Olympia 1936 Für Hakenkreuze ist in der Erinnerung kein Platz

Adolf Hitler mit dem Organisator der Winterspiele und damaligen Mitglied des Internationalen Olympischen Kommitees, Karl Ritter von Halt.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

In Garmisch-Partenkirchen denken sie heute noch gern an die Olympischen Spiele 1936 zurück. Die Begleitumstände hat der Ort über Jahrzehnte verdrängt.

Von Matthias Köpf, Garmisch-Partenkirchen

Mitreißender Sport, begeisterte Fans, fröhliche Stimmung, reibungslose Organisation, die Welt zu Gast bei Freunden. So, wie sich Deutschland an seine Fußball-Weltmeisterschaft vor zehn Jahren erinnert, so haben die Menschen in Garmisch-Partenkirchen auch ihr Werdenfelser Wintermärchen im kollektiven Gedächtnis, die Olympischen Spiele von 1936.

Doch Garmisch-Partenkirchen war damals nicht in Schwarz-Rot-Gold getaucht, sondern in Schwarz-Weiß-Rot. Auf der Kehrseite der Medaille prangt das Hakenkreuz. Es hat bis zur Ski-WM im Jahr 2011 gedauert, dass diese Kehrseite im Ort öffentlich gezeigt wurde, gegen mancherlei Widerwillen noch nach 75 Jahren. Weitere fünf Jahre später ist nun der Katalog zur Ausstellung erschienen. Und dafür musste erst eine ältere Dame aus Frankfurt kommen.

Gabriele Rüdiger ist 2014 in den Ort gefahren, in dem sie kurz nach Kriegsende geboren worden war und ihre ersten Lebensmonate verbrachte. Die Spurensuche führte sie zu Gemeindearchivar Franz Wörndle, und der schickte sie unter anderem in die Olympia-Ausstellung, die 2011 im Kurhaus gezeigt worden war, dann eine Weile im Depot verschwand und seit 2014 auf Dauer in den muffigen und demnächst zur Sanierung anstehenden Räumen im Olympia-Skistadion hängt. "Und da sprang mir das Konterfei meines Großvaters entgegen", sagt Gabriele Rüdiger, geborene Pfundtner.

Olympia 1936 in Garmisch-Partenkirchen

Spiele unterm Hakenkreuz

Dieser Großvater, Hans Pfundtner, hatte an den Nürnberger Rassegesetzen mitgeschrieben, war Staatssekretär in der Reichsregierung und 1936 Mitglied des Olympia-Organisationskomitees für Garmisch-Partenkirchen. Im Ort führte man ihn als Ehrenbürger und ist noch heute der legalistischen Auffassung, dass sich die Ehrenbürgerwürde der Nazigrößen mit dem Tod, also in Pfundtners Fall mit dem Suizid 1945, von selbst erledigt hat.

Pfundtners Enkelin ist da eher fürs aktive Erinnern, doch Wörndle konnte ihr keinen Katalog zur Ausstellung mitgeben. Denn weder im Millionenbudget der Ski-WM 2011 noch im Haushalt der 27 000-Einwohner-Gemeinde hatten sich ein paar Tausend Euro gefunden, um das lang geplante Buch zu drucken. Also sprang Gabriele Rüdiger ein. Mit ihrer Hilfe ist ein knapp 200-seitiger Band entstanden, in vorerst 2000 Exemplaren. Allein die Garmisch-Partenkirchner sollten ihm dringend weitere Auflagen bescheren.

Einer der vier Autoren ist der Lokalhistoriker Alois Schwarzmüller. "Stimmt es wirklich, dass es in Garmisch-Partenkirchen keinen Nationalsozialismus gegeben hat?", sei er als Geschichtslehrer am Werdenfels-Gymnasium öfter gefragt worden. Er habe die Schüler dann erst zu ihren Eltern und Großeltern geschickt, mit diesem Ergebnis: "Die Eltern wissen nix und die Großeltern sagen nix." Auch die eigenen Eltern waren da kaum anders, sagt der inzwischen pensionierte Schwarzmüller. Speziell von Olympia 1936 hätten seine sportbegeisterten Eltern nur geschwärmt, so wie es in Garmisch bis heute die Regel ist unter den noch lebenden Zeitzeugen, die diese Spiele als Kinder erlebt haben.

Für Nazi-Deutschland waren die Winterspiele ein ähnlicher Propagandaerfolg wie die Sommerspiele ein paar Monate später. Die waren 1931, vor Hitlers Machtübernahme, an Berlin vergeben worden - zusammen mit den Winterspielen, für die sich das Ausrichterland selbst einen Ort suchen durfte. Die benachbarten Gemeinden Garmisch und Partenkirchen konkurrierten miteinander und mit Orten im Harz, in Thüringen, im Schwarzwald und in Schlesien. Langlaufen und vor allem Skispringen als damals weitaus populärste Disziplin konnte man auch dort, Alpin-Ski spielte nur eine Nebenrolle und war 1936 zum allerersten Mal olympisch. Trotzdem machten Garmisch und Partenkirchen das Rennen, wofür die Nazis deren lang diskutierte Verschmelzung erzwangen.

Erstmals überhaupt bei den Winterspielen fanden 1936 Abfahrts-Wettkämpfe statt.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Überhaupt konnten das Olympische Komitee und die Organisatoren für Garmisch-Partenkirchen zum ersten Mal auf die geballte Durchsetzungsfähigkeit einer modernen Diktatur zurückgreifen. Der Wille zur Selbstdarstellung zeigte sich in der Verwendung innovativer Kameratechniken - und darin, dass die öffentliche Hetze gegen Juden, die im Werdenfelser Land schon lang vor 1933 grassierte, während der Spiele zu pausieren hatte. Dass im Guardian ein Foto des Schilds "Juden Zutritt verboten" am Olympia-Verkehrsamt erschien, stärkte die Boykott-Bewegung, die dem Reich die Spiele wegen des Umgangs mit den Juden entziehen wollte. Berlin ordnete das Entfernen aller Schilder an, und kurz vor der Eröffnung verlangte Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß zumindest weniger drohende Formulierungen.

Das Originalschild "Juden unerwünscht" hing auch 2011 nur wenige Minuten am Garmischer Kurhaus, wo es die Ausstellungsmacher als provokativen Blickfang angebracht hatten. Das Organisationskomitee der WM wünschte kein Aufsehen, so wie es die ganze Ausstellung anfangs lieber im Sommer gesehen hätte. Erst auf Fürsprache der Garmischer Skilegende Christian Neureuther wurde sie während der WM gezeigt, sagen die Ausstellungsmacher und Katalog-Autoren Josef Ostler, Peter Schwarz, Alois Schwarzmüller und Franz Wörndle. Die Fragen, wie viel am Plakat vom Hakenkreuz unter der Medaille hervorschauen und wie viel Raum in der Ausstellung der NS-Hintergrund gegenüber dem Sport einnehmen sollte, wurden auch intern heiß diskutiert.

Nicht alle Garmischer wissen die ehrenamtliche Arbeit ihrer vier Mitbürger zu würdigen. In die Ausstellung gehe man auf keinen Fall, heiße es von einigen, sagt Josef Ostler. Und die Nachfahren des damaligen Nazi-Bürgermeisters verwahrten noch einen Medaillensatz von 1936 und wollten ihn auch nicht zeit- und leihweise zur Verfügung stellen. Dabei waren die Winterspiele 1936 nicht nur für die Nazi-Propaganda ein Erfolg. Sie sind bis heute ein großer Faktor für den Tourismus. Bei Befragungen nennen Menschen weltweit als erstes Olympia und erst dann das Neujahrsspringen und die Zugspitze, wenn ihnen etwas zu Garmisch einfallen soll, sagt Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer. Auch die - längst umgebauten - Sportstätten werden bis heute benutzt. Das Olympia-Skistadion mit seiner erhabenheitsheischenden Architektur entstand damals allerdings erst für eine Zukunft, die kriegsbedingt ausfiel. Denn auch die Winterspiele 1940 hätten wieder hier stattfinden sollen.

Josef Ostler, Peter Schwarz, Alois Schwarzmüller, Franz Wörndle: Die Kehrseite der Medaille. IV. Olympische Winterspiele Garmisch-Partenkirchen 1936. ISBN 978-3-00-054096-7; 16,90 Euro.

Lesen Sie mit SZ Plus:

Nationalsozialismus Wie München mit Nazi-Bauten umgehen soll
NS-Architektur

Wie München mit Nazi-Bauten umgehen soll

Die Nationalsozialisten wollten das alte München abreißen. Einige ihrer Bauwerke haben den Krieg überstanden. Sie spiegeln den Ungeist - und gehören gerade deshalb zur Stadtgeschichte.   Von Wolfgang Görl (Text) und Johannes Simon (Fotos)