Riedberger Horn:Wie eine Skischaukel im Schutzgebiet entstehen könnte

Riedberger Horn: Der Konflikt um die seit Jahrzehnten streng geschützte Natur am Riedberger Horn wächst sich zu einem Grundsatzstreit über den Naturschutz in Bayern aus.

Der Konflikt um die seit Jahrzehnten streng geschützte Natur am Riedberger Horn wächst sich zu einem Grundsatzstreit über den Naturschutz in Bayern aus.

(Foto: DAV/Scheuermann)
  • Die Gemeinden Obermaiselstein und Balderschwang wollen eine Skischaukel am Riedberger Horn bauen.
  • Das Gebiet liegt in einer Schutzzone - eigentlich darf dort kein Skilift gebaut werden.
  • Nun stellen sich CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer und Heimatminister Markus Söder hinter das Projekt.

Von Christian Sebald

Die Pläne für den Bau einer Skischaukel am Riedberger Horn entzweien Naturschützer, Lokalpolitiker und Tourismusleute im Oberallgäu seit langem. Nun eskaliert der Konflikt zu einem neuen Grundsatzstreit über den Naturschutz. Und zwar nicht nur zwischen den Umweltverbänden und der Staatsregierung. Sondern zwischen der Landtags-CSU und Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) und womöglich sogar in der Staatsregierung selbst.

Während sich Scharf klar gegen die Skischaukel positioniert hat, plädiert Thomas Kreuzer, der mächtige Chef der Landtagfraktion, für ihren schnellen Bau. Die Entscheidung liegt bei Heimatminister Markus Söder. Der hat schon im Sommer Sympathien für das Projekt erkennen lassen. In der Naturschutz-Szene gehen sie davon aus, dass sich Söder mit seiner Zustimmung einen Sympathiebonus bei der Schwaben-CSU und damit einen Vorteil im Rennen um die Nachfolge von Ministerpräsident Horst Seehofer holen will.

Das Riedberger Horn ist ein Naturjuwel. Im Frühjahr lockt ein hellrot leuchtendes Meer von Alpenrosen die Wanderer hinauf auf den 1787 Meter hohen Gipfel inmitten der Allgäuer Hörnergruppe. Im Winter bevölkern Skibergsteiger den Berg und genießen den Ausblick bis in die Gletscherwelt am Alpenhauptkamm. Außerdem ist das Riedberger Horn berühmt für seine Birkhühner. Hier lebt die größte Kolonie der hoch bedrohten Vogelart im Freistaat.

Riedberger Horn: SZ-Grafik

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Infrastrukturprojekte sind eigentlich tabu

Aus all diesen Gründen ist das Riedberger Horn seit jeher streng geschützt. So wie jeder zweite Gipfel in den bayerischen Alpen fällt es in die Schutzzone C des Alpenplans. Und zwar schon seit 43 Jahren, seit der Alpenplan erlassen worden ist. Das heißt, dass die Natur hier unberührt bleiben muss. Skilifte, Pisten und Schneekanonen, aber auch Straßen, Hotels und andere Infrastrukturprojekte sind in der Schutzzone C seit jeher tabu.

Gleichwohl kämpfen die beiden Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein seit vielen Jahren für die Skischaukel. Sie soll einmal zwei kleine Skigebiete verbinden, welche sie am Fuße des Riedberger Horns betreiben. "Der Wintertourismus ist zentral für unsere Orte", lautet das Credo der Liftchefs, Tourismusleute und Lokalpolitiker in Balderschwang und Obermaiselstein. "Damit wir mit den anderen Skigebieten in der Region und in Österreich mithalten können, müssen wir sie auf modernen Stand bringen und miteinander verbinden." Dies sei die Voraussetzung, dass ihre Dörfer und mit ihnen die ganze Region eine gute Zukunft haben.

Die Naturschützer lehnen die Pläne von Anbeginn strikt ab. Die Koalition reicht vom Bund Naturschutz und dem Vogelschutzbund LBV über den Deutschen Alpenverein (DAV) und dem Verein zum Schutz der Bergwelt bis zur Alpenschutzkommission Cipra, der auch die Bergwacht, die Naturfreunde, der Verband der Berg- und Skiführer und andere renommierte Vereinigungen angehören. Natürlich steht für alle die Organisationen der unberührte Erhalt des Riedberger Horns im Vordergrund. Aber es geht ihnen auch um den Naturschutz in den bayerischen Bergen überhaupt.

Bisher wurden alle Vorstöße zurückgewiesen

"Der Alpenplan mit seiner Schutzzone C ist ein international hochgelobtes Instrument", sagt DAV-Vizepräsident Ludwig Wucherpfennig. "Sollten die Pläne genehmigt werden, wäre das ein Präzedenzfall." Auch die Staatsregierung teilte diese Einschätzung - zumindest in der Vergangenheit. Bisher wies sie alle Vorstöße für die Skischaukel zurück. Zuletzt vor gut zwei Jahren mit den Stimmen von Heimatminister Söder und CSU-Fraktionschef Kreuzer.

Das könnte sich nun ändern. Zwar hat Umweltministerin Scharf die neuesten Pläne aus Balderschwang bereits strikt abgelehnt. "Ich sehe das Projekt kritisch", sagte Scharf schon im Frühjahr. "Die geplante Gondelbahn und die neuen Pisten liegen innerhalb der vorhandenen Schutzgebiete." Inzwischen liegt auch ein Gutachten des Landesamts für Umwelt (LfU) vor, das Scharfs Position untermauert.

Nicht nur aus Gründen des Naturschutzes. Sondern auch, weil es zu Murenabgängen am Riedberger Horn kommen könnte, sollte der Bergwald für die geplante Gondelbahn und die neuen Pisten abgeholzt werden. Die Erleichterung in der Naturschutz-Szene war denn auch groß. Mit diesem Gutachten, so die Überzeugung, sollten nicht nur die neuesten Pläne für die Skischaukel vom Tisch sein. Sondern auch der Alpenplan insgesamt unangetastet bleiben.

Riedberger Horn: Luis Trenker soll das Riedberger Horn einmal als den "schönsten Skiberg Deutschlands" bezeichnet haben. Blick hinab ins Balderschwanger Tal.

Luis Trenker soll das Riedberger Horn einmal als den "schönsten Skiberg Deutschlands" bezeichnet haben. Blick hinab ins Balderschwanger Tal.

(Foto: PR)

CSU-Politiker stellen sich hinter das Projekt

Aber mit CSU-Fraktionschef Kreuzer haben die Obermaiselsteiner und Balderschwanger einen starken Verbündeten. Kreuzer, der im nahen Kempten daheim ist und als wenig zimperlich in Naturschutzfragen gilt, schwenkte im Sommer plötzlich um und übte massive Kritik an Scharf. Inzwischen hat er sich die Position der Touristiker zu eigen gemacht, dass die Skischaukel unverzichtbar ist für eine gute Zukunft der Region. Für ihn ist sie sogar nichts weniger als eine "Frage des Überlebens". Demgegenüber hält er "den Eingriff in die Natur für vertretbar", zumal die Schutzzone an anderer Stelle erweitert werde. Auch den befürchteten Präzedenzfall kann der Fraktionschef nicht erkennen. "Denn es handelt sich ja um eine Einzelentscheidung", sagt er.

Heimatminister Söder, der Herr des Genehmigungsverfahrens ist, äußert sich nicht. Auch nicht zu den Spekulationen, er wolle sich mit einer Genehmigung womöglich seine Parteifreunde im Oberallgäu gewogen machen. Als Grund nennt eine Sprecherin, "dass das Ganze noch nicht abgeschlossen ist und zu laufenden Verfahren sagt der Minister nichts". Schon im Sommer zitierte eine Lokalzeitung Söder freilich mit den süffisanten Worten: "Ob dieser Skilift die Alpen aus den Angeln hebt? Davon bin ich nicht überzeugt." In der Region wurde das als Zeichen verstanden, dass das Projekt auch nach der Absage von Umweltministerin Scharf noch längst nicht beerdigt ist.

Inzwischen hat Söder den Liftbetreibern und Lokalpolitikern sogar die Möglichkeit eingeräumt, noch einmal zu begründen, warum sie ihre Skischaukel unbedingt brauchen. Und warum sie den Naturschutz nicht aushebelt. Beobachter beurteilen das nicht nur als handfesten Affront gegenüber Scharf. Sondern als Anzeichen, dass sich die Liftbetreiber und Lokalpolitiker diesmal tatsächlich durchsetzen könnten. Die Befürchtungen sind inzwischen so stark, dass die Alpenschutzkommission Cipra und ihre Mitgliederorganisationen zu einer Protestkundgebung in München vor der Staatskanzlei aufrufen. Die Aktion findet am Dienstag statt.

© SZ vom 05.10.2015/axi
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