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Prozess:"Ich habe sie am Hals gepackt. Und dann habe ich es bei unserem Sohn gemacht"

Urteil  im Doppelmord-Prozess

Alain A. lernte seine Lebensgefährtin 2005 in Südfrankreich kennen.

(Foto: dpa)
  • In der Gemeinde Eching am Ammersee soll ein Mann im August 2016 seine frühere Lebensgefährtin und den gemeinsamen siebenjährigen Sohn erwürgt haben.
  • Vor Gericht gesteht er die Tat.
  • Der Staatsanwalt sieht Eifersucht als Motiv.

Von Christian Rost, Eching/Augsburg

Stoisch stellt sich Alain A. am ersten Prozesstag vor dem Augsburger Schwurgericht den Kameras der Journalisten. Dann beginnt er, seine Version der Geschichte zu erzählen: Wie es dazu kam, dass er im August 2016 in Eching am Ammersee zuerst seine Lebensgefährtin erwürgte und unmittelbar danach seinen siebenjährigen Sohn. A. trägt seine Aussage zunächst ungerührt vor. Doch als er auf seinen Sohn zu sprechen kommt, bringt ihn das aus der Fassung. Mit tränenerstickter Stimme nennt er den unfassbaren Grund für seine Tat: "Mich hat so furchtbar traurig gemacht, dass mein Sohn gar nicht glücklich war."

Ein Mann, der sich von Mitleid mit seinem Kind zu einem Doppelmord treiben lässt? Staatsanwalt Matthias Neumann glaubt diese Geschichte nicht. In der Anklage zeichnet er ein anderes Bild des Angeklagten, nämlich eines vor Wut, Hass und Eifersucht rasenden Mannes, der aus niedrigen Beweggründen getötet habe.

Alain A. lernte seine Lebensgefährtin 2005 in Südfrankreich kennen. Sie zogen zusammen und arbeiteten beide als Journalisten in einer Agentur. Als sie schwanger wurde, gab die Frau ihren festen Job auf und reiste auch immer wieder in ihre Heimat, wo die Mutter und die Schwester lebten. Vor zwei Jahren schließlich entschied sich die 36-Jährige, ganz zurückzukehren. In Eching suchte sie sich eine Wohnung. Alain A. blieb in Frankreich und besuchte seine Freundin und den Sohn regelmäßig. Auch voriges Jahr in den Sommerferien wollte der 52-Jährige ein paar Tage in Eching bleiben. Sie hätten bis zum Schluss eine "Liebesbeziehung" gehabt, sagt A. "Ich habe sie immer geliebt und immer die Hoffnung gehabt, hierher zu kommen und mit ihr zu leben."

Tatsächlich hatte die Beziehung zumindest Brüche, denn A. hatte in Frankreich eine Affäre mit einer Lehrerin, bei der er Deutschstunden nahm. Und seine in Deutschland lebende Freundin hatte inzwischen einen neuen Partner, mit dem sie ihre Zukunft plante. Hier sieht der Staatsanwalt auch das wahre Motiv für die Tat: "Der Angeklagte war eifersüchtig und wollte keinesfalls akzeptieren, dass sie mit ihrem neuen Lebensgefährten zusammenzieht, der gemeinsame Sohn in dieser Beziehung lebt und sein Kontakt mit dem Vater seltener oder weniger werden könnte."

Zu seinem Sohn hatte Alain A. ein inniges Verhältnis. Während seines Ferienbesuchs in Eching ging er mit ihm zum Fußballspielen und auf den Minigolfplatz. Während einer dieser Unternehmungen habe sein Sohn ihm unvermittelt von seinen Sorgen erzählt, so der Angeklagte: "Mama sagt immer, ich soll dich anlügen", habe das Kind gesagt und dann noch mehr erzählt. "Ich bin immer trauriger und unglücklicher geworden", so A. Und als eines Abends die Mutter seines Kindes von einem Besuch bei ihrem neuen Freund mit Knutschflecken am Hals nach Hause kam, konnte er nicht mehr die Augen vor der Realität verschließen: Seine Freundin war für ihn verloren.

"Die Gedanken haben sich in meinem Kopf gedreht"

Am Abend des 16. August 2016 brachte Alain A. den Sohn ins Bett. Er legte sich neben ihn auf eine Matratze und betete mit ihm. Dann schlief das Kind ein. Der Vater lag wach und grübelte. "Die Gedanken haben sich in meinem Kopf gedreht", berichtet er. Gegen Mitternacht kam seine Freundin ins Zimmer. Er meinte, sie müssten noch über den Geburtstag des Sohnes sprechen. Daraufhin habe sie entgegnet, so schildert es jedenfalls A., dass die Feier ohne ihn stattfinden werde.

Sie habe ihm gesagt, dass sie mit ihrem neuen Freund den Geburtstag des Sohnes feiern wolle. "Das hat etwas ausgelöst in mir. Ich habe sie am Hals gepackt. Und dann habe ich es bei unserem Sohn gemacht", berichtet der Angeklagte. Das Kind hatte von dem Wortwechsel der Eltern gar nichts mitbekommen. Es schlief fest, als es der Vater am Hals packte und zudrückte. "Es war, als ob sich mir etwas bemächtigt hatte. Es ging sehr schnell", so A. weiter. Die Tat habe er als eine Art "Albtraum" erlebt. "Ich bin dann zu mir gekommen und wollte nur noch sterben." Er trank eine Flasche Whiskey in einem Zug aus, nahm eine halbe Schachtel Tabletten und fügte sich mit einem Messer Schnitte an seinen Armen zu.

In diesem Zustand fand ihn eine Polizeistreife vor, die von einer Arbeitskollegin seiner Lebensgefährtin alarmiert worden war. Die Frau hatte sich Sorgen um ihre Kollegin gemacht. An Details der Tat könne er sich nicht erinnern, sagt A. Und auch die Fragen des Vorsitzenden Richters Thomas Junggeburth, ob er seine Freundin zuvor schon bedroht habe und ob er eifersüchtig sei, verneint der Angeklagte, der inzwischen wieder zu seiner stoischen Haltung zurückgefunden hat. Der Prozess wird fortgesetzt.

© SZ vom 15.03.2017/eca
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