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Oberammergau 2010: eine Bilanz:Passionsfrüchte

Es ist vollbracht: Am Sonntag endet die Passion in Oberammergau. Fast 100 Prozent Auslastung, Besuch von der Kanzlerin und ein Hagelschauer - was Jesus und den anderen Oberammergauern vom Laienspiel 2010 im Gedächtnis bleibt.

Jetzt, kurz vor Schluss, wissen beide nicht mehr, wie viele Interviews sie gegeben haben in den vergangenen Monaten. Irgendwann haben sie aufgehört zu zählen. "Dreistellig", sagt Andreas Richter. "Viel mehr als hundert", glaubt Frederik Mayet. Die beiden spielen die Hauptrolle bei den Oberammergauer Passionsspielen, den Jesus von Nazareth, der sich anspucken lassen muss vom Volk, gestoßen wird und geschlagen.

Am Sonntag endet die Passion, dann werden sich die Jesus-Darsteller Frederik Mayet (links) und Andreas Richter von Vollbart und Zottelhaar trennen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Beide hingen mehr als 50-mal am Kreuz auf der Bühne des Passionstheaters. Mayet hört seit vier Wochen nicht mehr gut auf seinem rechten Ohr, seitdem eine Watsche die Backe verfehlt hat. Richter fasst sich an die Unterarme, fährt über die Schwielen dort, die der Strick hinterlassen hat, auf den er mit den gebundenen Händen immer wieder fällt. Am Sonntagabend wird die 41.Passion nach 109 Spieltagen enden.

"Schon okay, wenn's rum ist", sagt Richter. Es wird sich gut ausgehen nach diesem kalten Sommer mit Nächten von nur vier, fünf Grad, schneien wird es nicht mehr. Stundenlang in Sandalen, der Oberkörper von nichts als Theaterblut bedeckt, da schmerzt Schneeluft mehr als die blauen Flecken, die aufgeschürften Knie und angeschrabbten Zehen. Jeder spiele in diesen Tagen um sein Leben, sagt Richter. Die Erniedrigungen aber, die Jesus erfährt, lässt er an sich persönlich nicht mehr ran. "Das ist ungesund."

Bei der nächsten Passion in zehn Jahren wird er 43 sein, zu alt, um in Marias Arme zu sinken. Auch manch einer von den Räten mit schlohweißem Bart mag befürchten, dass diese Passion die letzte für ihn war. Beim Abschied werden Tränen rollen, das war schon immer so.

"Meine Hoffnung auf ein gutes Passionsspiel hat sich erfüllt", sagt Frederik Mayet. Diese dritte Inszenierung von Christian Stückl wurde hoch gelobt, es sind wenig Unfälle passiert. Der größte Schock war der Sturz eines Hauptmanns vom Pferd. Letztlich aber überwiegen die guten Erinnerungen. Mayet erzählt von dem Hagelschauer, der das Spiel für eine Viertelstunde unterbrochen hat, den er als besonderen Moment im Gedächtnis behält.

Oberammergau liegt in den Bergen, da bekommen Himmelsregungen eine bedrohliche Bedeutung. Das lange umstrittene Dach hat die Darsteller vor dem Schlimmsten bewahrt. "Ein Segen", hört man allerorten. Einer der Schauspieler, erzählt Mayet, habe es neulich so ausgedrückt: "Für 800.000 Euro war das Dach geplant, 3,5 Millionen hat es gekostet, fünf Millionen ist es wert."

Auch als Pressesprecher der Passion hat Mayet sein Ziel erreicht. Er wollte unbedingt eine Geschichte in der New York Times lancieren. Und auch im Wall Street Journal konnte er ein Stück über Oberammergau lesen. Sein Kodarsteller Richter amüsiert sich immer noch über ein Bild von sich in einem chinesischen Handelsblatt. Die große Aufmerksamkeit, die Anerkennung für ihre Leistung, lassen ihn die Dreifachbelastung von Beruf, Familie und Spiel gut wegstecken.

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