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Kriminalität:Wie die Rosenheimer Polizei gegen die Raserszene vorgeht

Rosenheim Unfall Autorennen Raserszene

Ende 2016 sind in Rosenheim zwei junge Frauen im Zusammenhang mit einem Autorennen ums Leben gekommen.

(Foto: dpa)
  • Seit einem Jahr beschäftigt sich eine Ermittlungsgruppe mit der Raserszene in Rosenheim.
  • 13 Beamte kontrollieren nun gezielt die üblichen Treffpunkte und stöbern so die einzelnen Mitglieder auf.
  • Bislang wurden bereits 39 Fahrverbote ausgesprochen.

Zwei Autos stehen nebeneinander an der Ampel, ein kurzes Hupen, ein Tippen aufs Gas, ein Blick hinüber: Geht was? Und wenn jetzt was geht, dann geht es nicht nur darum, wer schneller ist, sondern im schlimmsten Fall um Leben und Tod. Denn private Autorennen, wie sie sich eine kleine Gruppe junger Männer über Jahre hinweg immer wieder auf den Rosenheimer Ausfallstraßen geliefert hat, sind nicht nur eine Gefahr für die unmittelbaren Teilnehmer. Die Rosenheimer Polizei versucht mit großem Aufwand, diese Raserszene in den Griff zu bekommen.

Überholmanöver bei Tempo 130 innerorts haben die Beamten der vor einem Jahr eingerichteten Ermittlungsgruppe zum Beispiel beobachtet, die beiden Fahrer, ein 20-jähriger und ein 21-jähriger Österreicher, sind zumindest in Deutschland ihre Führerscheine los und mussten auch ihre Autos dalassen. Oder die drei Autos auf der Äußeren Münchner Straße, die einander mit ebenfalls runden 130 Kilometern pro Stunde dauernd überholten - Gegenverkehr hin oder her und ganz gleich, ob die Straße auf der Brücke über den Mangfallkanal viel enger wird.

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Auf dieser Straße hat es 2016 ein Auto aus einer Kurve getragen, und auch andere Unfälle habe es schon gegeben, sagt Rosenheims Polizeipräsident Robert Kopp. Das und Beschwerden über aufheulende Motoren hätten die Polizei vor einem Jahr veranlasst, die Ermittlungsgruppe einzurichten. 13 Beamte mehrerer Inspektionen in Stadt und Landkreis nahmen sich der Szene an, die nach den bisherigen Erkenntnissen aus rund 20 jungen Männern zwischen 18 und 28 Jahren besteht. So fasst es der federführende Rosenheimer Inspektionsleiter Volker Klarner in einer ersten Bilanz zusammen.

In ihrem ersten Jahr hat die Ermittlungsgruppe demnach 39 Fahrverbote erwirkt. Vom harten Kern aus neun "Mehrfach- und Intensivtätern" habe jeder schon mal den Führerschein abgeben müssen, zwei auf Dauer. Auch eine zweistellige Zahl von Autos sei zeitweise außer Betrieb genommen oder ganz beschlagnahmt worden. Ein junger Mann musste einen dreiwöchigen Arrest abbüßen, einer für sieben Monate in Haft. Denn solche Rennen sind nach einer Gesetzesänderung seit Oktober 2017 keine bloße Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat, sagt der Leiter der Rosenheimer Staatsanwaltschaft, Gunther Scharbert. Seither drohen mehrjährige Haftstrafen, Autos können beschlagnahmt und zugunsten der Staatskasse verkauft werden.

Die Raser sind laut Klarner meist in Oberklassemodellen deutscher Hersteller unterwegs, gerne auch gemietet oder von Eltern oder Freunden geliehen, was das Beschlagnahmen schwierig macht. Dabei legt die Polizei großen Wert auf den Unterschied zwischen Rasern und Tuning-Freunden, die ihre Freude an aufpoliertem Chrom und auch anderweitig auffrisierten Autos haben, die aber richtige Raser in ihren Reihen meist nicht duldeten. Oft schrauben aber auch die Raser an ihren Autos, 118 solcher Verstöße hat die Polizei geahndet, was mit Bußgeldern, Punkten in Flensburg und vor allem mit bis zu 1000 Euro für Gutachten zu Buche schlägt.

Die Rosenheimer Vorgehensweise stößt bundesweit auf Interesse

Die Polizei kontrolliert gezielt die üblichen Treffpunkte, die Stadt erließ Halteverbote für Orte, an denen die Raser und Poser ihr Publikum suchten und fanden. Die Raser fahren ihre Rennstrecken zuvor in normalen Tempo ab, um auszukundschaften, ob die Luft rein ist. Klarner beschreibt dieses Hin und Her zwischen den Rasern und seinen ausschließlich in Zivilfahrzeugen agierenden Beamten als "Aufklärung und Gegenaufklärung". Dass sich die Szene gerade in Rosenheim so entwickelt hat, führt er auch darauf zurück, dass die ansonsten beschauliche Stadt ein Zentrum des Nachtlebens zwischen Salzburg, Innsbruck und München ist. Die aufwendige Schwerpunktaktion stoße bei Kollegen bundesweit auf Interesse - dies wohl auch wegen der zwei Toten, die es im Zusammenhang mit der Rosenheimer Raserszene schon gegeben hat.

Denn vor zwei Jahren starben zwei völlig unbeteiligte junge Frauen in einem Kleinwagen bei einem nächtlichen Frontalzusammenstoß auf einer Rosenheimer Umgehungsstraße, weil einer dieser jungen Raser einen anderen Fahrer nach einem Überholmanöver nicht einscheren ließ. Das örtliche Amtsgericht hat ihn dafür zu zwei Jahren Haft zu verurteilt. Voraussichtlich Anfang 2019 kommt es zu einer Berufungsverhandlung am Landgericht Traunstein, während das Amtsgericht gegen den selben, im ersten Prozess völlig ungerührten Mann wegen eines weiteren Rennes verhandeln wird. Nach diesem soll er Polizisten gesagt haben, sein Vater werde ihm einen Maserati kaufen, mit dem er sie dann "erst so richtig penetrieren" werde. Schon im Dezember wird in Rosenheim ein dritter Fahrer vor Gericht stehen, der an dem tödlichen Unfall 2016 beteiligt war.

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