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Historie:Verwaltung, Vergnügen und Verbrechen

Die Chronica Burglengenfeldensis bietet einzigartige Schilderungen des Alltags in einer Kleinstadt in der Zeit von 1846 bis 1876. Die Universitätsbibliothek Regensburg hat das brüchig gewordene Unikat digitalisiert, nun kann jeder im Netz nachlesen, warum zum Beispiel der gemeine Räuber Leopoldenhansl dem Schafott entging

Von Hans Kratzer, Regensburg

Aus dem Telefonhörer schallt gleich einmal ein kräftiges und lang gezogenes "Oooh jaa!" Margit Berwing-Wittls Reaktion auf die Frage des Anrufers, ob denn die alte Chronik von Burglengenfeld eine überregionale Bedeutung habe, klingt unmissverständlich. Zweifelsohne tut sie das, betont die frühere Leiterin des Oberpfälzer Volkskundemuseums, die seit Kurzem ihren Ruhestand genießt. Nun gut, die Frage war trotzdem berechtigt. Die im Landkreis Schwandorf gelegene Stadt Burglengenfeld, knapp 14 000 Einwohner, ist halt nicht der Nabel der Welt, und ihre Geschichte ist vermutlich nicht bedeutender als die von anderen Städten. Andererseits ist der Alltag des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Verbrechen, die sich dort zugetragen haben, in der Stadtchronik in einer Dichte und Detailgenauigkeit dokumentiert, wie es sonst nur selten der Fall ist.

Von der Existenz dieser Chronik wüsste man außerhalb von Burglengenfeld so gut wie nichts, hätte die Universitätsbibliothek Regensburg nicht vor wenigen Tagen auf sie aufmerksam gemacht. Unter ihrer Federführung wurde die "Chronica Burglengenfeldensis" digitalisiert. Nun ist das Werk als Teil der Digitalen Sammlungen der Universitätsbibliothek für jedermann online verfügbar. Und das Allerbeste: Leserinnen und Leser können die in deutscher Handschrift geschriebenen Seiten auf dem Bildschirm nicht nur durchblättern. Da der Text im Original schwer zu entziffern ist, hat ihn die Universitätsbibliothek in eine leicht lesbare Druckschrift übertragen.

Kleine Stadt mit bewegter Vergangenheit, vor allem im gut dokumentierten 19. Jahrhundert: Blick über die Naab auf die Altstadt von Burglengenfeld mit der darüberliegenden Burg (links) und der Pfarrkirche St. Vitus.

(Foto: Mauritius Images/Westend61/Harald Nachtmann)

Für Berwing-Wittl stellt die 750 Seiten starke Stadtchronik eine einmalige Quelle über das Leben im 19. Jahrhundert dar. "So etwas Detailliertes wird man in anderen Städten kaum finden", ist sie überzeugt. Verfasst wurde das Werk zwischen 1846 und 1876 von dem Bürger Anton Paulus, der unter anderem als Rentamtssekretär, Kanzleischreiber, Offizier der Bürgerwehr und Leiter der Bezirkssparkasse tätig war. Dass Paulus im Stadtleben eng verwoben war, macht seine Chronik so wertvoll. Er schrieb vieles auf, was zwar im amtlichen Sinne uninteressant, aber aus volkskundlicher Sicht umso wertvoller war.

Seinem Vorwort ist zu entnehmen, dass er das ähnlich sah: "Es mag manches in diesen Blättern enthalten sein, das dem nach statistischen, rein historischen Abhandlungen suchenden zu kleinlich erscheint ..."; doch seine Absicht sei es, fährt Paulus fort, "dem schlichten Bürger in gewöhnlicher verständlicher Sprache zu erklären, wie seine Voreltern gelebt, was sie erduldet und angenehmes erfahren haben".

Der Alltag auf dem Land und in Kleinstädten ist im 19. Jahrhundert nicht übermäßig gut erforscht, wie Thomas Barth, der Leiter des Burglengenfelder Stadtarchivs, bestätigt. Deshalb fasziniert ihn diese Schrift, "ihr Wert liegt im Detail", sagt er. Paulus bietet der Leserschaft extrem viel Dokumentation und Quellenmaterial. Darüber hinaus aber auch literarische Unterhaltung, etwa in den Kapiteln über bedeutende Persönlichkeiten, über Gebäude und Familien, über das Theater- und Vereinsleben, und nicht zuletzt dokumentierte er penibel alle Katastrophen, Kriminal- und Unglücksfälle von damals. Seine Informationen bezog er teils aus schriftlichen Quellen, teils aus Erzählungen und nicht zuletzt auch aus eigenem Erleben.

Titelseite der Chronica Burglengenfeldensis mit einem Bild des Autors, Anton Paulus.

(Foto: Universität Regensburg/Margit Scheid)

Nicht nur der Landesgeschichte nützt diese Chronik. Die Leser tauchen tief ein in den Alltag sowie in die Sorgen und Freuden der Vorfahren. Scrollt man durch das Digitalisat, lockt natürlich sehr schnell der Abschnitt, der von Verbrechen und Kriminalfällen handelt. Beim Studium des Textes drängt sich der Eindruck auf, dass die Kaltblütigkeit, mit der Verbrecher damals zu Werke gingen, sich von heutigen Gepflogenheiten kaum abhebt, manchmal waren die Ganoven des 19. Jahrhunderts sogar noch gemeiner als ihre Nachfolger, wie der folgende Fall zeigt. Paulus schildert detailliert einen Einbruch auf einer Einöde, "bei welchem der allein zu Hause befindlichen Bäuerin die Fußsohlen aufgeschnitten und mit Salz ausgefüllt wurden, um sie zur Angabe des versteckten Geldes zu zwingen".

Hinter diesem Frevel steckte ein Räuber namens Leopoldenhansl, dessen Vita allein schon die Lektüre lohnt. Eigentlich war er ein Kaminkehrergeselle, doch wollte, wie Paulus schreibt, "ihm das geregelte Arbeitsleben nicht gar sehr behagen. Er quittirte sein Gesellenthum und gieng in seine Heimath, wo er dann einige Zeit gleich seinen Landsleuten sich von Holz und Wilddiebstahl ernährte". Laut Paulus hat der Leopoldenhansl das Räuberhandwerk standesgemäß erlernt, denn: "Dieß Handwerk wird in Steinsberg und Loch bis jetzt noch zunftmäßig betrieben."

Seite über "Stadt-Neubauten, Abriße, gewerbliche Angelegenheiten".

(Foto: Universität Regensburg/Margit Scheid)

Das Original der Handschrift wird im Oberpfälzer Volkskundemuseum Burglengenfeld aufbewahrt. In den vergangenen Jahren konnte das unersetzbare Einzelstück nicht mehr eingesehen werden. Vor 20 Jahren zeigten sich deutliche Abnutzungserscheinungen, die Fadenbindung einzelner Blätter hatte sich gelöst, Seiten waren verschmutzt oder wiesen Stockflecken auf und Einrisse im Papier waren unsachgemäß mit Klebeband repariert worden. 2004 gab die Stadt die Restaurierung in Auftrag und schränkte anschließend die Benutzung der Chronik stark ein.

Die Universitätsbibliothek Regensburg bekam über eine Recherche davon Kenntnis und leitete daraufhin die Digitalisierung des Buchs ein. Zusammen mit weiteren 14 Partnerbibliotheken in elf Ländern arbeitet die Bibliothek daran, seltene Bücher aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu digitalisieren und für die Allgemeinheit verfügbar zu machen. Gerade Werke aus den gar nicht lange zurückliegenden vergangenen Jahrhunderten sind oft schwierig zu beschaffen - zum Teil, weil sie vergriffen sind, zum Teil, weil sie aufgrund des säurehaltigen Papiers kurz vor dem Zerfall stehen. Über das Netzwerk sucht die Universitätsbibliothek ständig nach Werken und Schriftenreihen aus dem 20. Jahrhundert, die nicht mehr verfügbar sind und für eine Digitalisierung zur Verfügung stehen.

Andernfalls wüssten wir nichts über den bemerkenswerten Fall des Leopoldenhansls, der als Räuber nicht auf dem Schafott landete, sondern ins bürgerliche Leben zurückfand. Er hatte sich freiwillig festnehmen lassen, saß fünf Jahre im Zuchthaus ab und erwarb dann in Steinsberg ein kleines Anwesen. "Er heirathete und betrieb mittels eines, zeitweise auch zweier Pferde, den Geschirrhandel bis zum heutigen Tag", notiert Paulus anno 1876.

Über den Katalog der Regensburger Universitätsbibliothek, "Chronica Burglengenfeldensis" ist der Volltext abrufbar: https://www.regensburger-katalog.de/s/ubr/de/2/1035/BV046789460

© SZ vom 22.10.2020
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