Rott am Inn Verhängnisvolle Entscheidung der Klinik

In der Forensik des Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg sind etwa 160 verurteilte Straftäter untergebracht.

(Foto: Matthias Köpf)
  • Ende Februar werden zwei Menschen im oberbayerischen Rott am Inn bei einem Nachbarschaftsstreit erstochen.
  • Der mutmaßliche Täter war bereits einen Monat zuvor aus der Forensik verschwunden. Der 25-Jährige galt als hochaggressiv.
  • Nun werden Vorwürfe gegen die Klinik laut. Hätte man mehr unternehmen können oder müssen?
Von Matthias Köpf, Rott am Inn

Das Inn-Salzach-Klinikum im oberbayerischen Wasserburg ist eine weitläufige, parkähnliche Anlage. Auf fast 50 Hektar sind meist zweistöckige Ziegel-Pavillons mit den Stationen verstreut. Nur ganz am Ende der Straße weichen die alten Laubbäume und die niedrigen Buchsbaumhecken übermannshohen Mauern und Zäunen mit Stacheldraht, auf den Masten Scheinwerfer, Bewegungsmelder, Kameras.

Wer sich zu lang für die Forensik des Bezirkskrankenhauses interessiert, lernt bald den Sicherheitsbeauftragten Walter Blüml kennen, doch der muss ähnlich verschlossen bleiben wie die schweren Tore aus schräg gestellten Stahllamellen. Denn hinter diesen Toren lebte sieben Jahre lang der junge Mann, der am 4. Februar einen genehmigten Spaziergang über das freie Klinikgelände zur Flucht genutzt hat. Am späten Abend des 27. Februar soll er dann keine 15 Kilometer entfernt in einem Mehrfamilienhaus in Rott am Inn zwei Menschen erstochen haben, "unvermittelt und hochaggressiv", wie die Polizei die Tat beschreibt. Seither werden nicht nur in Wasserburg Fragen gestellt.

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In Rott hat Bürgermeister Marinus Schaber noch die schwarze Trauerkleidung an. Er ist gerade von der Beerdigung des getöteten 73-Jährigen im benachbarten Emmering gekommen, am nächsten Tat soll in Rott die Urnenbestattung der anderen Toten, einer 66 Jahre alten Frau, stattfinden. Beide haben nur ein paar Schritte von Schabers Rathaus entfernt gewohnt.

Acht Wohnungen gibt es dort, in drei davon lebt seither niemand mehr: In den Wohnungen der beiden Opfer und in der Wohnung der 20 Jahre alten Frau, in der sich der geflohene Forensik-Patient zumindest in dieser einen Nacht aufgehalten hat. Möbel gab es darin schon nicht mehr, die junge Frau sollte am nächsten Tag endgültig ausziehen und war noch am Ausmalen, als es Nachbarn wohl wieder einmal zu laut wurde. Am Ende war die 66-Jährige tot, und auch der auch der 73 Jahre alte Mann, der gerade vom Stammtisch nach Hause kam und ebenfalls niedergestochen wurde.

Etwa zwei Stunden später nahm die Polizei am Rand des 4000-Einwohner-Orts als Tatverdächtigen den 25-Jährigen aus der Wasserburger Forensik fest, nach dem sie zuvor fast vier Wochen vergebens gesucht hatte. Im Jargon der Forensik war er am Abend des 2. Februar nicht geflohen, sondern hatte eine Lockerung missbraucht, nämlich eben den Spaziergang am Klinikgelände.

Ein solcher "unbegleiteter Ausgang außerhalb des gesicherten Bereichs" ist die vierte von acht Lockerungsstufen, die Patienten gewährt werden können und auch müssen, je nachdem wie die Ärzte den Therapieerfolg, die Gefährlichkeit und das Risiko einer Flucht einschätzen. Diese Entscheidungen sind stets Gratwanderungen zwischen ungegrenztem Freiheitsentzug und dem Schutz der Allgemeinheit. Sie werden im Team erörtert und mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen, denn die knapp 160 Patienten in der Wasserburger Forensik sind verurteilte Straftäter.