Süddeutsche Zeitung

Oberammergau 2010: eine Bilanz:Passionsfrüchte

Lesezeit: 3 min

Es ist vollbracht: Am Sonntag endet die Passion in Oberammergau. Fast 100 Prozent Auslastung, Besuch von der Kanzlerin und ein Hagelschauer - was Jesus und den anderen Oberammergauern vom Laienspiel 2010 im Gedächtnis bleibt.

Sabine Buchwald

Jetzt, kurz vor Schluss, wissen beide nicht mehr, wie viele Interviews sie gegeben haben in den vergangenen Monaten. Irgendwann haben sie aufgehört zu zählen. "Dreistellig", sagt Andreas Richter. "Viel mehr als hundert", glaubt Frederik Mayet. Die beiden spielen die Hauptrolle bei den Oberammergauer Passionsspielen, den Jesus von Nazareth, der sich anspucken lassen muss vom Volk, gestoßen wird und geschlagen.

Beide hingen mehr als 50-mal am Kreuz auf der Bühne des Passionstheaters. Mayet hört seit vier Wochen nicht mehr gut auf seinem rechten Ohr, seitdem eine Watsche die Backe verfehlt hat. Richter fasst sich an die Unterarme, fährt über die Schwielen dort, die der Strick hinterlassen hat, auf den er mit den gebundenen Händen immer wieder fällt. Am Sonntagabend wird die 41.Passion nach 109 Spieltagen enden.

"Schon okay, wenn's rum ist", sagt Richter. Es wird sich gut ausgehen nach diesem kalten Sommer mit Nächten von nur vier, fünf Grad, schneien wird es nicht mehr. Stundenlang in Sandalen, der Oberkörper von nichts als Theaterblut bedeckt, da schmerzt Schneeluft mehr als die blauen Flecken, die aufgeschürften Knie und angeschrabbten Zehen. Jeder spiele in diesen Tagen um sein Leben, sagt Richter. Die Erniedrigungen aber, die Jesus erfährt, lässt er an sich persönlich nicht mehr ran. "Das ist ungesund."

Bei der nächsten Passion in zehn Jahren wird er 43 sein, zu alt, um in Marias Arme zu sinken. Auch manch einer von den Räten mit schlohweißem Bart mag befürchten, dass diese Passion die letzte für ihn war. Beim Abschied werden Tränen rollen, das war schon immer so.

"Meine Hoffnung auf ein gutes Passionsspiel hat sich erfüllt", sagt Frederik Mayet. Diese dritte Inszenierung von Christian Stückl wurde hoch gelobt, es sind wenig Unfälle passiert. Der größte Schock war der Sturz eines Hauptmanns vom Pferd. Letztlich aber überwiegen die guten Erinnerungen. Mayet erzählt von dem Hagelschauer, der das Spiel für eine Viertelstunde unterbrochen hat, den er als besonderen Moment im Gedächtnis behält.

Oberammergau liegt in den Bergen, da bekommen Himmelsregungen eine bedrohliche Bedeutung. Das lange umstrittene Dach hat die Darsteller vor dem Schlimmsten bewahrt. "Ein Segen", hört man allerorten. Einer der Schauspieler, erzählt Mayet, habe es neulich so ausgedrückt: "Für 800.000 Euro war das Dach geplant, 3,5 Millionen hat es gekostet, fünf Millionen ist es wert."

Auch als Pressesprecher der Passion hat Mayet sein Ziel erreicht. Er wollte unbedingt eine Geschichte in der New York Times lancieren. Und auch im Wall Street Journal konnte er ein Stück über Oberammergau lesen. Sein Kodarsteller Richter amüsiert sich immer noch über ein Bild von sich in einem chinesischen Handelsblatt. Die große Aufmerksamkeit, die Anerkennung für ihre Leistung, lassen ihn die Dreifachbelastung von Beruf, Familie und Spiel gut wegstecken.

Dass Bundespräsident Wulff und Kanzlerin Merkel zu ihnen gekommen sind, das bedeutet den Spielern viel. 99,8 Prozent Auslastung bei 109 Vorstellungen desselben Stücks, welches Theater hat schon solche Zahlen? Ein Laienspiel noch dazu. Auch die Hauptdarsteller fühlen sich immer noch als Laien, Richter hatte vorher noch nie gespielt.

Den Starkult, den nur Profis kennen, haben sie durchaus genossen. Ein paarmal hat Richter im Busunternehmen seiner Eltern als Fahrer ausgeholfen. Sein langes Haar und der Wallebart haben ihn als Darsteller kenntlich gemacht. Als die Gäste herausfanden, wer sie zu ihrem Hotel brachte, war die Aufregung groß. "Ich habe doppelt so lange für eine Strecke gebraucht als andere", sagt Richter. Weil er Textbücher, Servietten, T-Shirts zum Unterschreiben vor die Nase bekam. Berührt und selig seien die Leute gewesen, und ihm selbst ging es wohl nicht anders.

Vielleicht steht in 30 Jahren Richters Sohn an dessen Stelle. Christian Stückl, 48, wird dann wohl nicht mehr Spielleiter sein. In fünf Jahren setzen sich die Entscheidungsträger wieder zusammen, so ist es üblich, um erste Weichen zu stellen. Der Geist für eine weitere Passion sei da, sagt Stückl. Man spürt, dass er dranbleiben will, vor allem am Text, an der Interpretation. Ohne Passion wäre sein Leben aus dem Gleichgewicht - trotz Volkstheater, Oper und "Jedermann" in Salzburg.

Auch die Welt wird sich in zehn Jahren verändert haben, das geht heute schneller als in der Vergangenheit. 1990 habe sich doch niemand vorstellen können, das Shma Israel auf Hebräisch anzustimmen, sagt Stückl. Oder auf einer blauen Bühne zu spielen. Beides war jetzt möglich. Noch im Mai hatten viele befürchtet, dass die Passion die Wirtschaftskrise nicht heil überstehen würde. Die aber war sogar gut für das Spiel.

Denn im Saal saßen mehr deutschsprachige Zuschauer als sonst, die dem Spiel ohne Textbuch auf den Knien, dafür aufmerksamer folgten. Nächstes Jahr will er Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" in Oberammergau inszenieren. Das Dorf soll nicht für zehn Jahre in Tiefschlaf verfallen. Das können sie sich nicht leisten. Zuvor aber kommen die Bärte und die Haare ab. So schnell wie möglich, sagt Richter: "Ich will einen echten Schnitt machen."

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Quelle:
SZ vom 01.10.2010
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