen sollte, wird sich die Entscheidung wohl bis zum Herbst verzögern.
  • Schon jetzt dürfte feststehen, dass Schulminister Ludwig Spaenle ein Wahlmodell vorschlagen wird.
  • Lehrervertreter und Direktorenverband befürchten Chaos.

Von Anna Günther

In der Kabinettsklausur in Quirin fällt die Entscheidung zur Zukunft des Gymnasiums, das verkündet Ministerpräsident Horst Seehofer seit Monaten. Nach den Anschlägen in Würzburg, Ansbach und München hat Sicherheitspolitik Priorität. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das G 8 und das G 9 am Tegernsee noch Thema werden. Die Debatten über die Eckpunkte des Kultusministeriums verschieben sich wohl in den Herbst.

Aber schon jetzt dürfte feststehen, dass Schulminister Ludwig Spaenle ein Wahlmodell vorschlagen wird, wie es Hessen seit 2012 umsetzt: Kleinere Gymnasien sollen entscheiden, ob sie in acht oder neun Jahren zum Abitur führen. Große Schulen dürfen beide Wege anbieten. Los geht es demnach im Herbst 2018 - ein Jahr später als von Spaenle bisher angekündigt.

Der Minister will in Ruhe die Details klären und eine Hauruck-Aktion wie beim G 8 vermeiden. "Aber eine Leitentscheidung würde dem nicht widersprechen", sagt Karl-Heinz Bruckner, der Chef der Direktorenvereinigung. Sie könnte sogar Ruhe reinbringen, die Details eines neuen bayerischen G 9 seien problematisch genug. Mit der Verzögerung erreicht die CSU das Gegenteil: Verbände und einige Schulleiter der 47 Pilotgymnasien, die seit September 2015 die Mittelstufe Plus ausprobieren, reagieren mit Wut und Unverständnis.

Max Schmidt, der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands spricht von Wortbruch, andere von "Dummheit" und nennen den Plan, den Gymnasien die Entscheidung zu überlassen die "feigste aller Möglichkeiten". Seehofer könne sich nicht mehr durchsetzen, sagt einer. Die Verantwortung werde abgeschoben und die Schulen seien dann selbst schuld, wenn etwas schief laufe, sagt ein anderer. "Damit wird gymnasialem Wildwuchs Tür und Tor geöffnet, Schulfrieden rückt in weite Ferne", kritisiert Thomas Gehring, der Bildungsexperte der Grünen. Günther Felbinger von den Freien Wählern hält den Aufschub für "völligen Blödsinn", der keine neuen Erkenntnisse bringe. Es gehe der CSU nicht um Dialog, sondern um "wahltaktisches Geschachere." 2018 werde den Wählern zur Landtagswahl das G 9 geschenkt.

Der Direktorenverband und Christian Bernreiter, der Vorsitzende des Landkreistages, befürchten, dass die Wahlfreiheit Chaos bringt. Beide hatten vor Quirin eine klare Entscheidung zwischen G 8 oder G 9 gefordert. Das wäre der dritte Dialogprozess seit der Einführung des G 8, gebracht haben die anderen nichts, sagt Heinz-Peter Meidinger, Chef der deutschen Philologen, der in Deggendorf eine Pilotschule leitet. Die Verunsicherung bei vielen Direktoren sei groß. Einige hatten bei Grundschuleltern geworben, dass von 2017 an auch an ihrer Schule ein G 9 möglich ist. Vertrauen in das Jahr 2018 haben sie nicht mehr. Trotzdem dürfte die große Mehrheit der 426 Gymnasien zum G 9 zurückkehren.

Die Mehrheit ist für das neunjährige Gymnasium

Laut Umfragen sind 60 Prozent der Bürger in Bayern für ein G 9, in einigen Pilotschulen meldeten sich 90 Prozent der Siebtklässler für das kommende Mittelstufe-Plus-Jahr an. Alle Gymnasien auf einmal wird die CSU nicht kippen lassen. Welche Schule zuerst wechseln darf, könnte zusätzliche Konflikte auslösen. Und was ist groß genug, um beides anzubieten? In Hessen sind sechs Parallelklassen die Grenze. In Bayern wären demnach zehn Prozent der Gymnasien groß genug.

Wenn die Schulfamilien, also Schüler, Eltern, Lehrer und der Schulträger, wie in Hessen selbst entscheiden dürfen, muss geklärt werden, welche Schule als erste den Systemwechsel vollziehen darf und welche warten muss. Müssen die Schulen das unter sich ausmachen, befürchten Insider ein "Hauen und Stechen." Denkbar wäre eine Lösung wie bei der sechsstufigen Realschule, 2000 wurden die Schulen in Gruppen eingeteilt, die stufenweise das Konzept umsetzten.

Wer trägt die Kosten?

Der größte Knackpunkt aber ist, ob die Mittelstufe Plus mit der Mittleren Reife nach elf Jahren und der Dehnung in der Mittelstufe für alle Gymnasien möglich wird oder ob die CSU ein G 9 zulässt, in dem der Stoff auf 13 Jahre verteilt wird. Verbände und Opposition gehen davon aus, dass ein G 9 attraktiver wäre. Und nicht unbedingt teurer sein muss. Als teuerstes Modell gilt die Mittelstufe Plus mit Kleinstgruppen und Parallelbetrieb von G 8 und G 9. Ein neunjähriges Gymnasium ohne Nachmittagsunterricht bis zur Oberstufe wäre laut Insidern ohne Zusatzbudget zu haben. Andere gehen von bis zu 800 zusätzlichen Stellen aus, um die Qualität der Lehre zu erhalten. Fällig wären diese aber erst, wenn die Schüler ins Zusatzjahr kommen.

Die Lehrerstellen bezahlt der Freistaat, den laufenden Unterhalt und Neubauten tragen Landkreise und Kommunen. Daher stellt sich die Frage, ob die Sachaufwandsträger bei der Entscheidung ein Veto einlegen können. Und wie lange die Entscheidung der Schulfamilie verbindlich ist. In Hessen steht den Gymnasien der Weg zurück zum G 8 frei. Allerdings würde das dem Punkt widersprechen, in dem sich alle Parteien und Verbände einig sind: An den Gymnasien soll endlich Ruhe einkehren, damit wieder die Inhalte diskutiert werden können und nicht die Jahreszahl.

© SZ vom 28.07.2016/vewo

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