Prozess Mario gegen Mario

Ehemaliger Bandido sagt gegen LKA-Beamte aus

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der frühere Bandido Mario F. und der Ermittler Mario H. irgendwann im Gerichtssaal sehen würden, war nicht gering. Immerhin darf Mario H., von dem sie im Landeskriminalamt (LKA) mit Respekt als "Super-Mario" reden, mit einigem Recht als Vorzeigebeamter gelten. Er war es, der sich federführend um die Ermittlungen in der Sache Hypo Alpe Adria kümmerte. Er war es, der im LKA an vorderster Front stand, als es um Korruptionsvorwürfe gegen Bernie Ecclestone ging. Er war es, dem 2014 die Führung der Sonderkommission übertragen wurde, die Fragen in der Causa Oktoberfest-Attentat aufklären sollte. Und er war es, der jener Abteilung vorstand, die mit der Bekämpfung organisierter Kriminalität in Bayern betraut war. Als Zeuge hat der LKA-Mann oft ausgesagt in Prozessen, er weiß, wie es zugeht in Gerichtssälen. Das Ungewöhnliche an diesem Mittwoch im Nürnberger Justizpalast ist nur: Diesmal ist Mario H. der Angeklagte.

Mario F. wiederum, das Ex-Mitglied bei der Rockergruppe Bandidos, ist als Zeuge geladen. Angeklagt sind sechs LKA-Beamte unter anderem wegen Diebstahls in mittelbarer Täterschaft. Im Kern geht es um die Frage, inwieweit sie wussten, dass F. für die Bandidos Bagger aus Dänemark illegal nach Deutschland schafft. Inwieweit sie also eine Straftat deckten und womöglich forcierten, um eine Quelle zu schützen. Denn das war F.: eine sprudelnde, gut entlohnte Quelle fürs LKA. Ein V-Mann also.

Die beiden Marios, die angeklagte LKA-Führungskraft und der Ex-Bandido im Zeugenstand, kennen sich. Zwar war der Spitzenbeamte nicht für den Kontakt zum LKA-Spitzel zuständig. Dafür, so hat er es vor Gericht geschildert, hatte er keine Zeit. Für Mario F. waren andere zuständig, zwei V-Mann-Führer, die sich ebenfalls vor Gericht verantworten müssen. Als aber die Sache heiß wurde, als der Diebstahl der Bagger auf der Autobahn in Franken von Kriminalbeamten gestoppt wurde und plötzlich Unannehmlichkeiten drohten, da habe er sich mit Mario F. doch einmal getroffen, in einer Münchner Kneipe. Da fand der Spitzenbeamte den Spitzel-Bandido "eloquent und selbstreflexiv". Aber angestiftet habe er den Mann ganz bestimmt zu nichts.

Der gemeinsame Münchner Kneipenbesuch war vor sieben Jahren, nun sieht man sich wieder, vor Gericht in Nürnberg. Anderthalb Meter entfernt ist der Angeklagte H. vom Zeugen F., beide sitzen mit dem Rücken zum Publikum. Offenbar kichert der Beamte bei den Aussagen des Ex-Bandidos, und er tut das so aufdringlich, dass einem Staatsanwalt der Kragen platzt. Er solle es endlich "unterlassen" bei der Aussage des Zeugen zu lachen, herrscht er den Beamten an. Die Stimmung ist gereizt.

Verständlicherweise. Denn wenn es stimmt, was der Ex-Bandido aussagt, dann belastet das die LKA-Beamten schwer - vor allem die V-Mann-Führer, aber damit natürlich auch deren Führungskräfte. Von Anfang an sei immer klar gewesen, dass er an einem Diebstahl von Baggern in Dänemark teilnehmen würde. Und das habe er dem LKA auch stets ganz klar "kommuniziert". Nun lese er davon, dass im LKA damals angeblich abgewogen worden sei, ob dieser Bagger-Deal womöglich ein Test sei, um ihn als Spitzel auffliegen zu lassen. "Das ist doch lächerlich", sagt F. Ein Riesencoup, wochenlange Vorbereitung und das alles sollen die Bandidos nur eingefädelt haben, um zu testen, ob er ein Spitzel ist? "Das sind alternative Fakten", sagt F.

Nach dem verpatzten Bagger-Coup musste F. jahrelang in Haft, eines Drogen-Deliktes wegen. Seit er raus ist, hat er eine veränderte Identität bekommen, um vor etwaigen Rache-Aktionen der Bandidos geschützt zu sein. Derzeit kämpft er darum, als Nebenkläger im Prozess zugelassen zu werden. Das hatte ihm das Landgericht verweigert, er beschwerte sich beim OLG. Sollte dieses ihn nachträglich zulassen, könnte der LKA-Prozess im schlimmsten Fall von Neuem beginnen. Denn als Nebenkläger hätte F. von Beginn an dabei sein dürfen. Das aber war er nicht.