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Schloss Neuschwanstein:Königliche Pannenliste

Neuschwanstein

Schloss Neuschwanstein ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Bayern. Eine Betrugsaffäre beschäftigt die Justiz.

(Foto: dpa)

Touristenabzocke bei den Eintrittskarten, vergessliche Kutscher und ein Tresor im Keller: In der Betrugs-Affäre rund ums Schloss Neuschwanstein werden neue pikante Details bekannt. Eine ganz und gar nicht königliche Zusammenfassung.

Die Betrugs-Affäre von Schloss Neuschwanstein ist inzwischen weit über den Weißwurst-Äquator und gar über den Ärmelkanal geschwappt: Am Sonntag berichtete die Londoner Sunday Times über den Strafprozess vor dem Amtsgericht Kaufbeuren zu vermeintlich schwarzen Kassen und diversen pikanten Nebengeräuschen. Die Rede ist von wilden Mitarbeiter-Partys im Thronsaal und einer gewissen Selbstbedienungs-Mentalität ("self-service mentality") der Mitarbeiter. Tatsächlich ist dem Freistaat auf Neuschwanstein durch diverse Tricksereien und lückenhafte Kontrolle viel Geld entgangen, wie Recherchen der Süddeutschen Zeitung ergaben.

Das Märchenschloss des Königs Ludwig II. ist mit 1,3 Millionen Gästen pro Jahr die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Bayerns. Die Bayerische Schlösserverwaltung machte dort im Jahr 2013 etwa 11,5 Millionen Euro Gewinn, in den vergangenen fünf Jahren waren es insgesamt mehr als 40 Millionen. Viele Menschen haben dabei jahrelang viel Geld in ihre eigenen Taschen gesteckt. Unter Verdacht stehen nicht nur Schloss-Angestellte, sondern auch Kutscher und Reiseleiter.

Obendrein brachte der Prozess gegen zwei ehemalige Mitarbeiter chaotische Verhältnisse auf dem Schloss an den Tag. Auch die Ermittlungen liefen nicht ideal, wie der Amtsrichter am ersten Verhandlungstag einräumte. Kurzum: Die Affäre um das Kini-Schloss wird immer unappetitlicher. Eine ganz und gar nicht königliche Zusammenfassung.

  • Die vergesslichen Kutscher

Viele Touristen legen den langen und steilen Weg zum Schloss mit einer Pferdekutsche zurück. Die Kutscher sind selbstständige Unternehmer, für die Benützung der Zufahrt müssen sie an die Schlösserverwaltungs eine umsatzabhängige Gebühr abführen. Das Geschäft gilt als Goldgrube. Leider haben in den vergangenen Jahren viele Kutscher immer wieder vergessen, ihren Kunden Eintrittskarten auszuhändigen. Dadurch entging dem Freistaat ein Teil der Umsatzbeteiligung - und auch die Steuer.

Die Schlösserverwaltung bestätigt das: "In den letzten zehn Jahren konnte die Hauptverwaltung nach Aktenlage in vier Fällen Unregelmäßigkeiten bei den Pachtkutschbetrieben in Form von Falsch- oder Nichtausgabe von Tickets feststellen." Alle Verstöße seien allerdings "finanziell sanktioniert" worden. Über die Summen sagt die Verwaltung nichts. Es darf von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.

  • Die nachlässigen Reiseleiter
Neuschwanstein vor Regenwolken

Zahlreiche Affären und Pannen hängen wie dunkle Wolken über dem Märchenschloss Neuschwanstein.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Die Eintrittskarten für größere Reisegruppen kaufen ihre Reiseleiter im Ticket-Center im Ort Hohenschwangau. Nun soll es regelmäßig vorgekommen sein, dass Gruppenführer beispielsweise 15 Erwachsenen-Tickets und 15 Kinder-Tickets lösten, obwohl ihre Gruppe aus 30 Erwachsenen bestand. Vor dem Eingang des Schlosses gab es aufgrund des enormen Gedränges lange Zeit keine Möglichkeit, die Karten der Gruppen zu kontrollieren. Die Reiseleiter behielten das Geld von 15 Erwachsenen im eigenen Säckel. Weil ein Normalticket zwölf Euro kostet und Kinder freien Eintritt haben, war der Zusatzverdienst für die Reiseleiter enorm. Inzwischen soll aber besser kontrolliert werden.

  • Der vergessene Tresor

Der Tresorraum auf Schloss Neuschwanstein ist ein "ganz normaler Kellerraum" mit einer "altertümlichen" Tür. In diesem Raum stehen zwei Bürotresore, der Zugang werde aber nicht durch eine Alarm- oder Videoanlage gesichert. Dies berichteten zwei Zeugen im Kaufbeurer Prozess dem erstaunten Richter. Gelächter im Publikum kam auf, als ein Zeuge erzählte, dass nur einer der Tresore benutzt werde, weil vom zweiten die Zahlenkombination vergessen wurde. Wie viel Geld in dem Tresor noch lagert, fragte der Richter nicht.

  • Die schlampigen Ermittler

Einem der zwei Angeklagten im Kaufbeurer Prozess wird vorgeworfen, als Chef in Neuschwanstein Einnahmen für abendliche Sonderführungen nicht komplett abgeführt zu haben. Stattdessen hätte jeder Führer 20 Euro behalten, was die Staatsanwaltschaft als Betrug und Untreue wertet.

Ricarda Lang, die Verteidigerin des Angeklagten, wirft den Ermittlern grobe Fehler vor: "Die Ermittlungen wurden nicht in der gebotenen Sorgfalt durchgeführt." So habe sich die Staatsanwaltschaft "komplett und ungeprüft" auf die Angaben der Schlösserverwaltung verlassen. "Warum verlässt sich die Staatsanwaltschaft auf eine Behörde, die ein ureigenes Interesse daran hat, die eventuelle Beteiligung an Straftaten zu vertuschen?", fragt Lang. So seien zahlreiche Beweismittel mehr als ein Jahr lang in Umzugskartons in der Schlösserverwaltung herumgelegen, ohne dass sich die Ermittler dafür interessiert hätten. Erst als im Januar 2014 ein neuer Richter das Verfahren übernahm, wurden die Unterlagen - auf Drängen der Verteidigung - angefordert. Amtsrichter Martin Slach räumte am ersten Prozesstag ein: "Ideal ist es natürlich nicht gelaufen." Dennoch wies er den Antrag auf Einstellung des Verfahrens zurück. Zur Begründung sagte er: "Ich habe mich nach Kräften bemüht, dass Verfahrenshindernisse rechtzeitig geheilt werden."

Die Bayerische Schlösserverwaltung betont in einer Presseerklärung, dass die Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung von Sonderführungen in Neuschwanstein ein Einzelfall seien, den die Hauptverwaltung nicht billigte und nach Bekanntwerden sofort abstellte. Verteidigerin Ricarda Lang betont dagegen, dass die Barzahlungen am Fiskus vorbei bayernweit System hatten. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Dass dabei weitere Pannen bekannt werden, ist nicht ausgeschlossen.