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Sars-CoV-2:Schulfrei

Das Coronavirus breitet sich weiter aus, weshalb immer öfter der Unterricht ausfällt. Wegen der gleichzeitig grassierenden Grippe befürchten Krankenhäuser Kapazitätsprobleme

In Bayern dürften in der kommenden Woche noch mehr Kinder und Jugendliche schulfrei haben als bisher. Gezwungenermaßen. Wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus schließen nicht nur immer mehr Schulen vorsorglich. Auch viele Schüler sollen zu Hause bleiben: Dann nämlich, wenn sie zuletzt, etwa in den Faschingsferien, in Südtirol waren - ein beliebtes Urlaubsziel, nicht zuletzt für Skifahrer. Die italienische Provinz wird zwar erst seit Donnerstag vom Robert-Koch-Institut (RKI) offiziell als Coronavirus-Risikogebiet eingestuft. Das Gesundheitsministerium rät aber: "Schulkinder, die sich in den letzten 14 Tagen in Südtirol aufgehalten haben, sollen nächste Woche zu Hause bleiben." Auch wenn sie sich nicht krank fühlen.

Am Ende einer turbulenten Woche setzen die Behörden somit weiter auf ihre sogenannte Eindämmungsstrategie im Kampf gegen den neuen Erreger Sars-CoV-2: So weit es geht, sollen Kontakte auch nur womöglich Infizierter mit anderen Menschen vermieden werden. Als am Donnerstag der vorvergangenen Woche der bis dato letzte bayerische Patient aus der Klinik entlassen wurde, war die erste Ausbruchswelle beendet und der Freistaat für einige Stunden offiziell Coronavirus-frei. Dann wurde noch am Abend ein neuer Fall bekannt. Und die Zahl ist seitdem jeden Tag sprunghaft gestiegen. Der offizielle Stand liegt bayernweit bei 116 Fällen, das meldete das Gesundheitsministerium am Freitagnachmittag. Binnen eines Tages seien 29 dazugekommen.

Angesichts dessen hat der Krisenstab der Staatsregierung nun auch eine einheitliche Linie für Schulschließungen festgelegt. Tritt dort ein bestätigter Fall auf, soll die Schule ganz dichtgemacht werden. Gibt es einen begründeten Verdachtsfall - also einen Menschen mit Fieber, der in einem Risikogebiet war, aber noch nicht positiv auf den Erreger getestet wurde -, soll die jeweilige Klasse zu Hause bleiben. Wie lange, das hänge "vom konkreten Einzelfall" ab. Jeweils etwa ein Dutzend Teil- und Komplettschließungen registrierte das Kultusministerium am Freitagmittag, von 6000 Schulen in Bayern insgesamt. Lehrer sollen im Übrigen nur dann zu Hause bleiben, wenn sie in einem Risikogebiet waren und zugleich Symptome wie Fieber, Husten oder Schnupfen zeigen.

Dass so viele Coronavirus-Fälle auftreten, belastet zunehmend die Krankenhäuser. In Freising zum Beispiel werden derzeit laut Landratsamt 20 Patienten behandelt; die Kreisklinik hat zwei Isolierstationen mit etwa 60 Betten eingerichtet, um für weitere Fälle gerüstet zu sein. Beim Landkreistag und der Bayerischen Krankenhausgesellschaft fürchtet man "Kapazitätsprobleme", zumal da es heuer auch viel mehr Grippe-Kranke gibt. Die Zahlen der für Alte und Vorerkrankte ebenfalls gefährlichen Influenza relativieren in der Tat die Coronavirus-Lage: Bis Ende Februar wurden in Bayern 38 500 Fälle gemeldet, gut 8000 mehr als im entsprechenden Zeitraum 2019.

In den Städten und Landkreisen, die die meisten Krankenhäuser betreiben, wurde in den vergangenen Tagen deshalb der Ruf lauter, Coronavirus-Patienten sollten nicht weiter automatisch in eine Klinik eingewiesen werden. Verlaufe die Krankheit wie in den meisten Fällen harmlos, könnten sie auch zu Hause isoliert werden. Auf diese Forderung will der Freistaat nun offenbar eingehen. Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) verwies am Freitag darauf, dass die dafür entscheidenden Kriterien des RKI gelockert worden seien; bisher ließ das eine Behandlung "im häuslichen Umfeld" nur in Ausnahmefällen zu.

Den Kommunen Probleme bereiten dürfte auch die am kommenden Wochenende anstehende Wahl. Am Mittwoch verschickte das Innenministerium Empfehlungen an die Kommunen. Darin enthalten die Anweisung, dass man doch klären solle, wie Wahllokale in Schulen oder Kindergärten anschließend gereinigt werden. Maßnahmen nach dem Infektionsschutzgesetz hätten Vorrang gegenüber der Wahl. Sprich: Lässt das Gesundheitsamt ein Wahllokal vorsorglich schließen, ist die Gemeinde daran gebunden. Um Versorgungsengpässen infolge der Epidemie vorzubeugen, lockert das Innenministerium bis zum 30. Mai außerdem das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen.

© SZ vom 07.03.2020
Bürgermeisterkandidat infiziert

Wegen eines mit dem Coronavirus infizierten Bürgermeisterkandidaten sucht das Augsburger Landratsamt öffentlich nach Personen, die ihm beispielsweise im Wahlkampf begegnet sind. Es gehe um Werner Halank, der in Bonstetten nordwestlich von Augsburg für die Freien Wähler ins Rathaus einziehen will, teilte ein Sprecher des Landratsamts mit. Der Jurist habe zuletzt "massiven Wahlkampf" betrieben. Daher versuche man nun, über einen Aufruf rasch die Zahl der Kontaktpersonen einzugrenzen. "Er hat viele Hände geschüttelt, daher geht das nicht anders." So veröffentlichte das Landratsamt auch eine Liste mit Wahlkampfaktivitäten Halanks in der 1400-Einwohner-Gemeinde.

Ein ungewöhnliches Vorgehen: Halank dürfte der erste Coronavirus-Patient in Bayern sein, dessen Namen die Behörden öffentlich machen - und auch, dass sich seine Frau ebenfalls angesteckt hat. Dem stehen normal Persönlichkeitsrechte entgegen, der Kandidat sei mit dem Vorgehen aber einverstanden, sagte Augsburgs Landrat Martin Sailer. Er selbst habe derweil seine Teilnahme an Wahlveranstaltungen abgesagt und appelliere an alle, seinem Beispiel zu folgen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. kast

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